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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr.I 
16 
E>in 
Treundscßaftsdienst 
Du! 
Zehhe 
SeBastian 
alter Theobald Spießer ging, die rot 
blonden Schnurrbartenden zupfend, in 
seinem Zimmer, das er der Schutzmanns 
witwe Henriette Timpe mit Morgen 
kaffee abgemietet hatte, mit langen Schritten auf 
und ab. Dann wieder steckte er beide Hände, zu 
Fäusten geballt, in die Hosentaschen und blickte 
mit den wasserblauen Augen nach der Decke 
empor, als erwarte er, daß ihm „von oben“ eine 
Erleuchtung komme und ihm einen Ausweg aus 
dem Irrgarten der Gedanken bringe. Die Sache 
lag wirklich verzwickt, sogar sehr verzwickt. 
Walter Theobald Spießer hatte eine Braut. Das 
ist an sich nichts besonderes bei einem jungen 
Manne. Und diese Braut gedachte er zu ehelichen; 
auch nichts besonderes weiter, aber immerhin ein 
Zeichen von — na, sagen wir — Willensstärke. 
„Sie“ war nicht auffallend hübsch, aber gut ge 
wachsen und (aha!) bekam eine schöne Summe 
Geldes von dem Herrn Papa, einem pensionierten. 
Staatsbeamten, mit in den heiligen Stand der 
Ehe. Gegen die Familie war also nichts zu sagen 
und gegen das Mädel auch nicht. Aber — und nun 
kam der Haken, der Walter Theobald zu der 
Zimmerpromenade veranlaßt hatte. 
Seine zukünftige Frau mußte unberührt in die 
Ehe treten. Das war er einfach seiner Familie 
schuldig. An diesem Prinzip der Familie Spießer 
wollte, nein, mußte er unter allen Umständen fest- 
halten. Dieser Tradition war auch sein seliger Ur 
großvater, sein seliger Großvater und dito Vater 
treu geblieben, und noch jede angeheiratete 
Spießer hatte das Erfordernis makelloser Reinheit 
mit in die Ehe gebracht. (Daß es das einzige Mit 
bringsel war, tut ja nichts zur Sache.) 
Doch wie stand es damit bei Katharina, der Er 
wählten seines Herzens? Es war ja eigentlich aus 
geschlossen, daß . . . Die einstige Staatsbeamten 
stellung des Herrn Papa bürgte wohl dafür. . . . 
Aber, wer kann wissen? Am Sonntag hatte die 
Schwiegermutter in spe Geburtstag, und da sollte 
im trauten Familienkreise die offizielle Verlobung 
des jungen Paares vonstatten gehen. Bis dahin 
mußte er Gewißheit haben. Denn das stand für ihn 
fest: Er, Walter Theobald Spießer, würde nie und 
nimmer gegen das seit undenklichen Jahren wohl 
gehütete Familienprinzip der makellosen Reinheit 
verstoßen, eher würde er — trotz der in Aussicht 
stehenden schönen Summe Geldes — die Braut 
aufgeben. 
Ja aber, um alles in der Welt, wie sollte er 
feststellen, ob . . . Heftig zupften die Finger an 
den strohblonden Schnurrbartspitzen; und wieder 
fuhren die Hände, zu Fäusten geballt, in die 
Hosentaschen, blickten die wasscrblauen Augen 
zur Decke empor, Erleuchtung suchend. ... Sie 
selbst danach fragen, war natürlich ein Unding, 
das sah er ohne weiteres ein. Die Eltern? (Der 
Herr Papa war früher Staatsbeamter!) Ganz aus 
geschlossen. Sonstige Verwandte? Das war ebenso 
unmöglich. Und überhaupt geradezu peinlich, 
direkt genant. Nein, das brächte er auf keinen 
Fall über die Lippen. Aber vielleicht ein anderer? 
Ein plötzliches Aufleuchten erhellt seine sorgen- 
düstere Miene. Gewiß, so ging es. Dieser Kurt 
Wehland war der richtige Mann dazu. Dieser 
Hans in allen Gassen. Dieser gerissene Junge, 
dieser Allerweltskerl und verflixte Don Juan, der 
würde die Sache schon machen. Der kannte siph 
in, allen Chosen aus. Der würde es schon heraus-
        
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