Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr, 7 
20 
K L A R I S S A 
iHiiiiiiiiiiiimiiiliiininiiiiiiiiiiniiinniiiiiiininlinniniiiiiiiiiiiHHMMiiiinm‘ 
LEO HELLER 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen, 
und alle Welt erstarb in Scham 
als sie, sonst nimmt so was nicht wunder, 
plötzlich ein kleines Kind bekam. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen, 
drum wundert man sich spat und früh: 
Gesenkte Blicke?-Dichtes Bläschen? 
Das feine Heim? Wie ging das zu? 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen. 
Des Rätsels Lösung ward nie klar, 
trotzdem die Stadt danach alltäglich 
mit Eifer auf den Beinen war. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen, 
die Blicke immerdar gesenkt, 
so geht sie nachmittags spazieren, 
wie wenn sie an was Frommes denkt. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen, 
ihr Rock ist lang, ihr Bluschen dicht, 
von ihrem ganzen süßen Menschen 
erspäht man nur ihr Angesicht. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen, 
bei Fest und Tanz sah man sie nie, 
sie wohnt bei einer Hofratswitwe, 
dem Grauen Kloster vis-a-vis. 
Klarissa ist ein ernstes Mädchen. 
T ante Jenny, wie sie kurz genannt wurde, hatte eine 
Leidenschaft. Sie hielt sich berufen, gefallene Mädchen zu 
betreuen und so lange zu behüten, bis sie sie in feste Arbeit 
und Lohn oder gar unter die Haube gebracht hatte. 
Da Tante Jenny reich war, konnte sie sich den Luxus leisten. 
Damit es den Mädchen aber ganz unmöglich war, irgendwelche 
Dummheiten zu machen, ließ sie den jeweiligen Schützling 
immer neben ihrem Bett in ihrem keuschen Schlafzimmer 
schlafen. Da konnte sie das Mädchen überwachen und es 
konnte sich nichts Menschliches, Allzumenschliches ereignen. 
So dachte sie wenigstens; sie hatte aber dabei mit einem 
kleinen Umstand nicht gerechnet. . . . Sie hatte nun wieder 
ein sogenanntes gefallenes Mädchen bei sich aufgenommen. 
Mietze hieß sie und war bildhübsch. 
Ihre blonden Haare waren zum Bubenkopf geschnitten und 
umrahmten voll und lockig ein wahres Madonnengesicht. Die 
Augen waren groß und blau und unschuldig. Ihre Waden 
prall und ihre Enkel zart und fein. Sie war klug und liebens 
würdig und schien sich ganz in die Magdalenenrolle hinein 
gefunden zu haben, die ihr Tante Jenny aufgezwungen. 
Natürlich schlief sie auch in demselben Zimmer mit ihrer 
Herrin, deren Bett neben dem ihrigen stand. 
Das ging eine Weile ganz gut und schön, dann, trat aber 
eine so sichtbare Veränderung der äußeren Formen des früher 
so schlanken und ranken Mädchens ein, daß Tante Jenny um 
ihren Gesundheitszustand besorgt wurde und nach Konsulta 
tion des Konversationslexikons auf Wasser diagnostizierte. 
Obgleich Mietze sich ganz und gar nicht darauf einlassen 
wollte, ging sie doch mit ihr zu dem Hausarzt und der stellte 
lächelnd fest, daß es vielleicht Wasser sein möchte, denn ein 
griechischer Weiser habe ja erklärt, alles, was bestünde, sei 
eigentlich Wasser, dieses Wasser aber habe die Form eines 
ganz kleinen Homo sapiens, und wenn noch einige Monate ins 
Land gegangen seien, so würde dieses Wasser schreien und 
sich in einen kleinen Weltbürger verwandelt haben. 
Tante Jenny, die das Mädchen Tag und Nacht nicht aus dem 
Auge gelassen hatte, war über die Frivolität des Arztes der 
artig empört, daß sie ihn bezahlte und ihm ein für alle Mal 
ihre Freundschaft kündigte. 
Dann aber war sie ratlos mit Mietze von dannen gegangen. 
Hatte der Arzt recht, daß hier keine Krankheit vorlag und 
hatte er gar recht, daß hier ein Mensch im Werden sei, so 
mußten übernatürliche Kräfte am Werke sein und sie wandte 
sich an einen Spiritisten. 
Der war sofort Feuer und Flamme und erklärte, nachdem 
er alles aufmerksam angehört, hier müsse unbedingt ein über 
natürliches Wunder vorliegen, denn durch Händedruck habe 
bis jetzt noch kein Mädchen ein Kind bekommen, das sei 
erwiesen, und da sich sonst kein Mann dem Mädchen Tag und 
Nacht hätte nähern können, läge hier einfach ein unerklärliches 
Rätsel vor. 
Er experimentierte auch mit ihr in der Dunkelkammer, 
konnte aber trotz mehrfacher Sitzungen nicht hinter das Ge 
heimnis' kommen. Soviel konnte er allerdings feststellen, 
Gase, wie sie die schwindelnden Medien zu verschlucken 
pflegen, waren es nicht; das, was da war, schien schon kom 
pakterer Natur zu sein. 
Alle Welt stand vor einem Rätsel. 
Nun hatte sich in der Gegend ein Mord ereignet und ein 
junger Mensch stand als dringend verdächtig vor dem Unter 
suchungsrichter. 
Der Angeklagte leugnete hartnäckig, den Mord begangen 
zu haben, aber der Richter glaubte ihm nicht und bewies ihm 
alle Momente, die für die Wahrscheinlichkeit sprächen, daß 
er den Mord begangen habe. Er sei mit dem Ermordeten 
befreundet gewesen, er allein hätte Tag und Nacht Zutritt zu 
ihm gehabt, außerdem sei die goldene Uhr des Ermordeten 
in seinem Besitz gefunden worden. 
Der Angeklagte, der wußte, daß es um Kopf und Kragen 
ging, leugnete alles und sagte, die Uhr habe ihm der Ermordete
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.