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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 7 
Jafirg. 27 
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kunft, noch ihr Rang, noch ihre angeheirateten Beziehungen 
unter den meinen stehen, bin ich als Ehrenmann verpflichtet 
ihr beizustehen. Und außerdem ist sie eine sehr hübsche Frau.“ 
Das ist die einzige Andeutung über die Vorzüge ihrer äußeren 
Erscheinung, die Byron sich entschlüpfen läßt. In Krankheits 
fällen lobt er ihren Mut und ihre Tapferkeit, mit der sie alle 
körperlichen Unannehmlichkeiten erträgt. Des Dichters ewig 
nach neuen Mittelpunkten dürstender Geist, dem die Liebe 
nur Abwechslung oder süß berauschendes Narkotikum, fand 
auch in dem Bund mit Teresa Guiccioli nicht letzte Erlösung, 
nicht letztes Genügen. „Das Leben des Mannes muß Unruhe 
sein“, schreibt er gelegentlich. Und er beginnt mit den Vor 
bereitungen der Expedition, die ihn mitten in die kriegerischen 
Wirren Griechenlands führte. Dort ereilte ihn der Tod 
1824 im Alter von sechsunddreißig Jahren. Teresa Guiccioli 
heiratete in zweiter Ehe einen französischen Marquis, der 
seine Gattin gern mit den Worten vorstellte: „Meine Frau, 
die einstige Maitresse Lord Byrons.“ 
LOTHAR^ SACHS 
er Dichter Carl Maria Wunderlich war ein 
weichlicher Mensch und von femininer Ge 
mütsveranlagung. Er ließ sich von Augen 
blicksstimmungen hin und her schütteln, und 
seine zartbesaitete Seele reagierte besonders 
stark auf Enttäuschungen, die ihm Frauen 
bereiteten. So oft er sich betrogen sah — 
und das kam recht oft vor — bekam er 
Anwandlungen von Weltschmerz, Melan 
cholie und Schwermut und spielte mit Selbst 
mordgedanken. Die ganze Umgebung betrachtete er dann wie 
durch einen schwarzen Flor, die Zukunft erschien ihm düster 
und trostlos, sein Dasein ohne Zweck und Ziel. . . . Diesmal 
hieß sie Ellen. Carl Maria Wunderlich hatte einwandfrei fest 
gestellt, daß sie trotz heißer Treueschwüre und verschwende 
rischer Zärtlichkeit ihn hinterging. Aufgeregt ging er auf und 
ab, dann eilte er, wie einem plötzlichen Impulse folgend, ins 
Schlafzimmer, zog seinen Frack 
an, steckte sich eine Orchidee 
ins Knopfloch und kehrte wie 
der in sein Arbeitszimmer zu 
rück. In dem hohen Spiegel 
prüfte er sein elegantes Bild. 
Mit einer gewissen Befriedi 
gung, aber auch mit einem ge 
wissen Bedauern. Denn eigent 
lich war es doch jammerschade, 
daß ein so begabter Dichter 
und hübscher Kerl in einer 
Viertelstunde mit durchschos 
sener Schläfe auf dem Boden 
liegen würde. Aber jetzt wollte 
er nicht mehr zurück, konnte 
es auch gar nicht mehr. Denn 
er hatte Ellen einen Abschieds 
brief geschrieben, in dem er ihr 
von seinem bevorstehenden 
Selbstmord Mitteilung machte. 
Diesen Brief mußte Ellen noch 
mit der Abendpost bekommen, 
und welche Blamage wäre es 
für ihn, wenn sie ihn aufsuchte 
und noch lebend träfe! Mit 
einer Art Wollust malte er sich 
den Schrecken aus, der sie beim 
Lesen des Briefes befiel. Er zog 
aus seinem Schreibtisch einen 
Revolver, drehte ihn liebkosend 
zwischen den Fingern hin und 
her und legte ihn wieder bei 
seite. Er hatte noch einige 
Vorbereitungen zu treffen und 
seine letzten Wünsche niederzu 
schreiben . , Da wurde plötzlich 
die Türklinke heftig niederge 
drückt, und auf der Schwelle 
stand eine elegante, entzückende 
Blondine, aus deren Zügen eine 
mühsam unterdrückte Erregung 
sprach. Carl Maria Wunderlich Bad am Sonnabend 
war aufgesprungen und starrt© in hilflosem Erstaunen auf die 
ihm völlig fremde Dame, die ohne jedes Zeremoniell in sein 
Zimmer kam. „Verzeihen Sie die Störung, habe ich die Ehre 
mit Herrn Wunderlich?“ Unruhig flackernde Augen musterten 
ihn mißtrauisch. „Jawohl, meine Gnädigste, und womit kann 
ich dienen?“ „Frau von Marbach“, sagte sie, „ich möchte Sie 
in einer ganz persönlichen Angelegenheit unter vier Augen 
sprechen.“ 
„Darf ich bitten.“ Er bot ihr einen Fauteuil an und setzte 
sich ihr gegenüber. An dem Vibrieren ihrer Lippen, dem 
leichten Zittern, das um den Mund huschte, konnte man auf 
ihre große innere Erregung schließen. Aber mit einem Male 
schien sie alle Willenskraft zu sammeln, sie strafft© sich auf, 
und kurz und scharf klang es: „Ihre Braut, Fräulein Ellen 
Seybold, betrügt Sie!“ 
Carl Maria Wunderlich zuckte zusammen. Die Eröffnung 
hatte zwar nichts Überraschendes mehr für ihn, aber was ging 
es schließlich Frau von Marbach 
an, wenn er betrogen wurde. 
Sie schien diese Gedanken zu 
erraten, denn sie kam seinem 
Einwand zuvor. 
„Der Geliebte von Ellen Sey 
bold ist mein Mann! Das er 
klärt und entschuldigt mein 
Kommen wohl zur Genüge!“ 
Aber jetzt war es mit ihrer 
Fassung zu Ende. Sie schluchzte 
laut in ihr Spitzentaschentuch, 
und der Dichter stellte mit 
wachsendem Interesse fest, wie 
schön sie war, wenn sie weinte. 
Er fühlte die Verpflichtung, 
seinen eigenen Schmerz zurück 
zudämmen und sein schönes, 
bedauernswertes Gegenüber zu 
trösten. Jetzt kam ihm zu 
statten, daß er ein Dichter 
war. Er erzählte in fesselnder 
Rede von seinem eigenen 
Schicksal, seinen eigenen 
schmerzlichen Erfahrungen, sie 
hörte ihm interessiert zu, be 
ruhigt wie ein Kind, das von 
lieber Mutterhand gestreichelt 
wird. Im Eifer der Unterhaltung 
war er ihr immer näher gerückt, 
jetzt saßen sie dicht beisam 
men, plauderten von tausend 
anderen Dingen, wie zufällig 
hatte er ihre kleine weiße Hand 
ergriffen . . . 
Als Ellen den Brief Carl 
Maria Wunderlichs erhalten 
hatte, stürmte sie, von Ge 
wissensbissen gefoltert, in seine 
Wohnung, um den Selbstmord 
zu verhindern. Sie fand ihn ge 
sund und munter in den Armen 
Köves der Frau von Marbach.
        
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