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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr. 7 
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ZUM 100.TODESTAGE DE5 DICHTERS AM 19. APRIL1924- 
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an vermutet in der Frau, die sich des großen Eng 
länders letzte Liebe nennen durfte, eine Individu 
alität von außergewöhnlichem Format. Aber man 
wird einigermaßen enttäuscht, wenn man die kurzen, 
nur skizzierenden Schilderungen Byrons in den 
Briefen an seine Freunde liest, die er von der Persönlichkeit 
der Gräfin Teresa Guiccioli entwirft. 
Denn man findet nirgends Anhaltspunkte für eine besondere 
geistige oder seelische Veranlagung der italienischen Aristo 
kratin. Diese Wortkargheit Lord Byrons, der sonst seinen 
Herzensköniginnen so beredte Loblieder zu singen wußte, be 
rührt seltsam, ja auffallend, wenn man sie nicht als diskrete 
Zurückhaltung der Dame seines Standes gegenüber nehmen 
will, denn der Dichter besaß ein ausgeprägtes Standesbewußt 
sein, das ihn auch seiner Lordschaft stets eingedenk bleiben 
ließ. Er war nie ohne mehrere Herzensköniginnen zugleich. 
Den Titel einer amica di euere vergab er leicht und rasch. In 
dem Briefwechsel mit seinen Freunden ist während seiner 
letzten Lebensjahre, die seiner aktiven Anteilnahme an den 
kriegerischen Wirren Griechenlands vorangingen, allerdings 
nur immer von der Guiccioli als seiner erklärten Herzensdame 
die Rede, aber es geht angesichts der zahlreichen Liebesaben 
teuer des Dichterlords daraus nicht hervor, daß diese Herzens 
königin in der Tat ohne Vicekönigin geblieben wäre. Man darf 
den Begriff einer letzten Liebe Byrons nicht allzu wörtlich 
nehmen. Sein Tod zerriß den Bund. Und nur sein Ableben 
verklärt die italienische Aristokratin mit dem Nimbus, die 
letzte amica di cuore des globetrotternden genialen Engländers 
gewesen zu sein. 
Das Memoirenwerk des Dichters, das nach seinem Tode 
unter dem Titel „Mein Leben“ herausgegeben werden sollte, 
ist von seinem Freunde Thomas Moore aus übergroßer 
Rücksichtnahme auf gewisse Zeitgenossen Byrons vernichtet 
worden, obwohl dieser selbst seiner geschiedenen Gattin, die 
er in allen seinen Briefen und gewissermaßen mit dem Hute 
in der Hand nur als Lady Byron erwähnt, das Zensoramt 
übertragen hatte, das Thomas Moore schließlich ausübte. Der 
Nachwelt ist damit ein wertvolles Dokument verloren ge 
gangen, das letzte Offenbarung über des Dichters innerstes 
Sein hätte geben können. In Paris sind zu Ehren des 100. 
Todestages Byrons zwei neue Werke erschienen, die sich mit 
seiner Persönlichkeit beschäftigen, aber auch sie schöpfen 
lediglich aus dem Briefwechsel des Dichters mit seinen 
Freunden und aus Aufzeichnungen von Zeitgenossen wie 
Stendhal, der Byron gelegentlich eines Aufenthaltes in Mai 
land kennen lernte. 
Im Hause der Gräfin .Albrizzi in Venedig, die selbst kunst 
sinnig und künstlerisch produktiv als Schriftstellerin, von 
Byron die venetianische Stael genannt, machte er 1819 die Be 
kanntschaft der Gräfin Teresa Guiccioli, die in den Briefen 
des Dichters nur als eine italienische Aristokratin erscheint, 
wie sie ihr Zeitalter hervorbrachte. Lady Blessington, mit der 
Byron freundschaftlich verkehrte, schildert die Guiccioli als 
eine Dame von höchst einnehmenden, vornehmen Manieren, 
von hoher Bildung und geistvoll im Gespräch. Als Byron sie 
zum ersten Male sah, war die Komtesse eine Sechzehnjährige 
und seit drei Tagen ihrem Gatten, der bereits im 61. Lebens 
jahre stand, angetraut. Auf dem ersten gesellschaftlichen Aus 
flug als junge Frau durfte sie dem englischen Dichter, dessen 
Liebesabenteuer in aller Munde waren, ins tiefe dunkle Auge 
schauen. Stendhal schildert Byron als einen Götterliebling von 
klassischer Schöne. „Es war mir, als ob ich ihm die Hände 
küssen sollte ‘, sagt er im Überschwang seines Entzückens. 
Was Wunder, daß die junge Teresa von dieser blendenden 
Männererscheinung auf den ersten Blick gefangen genommen 
wurde!“ 
Zweifellos war ihr der sechzig jährige Gatte, der damaligen 
Sitte gemäß, von den Eltern ausgesucht worden. Und ebenso 
zweifellos hatte sie, gleich ihren französischen Mitschwestern, 
schon im Kloster von dem Cavalier servente geträumt, der die 
Vernunftehe mit der notwendigen Romantik umkleiden würde. 
Byrons weibliches Schönheitsideal war der brünette italie 
nische Frauentyp. Seine beiden Herzensköniginnen Marianne 
Segati und Margareta Cogni, die schöne Bäckersfrau, beweisen 
es. „Sie gleicht in ihrer ganzen Erscheinung einer Antilope. 
Ihre großen dunklen Augen besitzen jenen sonderbaren Aus 
druck, der bei den Europäerinnen, auch bei den Italienerinnen 
so selten ist“, schreibt er einem Freunde, der Näheres von der 
Segati zu hören wünschte. Und Margareta Cogni schildert er 
als sehr dunkel, groß, mit echt venetianischem Gesicht, 
schönen, schwarzen Augen — und gewissen anderen Eigen 
schaften, die ich nicht anzugeben brauche.“ Sie war zweiund 
zwanzig Jahre alt und hatte ihre Figur nicht verdorben, da sie 
keine Kinder gehabt hatte“, fügt er hinzu. 
Da Byron nach seiner eigenen Aussage innerhalb von zwei 
Jahren in Italien mehr Frauen hatte, als sich zählen oder an 
geben läßt, waren niedliche kleine Skandalszenen der eifer 
süchtigen Donnen untereinander nichts seltenes, ja es kam 
sogar zu Prügeleien, bei denen sie sich gegenseitig Ohrfeigen 
verabreichten. 
Margareta Cogni war sehr fromm. Sie pflegte sich zu be 
kreuzigen, wenn die Gebetstunde schlug — aber manchmal 
schien diese Zeremonie mit dem, was sie gerade vor hatte, 
nicht sehr in Einklang — sagt Lord Byron. 
Nicht ein einziges Mal erwähnt der stolze Lord die äußeren 
Reize seiner Teresa, von denen wir ebenfalls nur durch Lady 
Blessington wissen. Ihr Gesicht war sehr schön, urteilte diese, 
der Teint zart, die Haare von dem Goldblond des Tizian- 
Ideals. Lord Byron war gewöhnt, Frauen ohne Belagerung zu 
erobern. Und die junge Komtesse hatte einen sechzigjährigen 
Gemahl! Die Begegnung beider im Palazzo Albrizzi war ent 
scheidend für den Dichter und die Aristokratin. Zarte Be 
ziehungen spannen sich an, die jedoch nicht im Zeichen Platos 
standen. An solche hatte, wie sich später herausstellte, an 
geblich der Graf Giuccioli geglaubt. Bald legte sich das Paar 
keinerlei Gene mehr auf. Byron reiste der Komtesse an deren 
ehelichen Wohnsitz Ravenna nach und diese wiederum ver 
brachte oft Wochen hindurch in der Villa La Mira bei Venedig, 
wo Byron sein Domizil aufgeschlagen hatte. Der alte Graf war 
offenbar ein gut gezogener Ehemann, aber endlich wurde ihm 
die Sache doch zu bunt und er schlug Alarm. Eine eheliche 
Versöhnung kam zustande, die indessen nicht von langer Dauer 
war. Die Familie der Gräfin legte sich ins Mittel, Lord Byron 
verhielt sich passiv. „Man muß die Frauen im Verlaufe des 
Konflikts allein lassen, denn sie gewinnen sicherlich ihre Sache“, 
sagt er in einem Briefe an Thomas Moore, dem er über den 
Verlauf der „Guiccioli-Affäre berichtete. Nach längerem Hin 
und Her wurde die Ehe der tizianblonden Teresa vom Papst 
getrennt und Lord Byron avancierte nunmehr zum an 
erkannten Liebhaber seiner Herzenskönigin. Es war ein 
regelrechter Bund der freien Liebe, die Abart einer Ehe, die 
von Byron nicht angestrebt worden war. Sein Anerbieten, 
Teresas Leben und Zukunft durch eine Kapitalsübertragung 
zu sichern, wurde von ihrer Familie abgelehnt, der Graf Guic 
cioli, der seine Gattin für „untreu“ gehalten habe, sei ver 
pflichtet, für sie zu sorgen. Selbstverständlich war der ge 
schiedene Ehemann nicht erbaut von der Verpflichtung, Ali 
mente zu zahlen und er stellte „berühmte Zeugen“ in Aus 
sicht, um Teresas Untreue zu beweisen, eine Drohung, die 
jedoch niemals Bewahrheitung erfuhr, denn wie Lord Byron 
feststellte, liebte man solche unangenehmen Erörterungen in 
Italien nicht. Er hatte sich bereits in seiner kurzen Ehe mit 
Miß Anna Isabelle Milbanke als nicht qualifiziert für ein All 
tagsglück gezeigt, jedoch auch die losen Fesseln, die ihn mit 
der Guiccioli verbanden, waren ihm allem Anschein nach 
drückend, obwohl Teresa seinem Herzen teuer. „Ich habe dem 
armen Wesen ein Dilemma bereitet, und da weder ihre Ab-
        
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