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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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ö jedem Frühjahr kam Dr. Edwin v. Kni- 
gowski von seinen in Schlesien gelegenen 
Gütern auf ein paar Wochen nach Berlin. 
Er hielt das für sein gutes Recht; denn 
er hatte in der Reichshauptstadt studiert, 
war hier ein paar Jahre Offizier bei der 
Garde gewesen, und hielt sich innerlich so 
zusagen für verpflichtet, ab und zu nach 
zusehen, was der weibliche Nachwuchs von 
Berlin mache. Aus diesem Interesse hatte 
er nie einen Hehl gemacht, und seine liebe Frau Josephine, 
geb. Gräfin von Hinkenhagen, war in der nunmehr 17 Jahre 
bestehenden Ehegemeinschaft so nachsichtig geworden, daß 
sie ihm seine alljährliche Frühjahrsreise nach Berlin durchaus 
nicht verübelte. 
Edwins Studien in Berlin galten nun allerdings niemals dem 
jenigen weiblichen Nachwuchs, der in den Kreisen der guten 
Gesellschaft als vollbürtig angesehen wird, für eventuelle 
spätere Eheschließungen mit den heranwachsenden Repräsen 
tanten des erlauchten Provinzadels. Im Gegenteil, die Auf 
merksamkeit des jetzt in den besten Jahren stehenden Lebe 
mannes aus der alten Zeit der Kaiserstadt an der Spree 
richtete sich vornehmlich und ausschließlich auf die Vertre 
terinnen der allerleichtesten Lebewelt. 
Hier war Edwin einst gut zu Hause gewesen, ein gern ge 
sehener, niemals knickeriger Gast all der Vergnügungslokale, 
wo sich Leichtsinn und käufliche Liebe ein Rendez-vous gaben. 
Das war allerdings nicht immer so gewesen; ein Erlebnis von 
tief innerer Nachwirkung hatte den damals dreiundzwanzig- 
jährigen in jene Bahnen gelenkt. Thereschen hieß sie, ein 
braves, liebes Mädel aus biederer Kleinbürgerfamilie, die dem 
hübschen Leutnant Edwin vor zwanzig Jahren ihr Herz und 
was noch so dazu gehört, geschenkt hatte. Eigentlich war es 
eine banale, alltägliche Angelegenheit; aber der junge Edwin 
v. Knigowski gehörte zu den seltenen Menschen, die sich 
das Unglück, das sie über andere bringen, richtiggehend zu 
Herzen nahmen. 
„Komisch“, dachte Edwin, daß mir gerade heute die alten 
Geschichten wieder einfallen; ach was, lassen wir das!“ Mit 
diesen Worten betrat Edwin die Schwelle zu dem großen 
Tanz-Palais, wo sich die Lebewelt des Berliner Westens jetzt 
zu vergnügen pflegte. Er nahm in einer Loge Platz, ließ sich 
eine Flasche Sekt kommen und musterte die Tanzenden. Ein 
spöttisches Lächeln glitt über sein Gesicht; was er da sah, 
fand augenscheinlich nicht seinen Beifall. „Die Mädels wer 
den immer älter und häßlicher in Berlin“, konstatierte er, 
halblaut vor sich hinmurmelnd. 
Diese Bemerkung mußte ein kleines, blondes Mädelchen, 
das einsam am Nebentische saß, gehört haben; denn plötzlich 
wandte sich ihr überraschend hübsches Gesichtchen dem ein 
samen Beobachter zu. „Na, na“, lachte die Kleine, ihre Perlen- 
zähnchen zeigend, „ich hoffe, es gibt auch hier Ausnahmen, 
mein Herr, übrigens was die „Kavaliere“ anbetrifft, so sind 
sie auch nicht viel wert: so wenig Rückenmark wie Renten 
mark.“ Über diese Bemerkung mußte Edwin herzlich lachen, 
und lud die Kleine mit galanter Handbewegung ein, ein Glas 
Sekt mit ihm zu trinken. Nun entwickelte sich zwischen 
den Beiden eine sehr rege Konversation, in deren Verlauf man 
beschloß, noch irgendwo eine Tasse Kaffee einzunehmen. Als 
Edwin mehrere Nachtcafes zu diesem Zwecke vorschlug, 
meinte die Kleine ganz naiv: „Ach nee, das ist ja so unge 
mütlich; wissen Sie was, ich habe eine kleine Jungfernbude, 
die mir mein letzter Freund eingerichtet hat, da werde ich 
Ihnen eine Tasse Kaffee kochen, wie Sie sie lange nicht 
getrunken haben.“ 
Eigentlich war Edwin heute reichlich müde; aber so viel 
verführerischer Jugend gegenüber konnte er nicht lange wider 
stehen, und bald saß er in dem kleinen Wohnstübchen seiner 
neuen Freundin und wartete auf den Kaffee, den diese allen 
Ernstes auf dem elektrischen Kocher in seiner Gegenwart 
bereitete. Sie sah allerliebst aus, die Kleine; ihr Abendkleid 
hatte sie mit einem entzückenden Negligee vertauscht, und 
Edwin, der sie von rückwärts, wie sie sich über die Kaffee 
maschine beugte, betrachtete, fand ihren, von blonden Locken 
umkräuselten Nacken so entzückend, daß er sich heranschlich 
und einen Kuß darauf drückte. „Hu“, schrie sie auf, „beinahe 
hätte ich die ganze Kaffeemaschine hingeschmissen, sind Sie 
aber feurig; dabei sind Sie doch sicher Mitte vierzig.“ „Stimmt, 
süßes Kaffeekätzchen, aber sage mal, wie heißt du eigentlich?“ 
„Thereschen“, antwortete sie, ein wenig schnippisch, „nach 
meiner armen Mutter, die meinetwegen von ihren Eltern raus 
geschmissen wurde; sie starb, wie ich noch ganz klein war. 
Von meinem Vater hat sie mir nur erzählt, daß er ein 
Leutnant bei der Garde gewesen ist. Übrigens, hier steht 
Mutters Bild.“ 
Mit wachsendem Erstaunen hatte Edwin der Erzählung der 
Kleinen gelauscht, das Bild ihrer Mutter ergriffen und es 
lange voll tiefer Rührung angeschaut. Entschlossen wandte 
er sich dann zu seiner kleinen Gastgeberin und sprach: „Nun, 
mein liebes Kind, wollen wir noch eine Tasse Kaffee zu 
sammen trinken, dann muß ich dich leider verlassen.“ 
Eine halbe Stunde später saß Thereschen allein auf ihrem 
Bett und kleidete jich aus; in ihrer Hand hielt sie einen 
Briefumschlag, den ihr merkwürdiger Besucher ihr gegeben, 
ohne für die außerordentliche Summe, die er enthielt, mehr 
zu verlangen, als einen Kuß auf die Stirn. 
Kt BAü'l 
Wohlleben 
Kirchhach
        
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