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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jatrg. 37 
Nr. 7 
Die Baronin, eine ältere Dame 
Erika, die Dame im Kimono 
Baronin: . . . und daß ich komme, mein Fräulein — 
Erika- (in Erwartung); Ich bin gespannt. 
Baronin: Retten Sie mein Kind, meinen lieben, kleinen 
Bruno! 
Erika (erstaunt und errötend): Bruno? (lacht) Ihm geht 
es doch ausgezeichnet! — 
Baronin (abwehrend): Er leidet, — er wird blaß und 
dünn, von Tag zu Tag schlimmer. 
Erika (nervös): Ja, und was soll ich . . .? 
Baronin; Sie sind eine verständige Person, Bruno sagte 
mir oft, daß (sie scharf fixierend) daß Sie klug und erfahren 
seien. 
Erika (mit Pose): Nun? 
Baronin (in unglücklichem Ton): Er geht an der pla 
tonischen Liebe zugrunde — retten Sie ihn! Überzeugen Sie 
ihn . . , das Leben verlangt das. 
Erika (laut auflachend); Gnädige Frau, gnädige Frau — 
zu komisch! also Bruno und ich — (lacht wieder) ach, Sie 
sind falsch unterrichtet, hebe gnädige Frau! 
Baronin (erschrocken): Ich wollte Ihnen nur einen Finger 
zeig geben, mehr darf ich als Mutter nicht tun. (Im Glauben 
des Platonismus) Sie sind wohl etwas geniert, liebes Fräulein, 
aber wenn Sie ihn heben — 
Erika (überlegen und mokant): Ich werde Ihren Wink 
respektieren. 
Baronin (unentwegt): Und dann mußte ich Sie kennen 
lernen, denn, wer meinen Sohn liebt, der ist mir sehr sym 
pathisch. 
Erika (mit Anstand und Grazie): Es ist sonst Sitte, daß 
die Mutter die Gehebte eines Sohnes gering einschätzt. 
Baronin: Sie sind aber 
Erika: Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche — ich 
bin noch weniger als eine Maitresse, ich bin eine kleine 
Kokotte; das heißt, ich habe mehrere Liebhaber, habe viele 
Liebhaber — und jeder dieser Herren honoriert eine solche 
Frau; ich bin — (lächelnd) nicht mehr, als eine schöne Ware; 
mehr bin ich nicht. 
Baronin; Das ist natürlich ganz Ihre Privatangelegen 
heit, — jeder Mensch hat seine eigene Lebensansicht. 
Erika (zynisch, aber im Zynismus voller Liebreiz): Gnädige 
Frau Baronin, die Männer müssen geprügelt werden, insge 
samt und wie sie gebacken sind. 
Baronin (erstaunt); Wie? — Was? — Geprügelt? Ich 
verstehe Sie nicht — 
Erika (hüstelnd): Ach so . . . (für sich) sie versteht das 
nicht — (zu ihr gewandt) die Männer müssen an ihrer 
wundesten Stelle gefaßt werden. 
Baronin: Und die wäre . . .? (wißbegierig) Ach bitte, 
reden Sie . . . von Ihnen kann ich lernen. 
Erika (kalt, schneidend): Die Männer müssen bluten, — 
sie sollen jede Zärtlichkeit bezahlen. Sie nützen uns Frauen 
aus, — wir revanchieren uns. 
Baronin: Aber mein Sohn, der liebe Junge, hat als 
kleiner Referendar doch nichts zu verschwenden . . . oder 
gibt er Ihnen etwa von seinem Taschengeld? 
Erika (beruhigend): Ohne Sorge, er ist mein kleiner 
Freund und Berater; ich weiß Grenzen zu ziehen, Frau 
Baronin. 
Baronin (eifrig): Und zeigt er sich nie dankbar für Ihre 
Zärtlichkeiten? 
E r i k a : Gnädige Frau, hier! — — — (sie deutet auf die 
Fessel ihres linken Beines). 
Baronin (wie vor einem Rätsel): Hat er Sie etwa hier 
verletzt, der Junge? 
E r i k a : Im Gegenteil! Bruno liebt mich — er verletzt mich 
nirgends. — Hier, gestatten Sie! (Sie zieht den seidenen 
Strumpf bis zum Atlasschuh herab). 
Baronin (perplex): Das ist . . . das ist ja . . . 
Erika: Ganz recht, das ist ein Armband von großem 
Wert. (Mit Wohlgefallen.) Sehen Sie die herrlichen Diamanten, 
die Smaragde, die Rubinen daran? 
Baronin (atmet schwer): Unser Familienschmuck aus der 
Zeit Friedrich des Großen, den hat mir also der Junge ein 
fach — es ist unglaublich . . . 
Erika (harmlos fortfahrend): Gnädige Frau, jüngst löste 
ich ihn wieder auf der Pfandleihe aus und Sie ahnen nicht, 
was ein alter Schlemmer dafür bezahlen mußte . . . 
Baronin: Er fehlte mir — ich beauftragte Detektivs — 
ich inserierte — ich tat alles, um den Schmuck wieder zu 
erlangen — Umsonst! 
Erika (unentwegt): Zweitausendeinhundertundfünfzig 
Mark bezahlte er! — 
Baronin (mit Fassung): Gut — er hat das Armband 
Ihnen geschenkt, es sei Ihr Eigentum. Ich muß es vergessen. 
Erika: Gnädige Frau können das Stück jederzeit zurück 
erhalten, — wir kleinen Mädchen lieben das Glänzende, aber 
(mit Lachen) wenn es sein muß — weg mit dem Famüien- 
schmuck! — Muß ja nicht sein! 
Baronin (sie scharf anblickend): Das gefällt mir. Sie 
sind nicht ohne Gemüt, mein liebes Fräulein, Sie empfinden . . 
Erika (aus der Rolle fallend): Gemüt? — So viel Sie 
wollen! 
Baronin (die offenbar die Worte nicht überdacht hatte): 
Und ich bin froh, diesen Schritt getan zu haben. 
Erika (lauernd): Und jetzt? — Jetzt wird dem Bruno 
verboten, wieder hier diese Schwelle zu betreten. (Wie 
bittend) o, das täte mir wirklich leid. 
Baronin (aufgeräumt): Warum? — Es liegt kein Grund 
vor. 
Erika; Aber das Armband! — 
Baronin (mit Würde): Ich, als Mutter, schenke es Ihnen 
noch einmal — genügt Ihnen das? 
Erika; Ich danke ... aber gnädige Frau werden doch 
Ihr Veto einlegen, denn dies Milieu dürfte wohl in den Augen 
einer Mutter nicht das sein, was sie ihrem Sohne empfehlen 
möchte. 
Baronin; Ich denke weiter als die meisten Mütter, Sie 
sind eine charmante Person, Sie sind eine Frau, in deren Leben 
sich die Welt mit ihren Schönheiten und ihren Lastern spiegelt. 
Mein Sohn hat einen leichtfaßlichen Verstand und er wird 
neben den Vergnügungen, und der treuen Liebe, die Sie ihm 
sicher bieten, nur bei Ihnen lernen können. 
Erika (etwas erregt): Gnädige Frau spotten! . . . 
Baronin (beleidigt): Das liegt mir fern. Ich sage das, was 
ich glaube, was ich denke. 
Erika (nervös); Also gnädige Frau wollten einfach mich 
nur kennen lernen? — Gnädige Frau (lauernd, mit Pause) ja, 
gnädige Frau kann doch an mir kein Interesse nehmen? — 
Was bin ich, was tue ich, wie verbringe ich den Tag und wie 
die Nächte? — (seufzend) wie gut es andere anständige 
Frauen haben! — 
Baronin (mit fast mütterlicher Zärtlichkeit ihre Hand 
erfassend); Liebes Fräulein Erika, ich schätze Sie wie jede 
andere Frau: Sie sind ein reizendes Mädchen .... (es 
klingelt) — 
Erika (aufstehend, zu sich): Ausgerechnet Maiglöckchen 
—! (für sich) Fatal — der Alte — (zu ihrem Besuch) Sie 
verzeihen einen Augenblick.
        
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