Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

27. Jahrg. 
Nr. 7 
2 
hr haltet mich doch nicht für einen 
Maulhelden?“ 
J''j „Nein, nein!“ 
„Meine Geschichte ist nicht sehr auf 
regend. Sie ist aber amüsant und macht 
mir selbst Spaß . . . Ihr werdet ja 
hören. Sie hat nur Wert, weil sie 
wahr ist.“ 
„Davon sind wir überzeugt . . . Du 
belügst niemanden . . . nur die Frauen.“ 
„Die Frauen! .... Das steht auf einem andern Blatt. 
Ich erzähle euch eine wahre Geschichte, ein historisches 
Abenteuer.“ 
„Unterbrecht nicht immerzu! Wir brauchen doch keinen 
Eid zu leisten, daß wir ihm glauben. Und wenn er über 
treibt, können wir ihm immer noch sagen, daß er aus Mar 
seille ist.“ 
„Ich, aus Marseille . . .? Ich bin Pariser . . .“ 
„Das ist dasselbe . . . Also schieß los! Wir werden dir 
alles glauben. Sag’ nicht noch einmal, wir verzweifelten an 
dir! 
„Also: Ich stand am Anfang meiner literarischen Laufbahn. 
Ich hatte den Teufel beim Schwanz gepackt und studierte mit 
eiskaltem Eifer Jura. Es war die gräßlichste Zeit meines 
Lebens.“ 
„Da habt Ihr’s, er will uns einen Murger auftischen!“ 
„Ich war dummerweise bei Nacht und Nebel aus einem 
Hotel gerückt, dessen Besitzer, ich weiß nicht, welchem Hotel 
syndikat Vorstand. Er denunzierte mich seinen werten Mit 
kollegen und eines Tages, am 18. Februar, wo meine Miete 
fällig war, fragte mich mein neuer Wirt brutal und schamlos 
um ein Uhr morgens, als ich nach Hause kam: „Können Sie 
zahlen?“ 
„Ich erwarte in den nächsten Tagen Geld“, sagte ich, 
worauf er die Tür geräuschvoll ins Schloß warf: „Keine Vor 
ausbezahlung. keine Schlüssel!“ Ich saß also vollkommen 
fest ... in der Klemme . . . rausgesetzt . . . 
Ich ging höchst verärgert fort. Ich hatte es mir nun einmal 
in den Kopf gesetzt, im Zentrum beim Palais Royal mein 
Quartier aufzuschlagen. Unglücklicherweise wohnte kein ein 
ziger meiner Kollegen in der Nähe. Ich war wütend und ver 
lassen. Weil dieser Esel von Hotelier mich rausgesetzt hatte, 
mußte ich allein in der Weltgeschichte herumlaufen. Um acht 
Uhr morgens würde ich wohl fünf Louis auftreiben und der 
Besitzer selbst würde mir meine „Möbel“, Handgepäck und 
Koffer, wiedergeben. Meine Wanduhr, die ich — so alt wie 
sie war — auf allen meinen Umzügen mitschleppte, weil ich 
immer gern weiß wie spät es ist, sollte mich retten. Man hatte 
mir schon hundert Franken im Leihhaus darauf gegeben. Ich 
hatte also noch etwas Rückhalt. Ich fing an in Paris herum 
zulaufen. Zwei Stunden vorher hatte ich beim Ecarte eine 
„Lage“ verloren und das hatte mich vollkommen ruiniert, voll 
kommen . . .: ich habe vier Asse in der Hand, zwei Stiche 
fehlen mir, der König sticht, ich riskiere und falle auf drei 
Atouts herein, Aß . . Bube . . Dame . . .; Waterloo auf dem 
Spieltisch! 
Ich war also Vagabund, promenierte um 1% Uhr morgens 
ohne einen Sous und mit leerem Magen durch die Straßen. 
Gott sei Dank, war mildes Wetter. Ich gehe langsam, den 
Stock im Arm, vor mich hin. Tausend Dinge gingen durch 
meinen Kopf. Unbewußt schlage ich die Richtung nach dem 
Westen ein. 
Die Champs-Elysees waren bezaubernd. Spaziergänger aller 
Art, dazu die blühenden Blumen und das frische Grün. Autos 
schossen über das spiegelglatte Pflaster und tuteten in so 
verschiedenen Tonarten, als ob jedes eine eigene Seele hätte. 
Nachdem ich das Rondell überschritten hatte, stieß mich die 
Straße durch ihr strenges und kaltes Aussehen förmlich ab. 
Die alten baufälligen Häuser erregten in mir geradezu nero- 
nische Zerstörungswut. Ich kam in die St. Philippstraße, ging 
am Hause Poirets vorüber und bog in die Rue de la Boche. 
So vermied ich das langweilige Faubourg Honore, wo alles 
so parvenuhaft wirkt. Es schlug halb zwei, als ich, gerade vor 
dem Potin des Boulevard Malesherbes angelangt war, kon 
statierte, daß es ein verdammtes Gefühl ist, einen leeren Magen 
zu haben. 
Ich wollte zunächst zum Boulevard Courcelles hinauf, doch 
mich wandelte Lust an durch bekanntere Straßen zu gehen. 
So ging ich rings um die Kaserne de la Pepiniere herum, 
passierte die Rue de Vienne und gelangte nach vielem Umher 
in die Rue de Rome. Der Bahnhof Saint-Lazare kam mir vor 
wie einer der Höllenkreise aus Dantes Komödie. Ich überließ 
ihn schnell sich selbst mit seinen unzähligen Signalen, um mich 
in das Labyrinth zu stürzen, dieses Kamel . . . dieses ent 
zückendste aller europäischen Quartiers . . . die Rue d’Edin- 
bourg, dm Rue de Naples . . . und was weiß ich . . .“ 
„Mein Gott, du hast wohl beim Militär in der geographischen 
Abteilung gedient? 
„Ruhig, wart’ ab!“ 
Nach einer knappen halben Stunde bog ich in eine kleine 
Seitenstraße und wußte gar nicht, wo ich war. Plötzlich 
stürzt eine junge Frau ohne Hut auf mich zu: 
„Herr Doktor, Herr Doktor! Kommen Sie schnell. Ich bin 
so aufgeregt, so allein . . .“ 
Ich antwortete nicht, aber ich hätte beinahe losgelacht und 
drehte mich um. Ich ergriff meinen Stock wie einen Aeskulap- 
stab und markierte meine Schritte mit fast militärischer Kor 
rektheit . . . Sie ging jetzt neben mir her und machte mir mit 
der größten Anstrengung die unmöglichsten Erklärungen. 
Davon verstand ich kein Wort. Endlich erriet ich folgendes: 
Sie war Kammerjungfer (anscheinend eine Deutsche) und ihre 
Herrin war plötzlich erkrankt. Man hatte an den nächsten 
Arzt telephoniert, der aber auf sich warten ließ. Sie wollte 
dem Mann der Wissenschaft entgegenlaufen, und da sie ihn 
nicht kannte, verwechselte sie mich mit ihm. Soviel ist sicher, 
gerade die Tatsache, daß der Kurpfuscher noch erwartet 
wurde, reizte mich zu diesem Abenteuer, denn ich begebe mich 
gern in Gefahr und suche mit Vorliebe komplizierte Situa 
tionen, ja fühle mich wohl darin. Ich ließ mich also führen. 
Warum sollte ich denn nicht Arzt sein können wie so viele - . . 
Vor einem stattlichen Hause blieb das Mädchen stehen? Ich 
auch. Sie klingelt, es wird geöffnet, wir gehen hinein, sie 
schließt die ungeheure Flügeltür und ich bin gefangen . . . . 
aber wo gefangen . . .? 
Der Fahrstuhl geht noch. Wir steigen ein. Die junge Frau 
drückt auf den Knopf und wir rutschen gen Himmel. Ich setze 
eine bewußt pessimistische, sehr ernste und nachdenkliche 
Miene auf. Im fünften Stock halten wir. Der Lift wird wieder 
in die Tiefe gelassen, und die Kammerjungfer öffnet eine 
reich geschnitzte Tür. Ich trete ein. Das Vestibül ist groß 
und duftet nach Parfüm. Eine gußeiserne Lampe mit fünfzig 
metallenen Kerzen hängt leise schwankend in der Mitte des 
Raumes und beleuchtet ein paar grell überzogene Sessel, einen 
normannischen Spiegel und zwei Empirebücherschränke. 
Man führt mich in das Zimmer von Madame und ich nehme 
krampfhaft die Miene eines mehr oder weniger leichtfertigen 
Quacksalbers an. Die Wandfüllungen sind mit Gold verziert, 
die Sessel sind ä la Cudry gestickt; die Möbel: Ludwig XV., 
precieus und lustig: das große Bett in der Mitte ist ganz mit 
durchsichtigen Spitzen bedeckt, die über einem amerikanischen 
Eiderdaunplumeau aus cremefarbener Seide liegen. Ich er 
blicke die Kranke in einem Wäschegewirr. Sie liegt auf dem 
Bauch, halbbedeckt (und das Kammermädchen deckt scham 
haft die Decke über ihre Nacktheit . . .) — Sie atmet mühsam. 
Ich trete zu ihr: sie hat die Augen geschlossen. 
Um mir Haltung zu geben, fühle ich ihr den Puls. Dabei 
kann ich nachdenken. Was fange ich mit dieser Frau an? Ist 
sie wirklich in Gefahr? Die Sache scheint mir jetzt weniger 
spaßhaft. 
Plötzlich dreht sich die Kranke um, sieht mich mit glanz 
losen Blicken an, macht ein paar wirre Gesten und stürzt auf 
die Erde. Das Bett ist zum Glück niedrig und der Teppich 
sehr weich. Ich sehe, daß sie einen festen, schön gebauten 
Körper hat. Sie ist eine Frau von vierzig Jahren. Ihr Haar 
schillert in vielen Nuancen, obwohl das einzelne blond ist.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.