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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 6 
22 
r kannte sie Monate lang. Sie war ein zier 
liches, feines Persönchen und verfügte über 
einige Bildung. Wenn er aufdringlich wurde, 
ward sie reserviert und die smarte Abwehr 
brachte ihn sofort wieder zur Vernunft. 
Sie wollte ihm nie sagen, wie sie heiße, 
nie ihre Wohnung ihm verraten, nichts aus 
ihrem Leben ihm berichten. 
Erst war ihm das unangenehm, denn er 
liebte es nicht, mit unbekannten Größen 
zu operieren, dann aber hatte er sich an den Eigensinn seiner 
kleinen Freundin gewöhnt. 
— Er stellte sie vor als 
Fräulein Adele von Reif 
lingen, indem er selbst über 
das zugelegte „von“ sich 
amüsierte. Auch Reiflingen 
erschien ihm köstlich. 
Er und Adele wanderten 
allabendlich durch die 
Straßen und sie aßen zu 
sammen, besuchten Kinos, 
Theater, Konzerte und ab 
und zu den Zirkus. 
Nie wieder wagte er es, 
mit einem falsch zu deuten 
den Antrag sie zu irritieren, 
nie fiel das Wort Liebe, Sie 
wurde langsam ihm Ge 
wohnheit und Freundin im 
„edelsten Sinne“. 
„Ob sie kalt ist?“ über 
legte er. „Ein Mädchen, ein 
so unberührtes, so famos, 
muß sich erst ä la Lotos 
blume erschließen!“, beant 
wortete er sich selbst die 
Frage. 
Sie lächelte, wenn er sie 
groll und freundlich ansah. 
Dann küßte er die kleine 
Hand und streichelte sie. Sie 
zog sie jedesmal zurück . . . 
„ Nicht doch, mein Liebling!“ 
Eines Tages erheiterte 
sich der Himmel seines 
Lebens. Ein Onkel aus 
Amsterdam sandte Gulden, Zweitausend Gulden. Er möge 
sich amüsieren und die nötigen Utensilien zum Studium der 
Weiber sich anschaffen. 
Von diesem Onkel hatte er ihr oft erzählt. Sie riet ihm als 
gute Freundin, dem Verwandten die deutsche Not zu schildern 
und sie half ihm bei der Abfassung des Almosenbriefes. Und 
nun war der Erfolg da. 
Er jubelte und Adele gab wieder einen guten Rat. Er möge 
mit ihr ein Gläschen Sekt naschen. 
„Aber, wenn wir berauscht werden?“, fragte er sie, fast 
sentimental dabei werdend. 
„Mutig, mein Junge!“ erwiderte sie. ... Er stutzte einen 
Augenblick über ihre Forschheit ... er konnte sie sich nicht 
erklären. 
Und der Rausch stellte sich ein; Adele war unerhört wider 
standsfähig. 
Sie rief den Chauffeur an und gab ihm seine Adresse. Dann 
packte sie den Torkelnden in das Auto. Er lallte etwas von 
ewiger Liebe. Sie lächelte: „Ein ander Mal!“ 
Die Gulden kamen in kleinen und großen Portionen nun 
öfters an. Adele aber begann netter, freundlicher, herziger 
und schmiegsamer zu werden. 
Der Kuß wiederholte sich und Adele dachte auf einmal 
nüchterner über die Gesetze der Tugend ihm gegenüber. Sie 
fand, daß die Unerschwinglichkeit der Möbel die Mädchen 
von heute zu freierer Lebensbetätigung dränge. Er war er 
staunt, aber sein Reichtum war schuld, daß er ihr nicht nur 
recht gab, sondern daß er aggressiv wurde. 
„Nicht doch!“, wehrte Adele, „unterscheide Theorie von 
Praxis!“ Fast philosophisch benahm sie sich. 
„Bleibe logisch, Mädchen!“ fuhr er sie an. 
Und als er wieder mit umnebelten Sinnen an einem Abend 
ins Auto stieg, zog er sie mit starker Hand zu sich herein. 
„Nich doch!“, erklärte sie, 
aber sie machte keine An 
stalten, das Vehikel zu ver 
lassen. 
Zu Hause ward er etwas 
nüchtern und sofort kam 
ihm die Überlegung: „So 
sind die Frauen von heute!“ 
Dann aber huschte ein 
Schimmer von Stolz über 
sein Gesicht: 
„Besiegt! Durch meine 
Macht!“, frohlockte er. 
Sie sank in seine Arme: 
„Du ... du Liebster!“ 
Er umschlang sie mit 
eiserner Kraft, daß sie auf 
stöhnte. Dann machte der 
Rausch sich geltend. Er 
schloß die Augen, der arme 
Junge! 
„Adele!“, schrie er 
Ein wonniger Schlummer 
überfiel ihn nun . . . ein 
Schlaf, bleiern und fest. . . 
Von seinen Gulden träumte 
er . . . Paradiese eröffneten 
sich ihm . . . ich schenke ihr 
die Hälfte . . , nein . . mehr. 
Ein Mann ist immer gütig, 
wenn er träumt. 
Spät erwachte er . . . Die 
Stätte neben ihm war leer, . 
. Adele antwortete nicht. 
Nur ihre Bluse lag auf der Kommode, die seidene, dunkel 
grüne Bluse ... Sie hatte sie in der Aufregung, als sie den 
holländischen Notenschatz zusammenraffte, tatsächlich ver 
gessen, oder in der Hast sie gleichgültig liegen lassen. , . . 
Sie ging im ManteL Mit Gulden bekommt man ja noch viel, 
viel reizvollere Kleider. .... 
Zur selben Stunde überzählte Adele an der nördlichen 
Peripherie Berlins ihre Schätze. Neben ihr mit lauernden 
Blicken, als wolle er seine Geliebte ermorden, wenn sie 
ihm nicht alles abtrete, saß Pomadenalex, der berühmte 
Hoteldieb. 
Pomadenalex aber faßte plötzlich einen Entschluß und raffte 
den ganzen Plunder Guldennoten an sich;.Adele war betroffen: 
„Aber Schatzi!“ 
„Quatsch, du Diebesbraut . . . wenn du muckst, zeig’ ick 
dir an, du Baroneß!“ Er wieherte hell auf und streichelte 
seine Gulden, 
Adele lächelte: „Alexchen, du wirst doch nicht, du Loser! 
Wo ich immer dich mit Valuta versorgt habe!“ 
In seinen Armen schloß sie die Augen. Er war ihre große 
Liebe ....
        
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