Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

17 
Nr. ö 
Jafirg. 27 
Sehnsucht 
Brüning 
Da gab er nach. Nahm sich den Stationsvorsteher vor und 
erklärte ihm ernst und feierlich, wie er zu einer Sitzung ins 
Ministerium morgen früh nach Berlin befohlen sei. 
Das Telegramm hätte er in der Eile daheim gelassen. Das 
bekäme er später schon noch zu sehen. 
Nachprüfen ließ sich das nicht mehr, und so eilte der Vor 
stand, sandte eine Depesche an den letzten Haltepunkt des 
Zuges, die Signale wurden auf „Halt!“ gestellt, und als nach 
kaum einer Viertelstunde der Zug sich nahte, wurden die 
Bremsen gezogen, der Zug hielt — in den wir vier, nicht ohne 
Schwierigkeit stiegen, während aus den verschiedenen Abteilen 
die neugierigen Reisenden sahen, die sich wunderten, wieso auf 
dieser winzigen Station der Schnellzug hielt. 
Der Zug war voll, und wir mußten uns trennen und uns auf 
verschiedene Kupees verteilen. Und da wir alle schon schwer 
geladen hatten, so fielen uns bald die Augen zu einem 
Nickerchen zu, um uns auf die Abenteuer der Großstadt 
würdig vorzubereiten. 
Und es wurde sehr vergnügt, trotz Weihnachten. Man zog 
von einem Lokal in das andere, es wurde getanzt, — und dann 
war ich allein mit dem Amtsrichter, denn die beiden anderen 
hatten sich verloren, und wir verwachten das Ende der Nacht 
in einem Cafe, wo es nicht vergnüglicher war, als sonst wo. — 
Erst am Nachmittag traten wir zu dreien, denn der Bau 
meister wollte noch einen Tag verbleiben, den Rückweg an, 
— noch immer ein wenig verkatert und ein ganz Teil ge 
drückter. Im hellen Tagesscheine sah sich die Sache so ganz 
anders an. Aber wir kamen heil in unser Nest zurück, und 
es schien fast, als würde die Sache still verlaufen. 
Allein zwei Tage später war eine Anfrage bei dem Bahn- 
hofsvorstand: Weshalb der Schnellzug am Montag in S. ge 
halten habe? Und wie es gekommen sei, daß vier Herren 
dort eingestiegen seien, die nach Angabe eines mitreisenden 
Ministerialrates in einer sehr gehobenen Verfassung sich be 
funden hätten? 
Der Vorsteher meldete pflichtschuldigst, daß dies auf Ver 
anlassung des Herrn Assessors von Saatz vom Landratsamte 
erfolgt sei, der in dienstlicher Aegelegenheit drahtlich nach 
Berlin in das Ministerium gerufen sei. 
Nach weiteren drei Tagen kam die Mitteilung, daß von 
einer derartigen Berufung diesseits nichts bekannt sei, und die 
Vorlage der Depesche wurde gefordert. 
Diese Depesche aber war leider nicht vorhanden. Der 
Stationsvorstand bekam seinen Wischer. Daß er einfach auf 
guten Glauben hin den Zug zum Halten gebracht, so daß er mit 
zehn Minuten Verspätung in Berlin eingelaufen war. Die 
Untersuchung gegen unseren Assessor wurde eingeleitet, der 
seinen Streich einfach zugestand, mit dem Endergebnis, daß er 
seines Postens enthoben wurde, weil er nicht die genügende 
Eignung zur Ausfüllung seiner verantwortlichen Stellung als 
Stellvertreter des Landrates bewiesen habe. 
Seiner Versetzung in einen kleinen polnischen Grenzort kam 
er zuvor, indem er, da sein Verbleiben ihm doch aussichtslos 
schien, seinen Abschied nahm, und in einen großen Betrieb 
in Berlin eintrat, wo er es nicht mehr nötig hatte, die Signale 
auf „Halt! zu stellen, wenn er sich einmal einen vergnügten 
Abend machen wollte.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.