Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

16 
Jahrg. 27 
wivri, 
KSKHttSmSKBS0£SSl^S^CcQSXt2BSK3^SPi::&&a»Sfe»^*£t% £%s 3ÄB i'JJÄS8ß?EääKy®SS^2r.5ffi&«5 ! i-3aBB28eH«teÄ*r4r.^5H^^ 
wasa»s®s!aasew®s*ssse^>Ä4^jäi^'*^^fÄ5?fs?K®ESäS!sas:.s^T' 'Sh. £} g^&s&z&&s£3sßm&z&^iavtt&*ssatasstasasuiasfscaBis& 
HEINZ. TOVOTE 
ir waren sehr vergnügt in dem kleinen Neste der 
Mark, das an landschaftlichen Reizen nicht viel bot, 
nur den Wald—aber dahin mußte man erst eine halbe 
Stunde pilgern — mit einer guten Jagd. Sonst nur 
das übliche Flachland, kein Wasser in der ganzen Gegend, das 
seinen Reiz selbst trostloserer Gegend verlieh. 
Aber ein nettes Wirtshaus am Markt: Der Bär, mit gemüt 
lichem Honoratiorenzimmer, das uns über trübe Wintertage 
hinweggeholfen hatte, entschädigte etwas, und eine lustige 
Korona versammelte sich allabendlich in dem niederen, ver 
räucherten Gemache, das manchmal von dem lustigsten Ge 
lächter widerhallte. 
Allein, nun war Weihnachten herangekommen, der Stamm 
tisch war immer schlechter besucht, und am heiligen Abend 
saßen wir zum Dämmerschoppen nur noch zu zweien. Am 
ersten Feiertage waren wir drei, aber es wollte keine Stimmung 
aufkommen. Wir kamen uns wie verraten und verkauft vor. 
Und als wir am zweiten nachmittags einen gemeinsamen 
Spaziergang zu einem Forsthause am Walde gemacht hatten, 
wo ein paar Familien Kaffee tranken, mit denen wir aber nicht 
weiter bekannt waren, und nun in unserem Stammtischzimmer 
saßen, da kam eine so trübselige Stimmung über uns, daß selbst 
der Assessor in dumpfes Brüten versank, und alle Hoffnung 
auf einen vergnügten Abend schwand. 
Er erklärte uns zwar alle Tage, daß er sich in diesem elenden 
Neste zu Tode mopse, aber er trug es mit einem solchen 
Humor, daß wir von seinem Übermute angesteckt wurden, 
und die Langeweile, von der er beständig redete, gar nicht 
empfangen. Er konnte, es noch immer nicht verwinden, daß 
man ihn in diesen verstecktesten Winkel verschickt hatte, 
allwo er dem Landrate bei seinen Amtsgeschäften zur Seite 
stehen sollte. 
Dieser Landrat war ein keineswegs gemütlicher Herr, das 
gerade Gegenteil des Assessors, der seinerseits nur darauf 
aus war, sich sein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. 
Man konnte sich keinen besseren Gesellschafter denken, als 
diesen übermütigen Herrn von Saatz, — groß und schlank, 
immer tadellos gekleidet, daß er schon am ersten Tage alle 
Frauen und Jungfrauen für sich gewonnen hatte. 
Und trinken konnte er, daß es seine Art hatte. 
Er müsse seinen Gram ersäufen, erklärte er immer wieder, 
und aus den Frauen hier machte er sich nichts, die gefielen 
ihm doch nicht so, daß er sich ihre Sympathie zunutze machte. 
Zudem gab es allzuviele Aufpasser in dem Städtchen, und 
jeder Schritt wurde von allen Seiten beobachtet, so daß die 
Gelegenheit zu Abenteuern nicht eben sehr reich war. 
Es war nicht viel zu wollen. Und das fraß an ihm, und so 
hatte er sich in die Fluten des Alkohols gestürzt. Aber wenn 
er konnte, dann flitzte er heimlich nach Berlin hinüber. Das 
aber war nicht ganz so einfach, denn die Schnellzüge sausten 
an dem Neste mit ungeminderter Schnelligkeit stolz vorüber, 
als ob sie sich fürchteten, — und mit der Bummel- und 
Bimmelbahn hatte man dreimal umzusteigen und brauchte 
Stunden, um die wenigen Kilometer zurückzulegen. 
Manchmal trafen wir uns auch auf dem Bahnhofe und saßen 
da bei einem Trünke in einer Ecke des Wartesaals, nur um 
gegen neun Uhr den D-Zug draußen vorbeirasen zu sehen. 
Die ganze Gesellschaft stellte sich dann auf den Bahnsteig, 
und wenn man schon ein wenig in Stimmung war, wurde der 
Zug mit einem wilden Hailoh! begrüßt, ein Gebrüll, das das 
Schütteln und Rasseln der Wagen übertönte, und die Reisen 
den veranlaßte, sich aus den Fenstern zu lehnen, zu sehen, wer 
denn nur solch einen Heidenlärm verursachte. 
Aber heute, am zweiten Feiertage, waren wir in keiner sehr 
vergnüglichen Stimmung. Die Öde der Festtage lagerte schwer 
auf uns. In den Familien des Städtchens' hatten wir nur bei 
offiziellen Gelegenheiten verkehrt, ein Verkehr sonst hatte 
sich nicht angebahnt. Wir waren eben zu verpichte Jung 
gesellen geblieben. 
Wir hatten im Bären mit dem Baumeister und dem Amts 
richter zu Abend gegessen, aber die anderen, das wußten wir, 
stellten sich heute nicht ein. Dafür hatten wir zu vieren ein 
paar Flaschen die Hälse gebrochen, um das Gefühl der Trost 
losigkeit nicht aufkommen zu lassen. Das Lokal war so 
gähnend leer, daß es uns endlich ungemütlich wurde, und so 
beschlossen wir, noch zum Bahnhofe zu ziehen. Dort gab es 
stets ein ausgezeichnetes Glas Bier. Der Schnee lag hoch, und 
wir hatten uns untergefaßt, und weil die Kälte sehr schneidend 
war, und wir innerlich gut eingeheizt hatten, fing einer zu 
singen an, und singend zogen wir durch das stille Nest, das 
schon teilweise zur Ruhe gegangen war. Die guten Bürger 
aber wußten, wer allein solch einen nächtlichen Spektakel 
machen konnte, und kehrten sich nicht weiter daran. 
Und wie das Bahnhofsgebäude vor uns auftauchte, meinte 
der Baumeister, daß es doch nicht würdig sei, den ange 
brochenen Abend im Wartesaal des Bahnhofs zu beschließen. 
Wenn man doch nur die Gelegenheit haben könnte, den Tag 
in Berlin zu beenden, aber dieser niederträchtige Schnellzug, 
der in einer knappen Stunde in Berlin war, hielt leider nicht, 
sonst wäre das heute eine feine Gelegenheit gewesen, statt in 
dem stillen Neste zu versauern. Vor acht Tagen hatte der 
Zug eine halbe Minute Halt gemacht, um einen einsamen 
Herrn mit einer großen Aktenmappe auszuspeien, aber ehe 
man sich dessen bewußt geworden war, glitt der D-Zug auch 
schon wieder hinaus aus dem Bahnhofe, ohne daß man diese 
Gelegenheit hatte benutzen können. Wenn sich solch ein 
Glücksfall nur einmal wieder ereignen würde. 
Da blieb der Amtsrichter, der eine brennende Liebe zu 
Berlin hatte, mitten auf der Chaussee stehen, stützte sich auf 
seinen Stock und erklärte, wenn auch etwas schwer, daß man 
dem doch sehr einfach abhelfen könne. 
„Wieso denn? Wie denn?“, fragten wir. 
„Erst wollen wir uns noch rasch stärken“, meinte er. 
So traten wir in den Wartesaal ein, wo er den Assessor bei 
seite nahm. 
Als Vertreter des Landrates brauchte unser Assessor nur 
zu erklären, daß er aus Berlin vom Ministerium ein Telegramm 
erhalten habe, sich am folgenden Morgen einzufinden, wie das 
im vorigen Sommer einmal dagewesen. Dann hatte der Sta 
tionsvorsteher die Pflicht, da sonst keine Fahrgelegenheit 
bestand, den Zug anzuhalten, und wir anderen konnten mit 
hineinklettern. 
Der Assessor sträubte sich, aber wir redeten so eifrig auf ihn 
ein, und nachdem wir noch rasch ein Glas Bier und einen 
Schnaps genehmigt hatten, und da wir nicht locker ließen, 
wurde er schwankend. 
„Machen wir! Selbstverständlich! Nichts Einfacheres als 
das!“, redeten wir auf ihn ein.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.