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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 1 
12 
„Tja... Das muß man ja sagen: Hier kam der Vandalismus 
aus derselben Quelle, von der alle Kunst rinnt; aus der Liebe .,. 
Doch, verehrter Herr, was hat Ihr Gleichnis — gleichviel, ob 
ersonnen, ob erlebt, mit der Tat der englischen Miß zu tun? 
Von Velasquez war sie sicher nicht porträtiert worden. Be 
sagter Spanier starb anno 1660 zu Madrid.“ 
„Als ob Gleichnisse nicht hinken dürften! Nichts weiß ich 
von Miß Richardson. Ich weiß nicht, ob sie jung und schön 
ist, weiß nicht, ob sie einen Roman erhebt und erlebt hat. 
Nur scheint mir im Bereiche aller denkbaren Möglichkeiten 
der sinnlose Zerstörungstrieb einer Frau das Unwahrschein 
lichste. Bei unserer Miß sowohl wie bei den anderen wütenden 
Suffragettes Hegt ein Gedanke nahe, der Gedanke an —“ 
„An den entfernten Mann!“ 
„Gewiß. Und lassen Sie ein wenig die Phantasie schweifen. 
Nicht jeder Geliebte ist Maler. Nicht jeder hat das Glück, 
die Geliebte, die ihm vom Leben geraubt werden kann, in 
Farbe oder Stein festzuhalten. Doch fremde Kunst ist hilfs 
bereit und bietet dem, der Ähnlichkeiten sucht, erwünschte 
Täuschungen. Der Liebende sieht sein Mädchen, wenn auf dem 
fernen Wege der Staub sich hebt. Er sieht ihr Haar auf 
Tizians Frauenköpfen, ihren zierlichen Fuß auf Watteaus 
Bildern. Warum nicht auch ihrer Reize schlanke Fülle in den 
selig ausladenden Formen der Venus mit dem Spiegel? Die 
heimlichsten Werte sind die kostbarsten. Nehmen wir an: es 
habe nur einen Menschen gegeben, der imstande gewesen 
wäre, die im Bilde des Velasquez enthüllten himmlischen Hemi 
sphären mit der verborgenen Körperschönheit einer lebenden 
jungen Frau zu vergleichen. Dieser eine habe seine beglückten 
Augen, seine tastenden Hände als Zeugen rufen können 
Nehmen wir an, oft und oft habe jene Frau die Stimme des 
Geliebten gehört, die im Wonnetaumel das ewige Urbild des 
Velasquez heraufbeschwor.... Nehmen wir an, die einst 
glühend Geliebte saß — ich bitte Sie: saß !!! — eines Tages 
einsam und verlasen... Ja, mein Herr, je länger sie saß, 
umso gewisser mußten die Nerven über ihrem Sitze bestimmte 
örtliche Erinnerungen in ihr geweckt und gesteigert haben ...“ 
„Sie phantasieren!“ 
„O, die Raserei getäuschter Liebe ist unberechenbar! Dido 
vertilgte die Fußspuren des Treulosen im Sande. Warum sollte 
nicht die Rache ihrer späten Leidensschwester den Gegen 
stand getroffen haben, der einst den schönsten Stunden einen 
erhabenen Schimmer verlieh?“ 
„Ja. Aber w o getroffen?“ 
„Dort, wo die ideale Phantasie des Künstlers ein heiliges 
Feuer ausströmte auf den Kuß des Geliebten! Im ent 
scheidenden Punkte oft gepriesener physiognomischer Ähn 
lichkeit! In der zwiefachen Schönheit des schwellenden 
Pfirsichs! In der — ach nie genug begriffenen Muschel 
wölbung der Aphrodite!“ 
„Sie meinen also?“ 
„Nur eine Hypothese, werter Freund! Ich habe Miß Mary 
Richardson nie gesehen. Und würde ich die Züchtig-Ver- 
kleidete sehen — im Saal der tobsüchtigen Suffragetten oder 
im Salon — ich wäre trotzdem schwerlich in der Lage, das 
Problem zu lösen.“ 
Die beiden Qeäeöten 
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err von Evremond und Herr de 
Pressense waren dicke Freunde, das 
heißt natürlich nicht, daß sie dick 
waren, sondern nur ihre Freund 
schaft war dick und fest. Sie waren 
beide Söhne alter Familien, die vor 
der Revolution den verschiedenen 
Louis manchen Staatsbeamten und 
tüchtigen Offizier gestellt hatten, dann aber, als die 
Luft dick wurde, vorzogen, zu emigrieren und nach 
Napoleons Sturz wieder in ihre Palais am Boulevard 
Saint Germain zurückkehrten. Beide Freunde waren als 
Sport- und Lebeleute bekannt. Obgleich Herr von Evre 
mond mehr für Flach- und Herr von Pressense für 
Hürdenrennen schwärmte und Herr von Evremond die 
Ballettratten der großen Oper bevorzugte, während 
Herr de Pressense Stammgast im „Olympia“ war, waren 
sie die besten Freunde. Vielleicht gerade deshalb. Jeder 
weidete auf „seinem“ Felde. 
Beim letzten großen Rennen in Auteuil sollte diese 
Freundschaft auf eine Probe gestellt werden. 
Denn Herr von Evremond erschien in seinem präch 
tigen amerikanischen Tourenauto an der Seite der 
schönen Liane d’Anges von den „Folies-Bergöres“ und 
stolzierte wie ein Gockel, der sich plustert und seinen 
Paschaschnabel reckt, an den Tribünen vorbei den 
Logenplätzen zu, wo sich alsbald ein Raunen und Mur 
meln des Neides von Herren und Damen erhob und 
hundert Monokel und Operngläser auf das Paar (er in 
neuestem perlgrauen Jackettanzug mit beigefarbenem 
Hut und Gamaschen, sie, ein Modewunder an breit 
randigem Hut mit Diamantagraffen auf dem blond 
oxydierten Haar, in einer fliederfarbenen Robe mit 
übergeworfenem Hermelinmantel) richteten. 
Herr de Pressense, der kurz zuvor „gewechselt“ hatte, 
saß neben seiner schlanken, ä la gamine frisierten, in 
dunkelblauen Samt gekleideten neuen Geliebten, der 
Tänzerin Madeleine Mardingot, deren schwarze Augen 
vor Lebenslust und Jugendfeuer blitzten. 
Die Begrüßung der beiden Freunde war durch die 
Vorstellung der gegenseitigen „Damen“ leicht formell 
und nicht ohne beiderseitige zur Schau getragene Über 
legenheit. 
Es ergab sich ganz von selbst, daß die beiden jungen 
Frauen, die sich per Renomme schon kannten, bald in 
ein ungezwungenes Geplauder kamen, wobei die feurige 
Madeleine der trägeren Liane Elogen über ihren Hut 
und Liane Madeleine über ihr Kleid machten. 
Als die beiden Freunde nach dem Toto gingen, 
tauschten die beiden Geliebten weitere Ansichten über 
das „Ewig-Männliche“ im allgemeinen und dann im be 
sonderen aus und beschlossen, sich demnächst zu be 
suchen. Auch die Freunde kamen am Sattelplatz von 
dem Thema „Pferde“ auf das Thema „Frauen“ und 
horchten sich hinter allerhand allgemeinen Phrasen aus, 
wobei Herr von Evremond sich nur über eine gewisse 
Interesselosigkeit Lianes beschwerte, während Herr de 
Pressense meinte, Madeleine sei ja ein entzückender 
Racker, aber ihr Temperament ginge über das Maß, 
das ein angehender Vierziger erwartete, manchmal 
etwas hinaus. 
In der nächsten Zeit wurde der Verkehr zwischen 
Liane und Madeleine immer reger. Liane klagte ab und 
zu über Herrn von Evremonds allzu heftiges Begehren, 
was Madeleine, offen gestanden, nicht verstehen wollte. 
Sie fand, daß Herr de Pressense bei aller kavalier 
mäßiger Noblesse ruhig etwas mehr aus sich heraus 
gehen könne.
        
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