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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg, 27 
Nr. 6 
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ODER DAS VERTAUSCHTE BETT 
Illuslr: Pfeil 
en Herzog von Qisors schmerzte die Ehe 
losigkeit seines einzigen Sohnes sehr. Sein 
höchster Wunsch war, einen rechtmäßigen 
Enkel zu besitzen; aber alle Mahnungen 
und Bitten prallten an dem Prinzen Fran 
cois ab, der mit seiner Geliebten, Seraphine 
geheißen, ein angenehmeres Leben führte, 
als es ein Ehemann zu erwarten hatte. 
Schließlich aber drohte der Herzog seinem 
Sohne mit der Entziehung der Apanagen und machte ihn so zu 
einer Ehe gefügig. Der Herzog wußte von der Neigung, die 
Marion, eine seiner Nichten, für 
ihren Vetter Francois hegte, 
und er beschloß, seinen Sohn 
mit ihr zu verheiraten. Da Se 
raphine sehr anspruchsvoll war, 
besaß der Herzog in der Tat 
in der Entziehung der Ein 
künfte ein mächtiges Mittel, 
den Prinzen gefügig zu machen. 
Dieser willigte also notgedrun 
gen in die Ehe ein, mit dem 
listigen Vorbehalt, er würde 
Marion nur dann als seine 
rechtmäßige Gemahlin aner 
kennen, wenn sie ihm ein Kind 
gebären werde. Der alte Herzog 
war damit sehr einverstanden, 
denn das war ja auch für ihn 
der Angelpunkt des Ganzen. 
Der Prinz vermählte sich also 
mit Marion, die keineswegs 
häßlicher als Seraphine war — 
aber seine Gemahlin trat damit 
keineswegs in die Rechte seiner 
Geliebten ein. Francois weilte 
meist in Paris, während sich 
seine junge Frau auf dem ihm 
zugewiesenen Landsitze lang 
weilte. Ein Enkel des Herzogs 
war mithin vorläufig noch nicht 
zu erwarten. 
Während Marion so die 
ersten drei Monate ihrer Ehe 
unter Tränen über die Untreue 
ihres geliebten Fransois verbrachte und sich in vergeblichen 
Grübeleien nach einem Mittel, ihm Liebe zu seiner Gattin 
einzuflößen, zerquälte, spielte der Zufall ihr plötzlich etwas 
in die Hand, das ihr Erlösung aus allem Elend zu verschaffen 
versprach. 
Zu ihren früheren Verehrern, von denen sie aus festge 
wurzelter Liebe zu ihrem Vetter keinen erhört hatte, gehörte 
ein Herr von Boufflers. Als dieser Marions Verheiratung ver 
nahm, war er anfangs betrübt; schließlich aber sagte er sich, 
daß der Ehestand kein Hindernis sei, von Marion das zu er 
langen, was sie als Jungfrau ihm versagt hatte. Und als er dazu 
von der Vernachlässigung hörte, die die Prinzessin zu erdulden 
hatte, so beschloß er, seine Besuche bei ihr wieder auf 
zunehmen. Freilich kam er auch nicht einen Schritt seinem 
Ziele damit näher. Obgleich er nun, wie gesagt, von des 
Prinzen Umgang mit Seraphine wußte, war er doch zu 
zartfühlend, um sich dieses Umstandes bei Marion als Mittel 
zu seinem Zwecke zu bedienen. Da geschah etwas Uner 
wartetes. Boufflers hatte sich, angesichts der Erfolglosigkeit 
seiner Bemühungen um die Gunst der Prinzessin, um seine 
Neigung zu betäuben, in die ausgelassenen Vergnügungen der 
Kreise gestürzt, in denen Seraphine mit dem Prinzen Francois 
zu verkehren pflegte. Die Eifersucht und der Groll gegen den 
undankbaren Besitzer seiner angebeteten Marion hatten ihn 
oft in die Nähe des Prinzen und seiner Geliebten getrieben. 
Da er nun ein sehr reicher Mann war und dabei ebenso schön 
wie einfältig, hatte Seraphine, die des Prinzen müde war, ein 
Auge auf ihn geworfen. Der Prinz mußte jetzt seine nicht 
allzu bedeutenden Einkünfte zwischen Seraphine und Marion 
teilen, so daß die eitle Courti- 
sane nicht mehr befriedigt war. 
Herr von Boufflers erhielt also 
eines Tages ein Billet von ihr, 
das neben Klagen über des 
Prinzen Nachlässigkeit Beteue 
rungen der herzlichsten Zu 
neigung zu dem Empfänger des 
Briefchens enthielt, Herr von 
Boufflers war bestürzt, erfreut, 
erschüttert zugleich über diesen 
Wink des Himmels, den ein 
Seraph ihm übermittelte, und 
faßte Mut, Marion noch einmal 
zu Füßen zu fallen. Er ge 
dachte nämlich jetzt von dem 
letzten Mittel Gebrauch zu 
machen und Marions Herz da 
mit zu erweichen. 
Er reiste am nächsten Tage 
auf das Landschloß der Prin 
zessin und bat sie nach langem 
Zögern und unter vielen Be 
teuerungen um Erhörung. Sie 
wies alle Annäherungen ent 
rüstet von sich ab und befahl 
ihm, sie sofort zu verlassen. 
Da erlaubte sich der zudring 
liche Bewerber einen Hinweis 
auf die Unwürdigkeit ihres 
Gemahls. Drohend und stolz 
richtete sich Marion mit Tränen 
in den Augen auf und sagte: 
„Mein Herr, mir ist kein Fehl 
tritt meines erlauchten Gemahls bekannt.“ 
Boufflers, der sich in seiner Einfalt mit dieser Zurechtweisung 
nicht zufrieden geben konnte, zog den Brief Seraphines her 
vor und überreichte ihn der Prinzessin mit den Worten: „So 
bedaure ich, Ihr Vertrauen in die Makellosigkeit Ihres Gemahls 
erschüttern zu müssen. Lesen Sie diese Zeilen des imwürdigen 
Weibes, an das er nicht aufhört, sich wegzuwerfen.“ Marion 
tat, auf das tiefste empört, einige Schritte, um das Zimmer 
zu verlassen. Aber plötzlich durchzuckte sie der Gedanke, daß 
ihr in diesem Schreiben vielleicht ein Mittel zugeführt würde, 
die Liebe ihres Francois durch List zu erringen. Also auch sie 
glaubte an die tiefere Bedeutung der seraphischen Botschaft 
— zur größten Freude des einfältigen Boufflers, der in der 
Annahme des Schreibens durch die Prinzessin ein günstiges 
Zeichen für sich erblickte. Marion las, von Schmerz und Ekel 
erfüllt, die Zeilen der Dirne und vergoß Tränen, die ihres Lieb 
habers Herz wiederum höher schlagen ließen. Nach einer 
langen Weile des Schweigens erhob sich die Prinzessin und
        
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