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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr, 6 
6 
Der romantische König 
1750 
Ludwig XV. wollte eines Tages in einem kleinen Dorfe die 
Schönheiten aus der Bauernwelt sehen und er befahl, sie ihm 
am Nachmittage vor einem Heuhaufen vorzuführen. Der 
Maire stotterte; 
„Majestät könnten wohl einen besseren Einblick in der 
Mairie gewinnen ... es ist bequemer für Majestät, wenn die 
Mädchen sich hier zeigen.“ 
Der König lächelte: „Dummkopf, hat er keinen Sinn für die 
Ländlichkeit? — Er, der Bauer?“ 
Da mißverstand der Maire den König und er ließ sein eigenes 
großes Bett vor das Heu stellen. 
Als der Herrscher seiner goldenen Karosse entstiegen war 
und zur Stelle kam, wo ein Bett stand und darinnen die ent 
zückendsten Bauerndirnen lagen, war er mehr als verwundert: 
„Das heißt Ihr Romantik, Maire?“ 
Der Idiot von Bauer nickte. 
„Nein“, sagte der König, „Ihr seid ein Tölpel, ein Realist 
seid Ihr.“ 
Und sofort befahl der König, das langweilige Bauernbett 
fortzuschaffen. „Taktloses Gesindel!“ meinte er. Der Maire 
wollte seinerseits die drei Jungfrauen heimbefördern lassen; 
da aber wandte Ludwig ein: „Die Damen bleiben hier im 
Heu.“ 
Und der König schickte alle Hofleute, Diener und Bauern 
nach Hause, während qr mit den drei Mädchen . . . 
Was soll ich sägen; In Liebesgeschichten war Ludwig XV. 
stets ein bedeutender Romantiker. 
Soidatenkinder 
16Z4 
Im kleinen Städtchen W. . . . am Main hielt sich der Graf 
von W. vor hundert Jahren eine Armee Soldaten, die aus 
vierzehn Mann bestand. Diese Armee hatte den ganzen Tag 
nichts anderes zu tun, als Schildwache zu halten und zu 
präsentieren. 
Die Mädchen von W aber liebten die schmucke, fast 
phantastische Uniform dermaßen, daß bei Anbruch der Dunkel 
heit keines der Schildwachhäuser ohne eine Dame war und 
besonders im Monat Mai, als an Tauber und Main alles 
blühte und duftete nach Frühlingsart! 
Der Erfolg dieser gemeinsamen Schildwache ließ nicht auf 
sich warten, und siehe da: im Monat Februar war das Melde 
amt W. . . . überfüllt von Männern und Weibern. Vierund 
dreißig Mädchen waren Mutter geworden. 
Der Sekretär bat deren Väter und Mütter sich anzustellen. . . 
„Immer nach der Reihe!“ erklärte der nun überaus beschäftigte 
Mann. 
Dann fragte er: 
„Der Vater des Kindes?“ 
„Soldat!“ 
„Sein Name?“ 
„Weiß meine Tochter nicht.“ 
„Warum weiß sie nicht?“, fragte die Schreiberseele . . . 
fragte so jeden Einzelnen. 
„Weil ein Soldat aussieht wie der andere“, war die jeweilige 
Antwort. 
Der Graf von W der stolz auf seine' Armee am Main 
war, wollte diese nicht blamieren und er baute ein Findel 
haus, in das er jedes Jahr seine dreißig bis vierzig Soldaten 
kinder stocken ließ. . . . Wie selbstverständlich. 
Cngel oder 'CeufeL ? 
1665 
Napoleon III. wurde von einer Fürstin am Hofe mit Liebes- 
beteuerungen verfolgt. Der Kaiser wußte sich nicht zu retten. 
Er flüchtete wie ein verfolgtes Wild, denn vor seiner Eugenie 
hatte er manches Mal das, was man in vulgärer Sprache mit 
Bammel bezeichnet. Immerhin dachte er in seinen stillen Stun 
den an die schöne Fürstin und manches Mal pochte sein Herz 
bei dem Gedanken, daß er sie besitzen könnte. „Dieser Teufel 
von Weib!“ Eugenie hörte von der Amour der napoleontollen 
Fürstin und sie ging zu ihr und sagte ganz einfach: „Wenn 
Sie mit meinem Manne ein Abenteuer erleben wollen, dann 
bitte. . . Ich bin Ihnen nicht im Wege!“ Und zu ihrem Gatten 
ging sie und sagte: „Deinen Gefühlen tu’ keinen Zwang an . . . 
aber wahre Diskretion.“ 
Napoleon entgegnete: 
„Diese Frau ist des Teufels und ich liebe nur Engel . . 
Engel, wie meine Eugenie.“ „Na, dann wäre ich deiner Treue 
sicher“, meinte Eugenie etwas befriedigt. Eine Stunde später 
fanden sich aber Fürstin und Napoleon in einem Zimmer zu 
sammen. 
Die Fürstin faßte ihn am Arm: „Man sagt mir, man sei mir 
keineswegs im Wege!“ 
Napoleon III. überhörte diese Worte und fragte: 
„Sind Sie ein Engel oder ein Teufel? Das muß ich vor 
allem wissen.“ 
„Beides“, erwiderte schlagfertig die kokette Frau. Er konnte 
nun wählen. Er hatte die engere Wahl . . . und sie war, 
genau wie Eugenie, ein Engel der Zärtlichkeit. . . . 
Eugenie erfuhr von dem kaiserlichen Fehltritt und sie wurde 
zum Teufel. 
Ais sie ihm eines Tages in dieser Eigenschaft die Hölle heiß 
machte, sagte er seelenvergnügt; „Du mußt nun immer ein 
Teufel sein.“ „Warum?“ stutzte seine Gattin. 
„Weil ich sonst zu viel Engel am Halse hängen hätte!“ Er 
hatte sich noch an zwei andere Engel gewöhnt. 
DZoderne DZenscfien 
192A 
Ein Berliner Herr, der seine Schätze hübsch in fremder 
Währung angelegt und sie auf der Bank von England ver 
schoben hatte, wollte sich seiner Freundin entledigen; aber da 
fiel ihm regelmäßig ein, daß sie über die Kapitalsverschiebung 
unterrichtet sei. 
Hatte sie ihm doch eines Tages den Paragraphen vorgelesen, 
der die Strafen für solche Vergehen enthielt. 
Er überlegte hin und her: „Wie kann ich Amanda schmerzlos 
los werden?“ 
„Ich versuche es“, dachte er: „Ich schreibe ihr einmal ab.“ 
Und er schrieb ab. 
Statt aller schriftlichen Antwort kam die Druckschrift an, 
die die Strafen für Kapitalsverschiebung enthielt. Von ihr! 
„Gott“, dachte er, „das könnte schlimm werden.“ Und er 
versuchte sich zu einigen. Halb und halb schlug er ihr vor. 
Sie schüttelte den Kopf. 
„Ich möchte das ganze Guthaben überwiesen bekommen“, 
erklärte sie. 
„Eine Erpressung!“, schrie er sie an. 
„Nicht im Geringsten“, meinte sie, „eine ganz moderne Ab 
findungssumme.“ 
„Nun gerade nicht“, sagte er und ging. 
Sie rief ihm nach: „Rache ist süß.“ 
Nach einer Stunde kam er wieder. Er entnahm einem kleinen 
Etui zwei Verlobungsringe. 
„Was soll das?“, fragte sie erstaunt und fast bestürzt. 
„Die Welt verlangt bei zwei Parteien Konzessionen.“ 
„Ja und —?“, fragte sie kurz und rücksichtslos. 
„Das herrliche Geld soll und muß in guten Händen bleiben“, 
erklärte er. Sechs Wochen später wurde Hochzeit gefeiert. 
Die Pfunde lagen wieder, aus England zurückbeordert, in 
seinem Safe. . . .
        
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