Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 6 
JaUrg, S 7 
4 
m Rande des hochstämmigen Kiefernwaldes tau 
melten späte Schmetterlinge. Erschreckt flogen sie 
weiter, wenn von den weißen Birken, die dicht am 
dunklen Walde standen, welke, gelbe Blätter herab 
flatterten. Auf dem Kartoffelfeld neben dem Walde hockten 
in der hellen Vormittagssonne mehrere Frauen in einer Reihe. 
Ihre grellen Kopftücher leuchteten aus den matten Farben der 
Erde und des gelblichen Krautes. Unaufhörlich schlugen ihre 
Hacken in den weichen Boden. Auf den Knien rutschten sie 
— nach und nach — immer weiter und weiter in das Feld. 
Hinter ihnen stand ein jüngeres Mädchen. Ihre Kleider waren 
nicht so verschossen und so geflickt, wie die der Frauen. Mit 
derben Händen faßte sie die mit den erdigen Kartoffeln ge 
füllten Körbe und schüttete sie in Säcke aus. Sicher und fest 
ging sie über den umgewühlten Boden, raffte das Kraut zu 
sammen und schüttete es auf einen Haufen. Sie zündete es 
an — weißlicher Qualm zog über die Erde, 
Wagengeratter kam vom Dorf her. Breit stellte sie sich hin 
und sah dem Winde entgegen. Als sie den Wagen ihres Vaters 
erkannt, ging sie auf ihn zu. Der Kutscher fuhr auf den Rand 
des Feldes, zoppte die Pferde und sprang herab. 
„Na, Georg?“ meinte das Mädchen und blickte ihn vertraut 
sehnsüchtig an. 
„Mein liebes Miezing!“ sagte er und trat ihr näher. Er wollte 
sie um die Schulter fassen. Sie stemmte sich mit den Händen 
gegen ihn; „Nee, nee! Lat man dat! Wenn uns de Frun sähn —“ 
„Die buddeln ihre Kartoffeln!“ Lachend und verlangend 
drückte er sie an sich und küßte sie, die in den Knien zusam 
mensank und ihren Kopf an seine Brust lehnte. Doch mit einem 
Ruck richtete sie sich auf; „Wann wüßte denn mit min Vader 
spräken?“ 
„Meinetwegen gleich.“ 
Sie gingen nach den Säcken. 
Er hatte nichts Bäuerisches an sich. Seine Augen blickten 
lebhaft und kritisch; leicht mit durchgedrückten Knien ging 
er über das Feld. Zur Zeit der Kornernte, im Hochsommer, 
war er als „armer Reisender“ zum Bauern gekommen. Der 
hatte ihm gesagt, Bettlern gebe er nichts, aber wenn er 
arbeiten wolle. — — Und da hatte sich der junge Fabrik 
arbeiter gedacht; „I — so ’ne kieene Sommerfrische is nich zu 
verachten.“ ... Er hatte tüchtig mit zufassen müssen. Aber 
das frische, derbe Mädel des Bauern hielt ihn. Sonst hätte er 
die Arbeit wohl lald liegen lassen und wäre weitergezogen. 
Die Marie war zwar für einen andern bestimmt, einen Nach- 
barssohn, aber sie hätte sich in Georgs flottes, gelenkiges 
Wesen verliebt. 
Sie luden sich beide einen Kartoffelsack auf den Rücken und 
schleppten ihn nach dem Wagen. Er maß, als er die Last auf 
den Wagen gehoben hatte, die Entfernung zwischen den an 
deren Säcken und dem Wagen. „Weißte“, sagte er, „wir 
machen uns das bequemer.“ Er fuhr den Wagen bis zu den 
Säcken und lud sie gleich auf. 
„Mien gescheiten Mann! meinte Miezing leise, bewundernd. 
Der Wagen war vollgeladen. In leichtem Trab fuhr Georg 
zurück. Auf dem Hof stand der Bauer. Er schaufelte an der 
Grube, in der die Kartoffeln überwintern sollten. Das Stroh, 
mit dem sie zugedeckt werden mußten, lag in der Tenne der 
großen Scheune, dem Hause gegenüber. Die beiden Männer 
gingen und holten es. Der Bauer fragte, wie weit die Frauen 
mit dem Buddeln wären. Georg erzählte, daß sie nur langsam 
vorwärts kämen, da viel Tüffeln im Boden seien. Der wort 
karge, hagere Mann, den das Ringen mit dem Boden und der 
Witterung hart und finster gemacht hatte, lächelte vor sich hin. 
Beim Ausschütten der Säcke liebkoste er die Kartoffeln mit 
den Blicken. Die zusammengezogenen Brauen lichteten sich. 
Er sah beinahe heiter aus. Georg bemerkte das. Rasch ent 
schlossen sagte er: „Herr Gronert, Sie haben doch nischt da 
gegen, wenn ick Ihre Tochter heirate?“ 
Der Bauer sah verdutzt auf. Dann kniff er die erbleichenden 
Lippen zusammen und sah den jungen Mann starr an. Der 
erwiderte fröhlich und dreist den Blick. Plötzlich lief der 
Bauer nach der Hundehütte, koppelte den zottigen Hund los 
und schrie Georg zu; „Rut! Rut! Ju Aastüg! — Makste, det 
de ut’t Dorp kimmst?! So’n Rackertüg! Möcht sich 
wo 11 hier infräten; Vagebund!“ 
Georg kam gar nicht zu Wort. Schließlich lachte er: „Lassen 
Se man! Ick jeh ja schon.“ 
Aber der Alte hetzte ihn bis auf den Landweg, der jenseits 
der Kartoffelfelder vom Dorf fortführte. Und als Georg sich 
die Sache überlegte, sagte er sich; besser rasch auseinander, 
als lange Zerrereien. 
Pfeifend zog er weiter. . . . 
Der Bauer war selber auf das Feld gefahren, um die andern 
Kartoffeln einzuholen. Beim Aufladen hatte er Miezing mit 
gebücktem Kopf angestiert. Das gesunde Rot ihrer Backen 
überschwemmte ihr ganzes Gesicht und den Hals bis hinauf 
in die feinen Nackeniocken. Unter den forschenden Blicken 
ward ihr klar, daß Georg mit dem Vater gesprochen hatte — 
und daß es nicht gut abgelaufen war. 
Blaß, zitternd sagte sie mit klagender Stimme: „Vading! — 
Vadingl Ick muß’n jo free’n! — Ick muß jo! “ 
Stöhnend ließ er den Sack fallen, daß die Kartoffeln heraus 
fielen. Mit einem Ruck richtete er sich hoch, so gerade wie 
die Fichten im Walde. Den Atem anhaltend, schlug er mit ge 
ballter Faust ihr ins Gesicht, daß sie wimmernd in die Knie 
sank. 
Dann sprang er auf den Wagen, immer fluchend; „Karnallje! 
Karnailje!“ 
Hastig trieb er die Pferde an, die bei den ungewohnten 
Peitschenhieben bockig vorwärts rannten. Den Kerl wollte er 
sich schon wieder holen! Das hätte dem wohl gepaßt, so leicht 
davonzukommen! 
So fährt er den Weg entlang, der ohne Abzweigung durch 
den Waid geht. Dann kommen weite Rübenfelder, über denen 
zwischen einzelnen Pappeln die herbstlich blasse Sonne im 
Dunst liegt. Von Georg ist nichts zu sehen. Der Bauer treibt 
wütend die Pferde an. Er will, er muß den Kerl zurück haben. 
Im Trab fährt er weiter — Hü! — — — —
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.