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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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JoSrg. 17 
Nr. 6 
E \ s war jeden Tag dasselbe Bild. 
Um fünf Uhr, wenn die junge Dame, die tags 
über meine Schreibmaschine mißhandelt, nach einem 
koketten Blick in den Spiegel das Lokal verlassen 
hat, sehe ich immer zum Fenster hinaus, bis die Haushälterin 
das Vesper bringt. Und jedesmal um diese Zeit kam . das 
schlanke, dunkelhaarige Mädchen mit dem Madonnengesicht 
und dem unbeschreiblich leichten, schönen Gang die Straße 
entlang. 
Man sah nicht ihren Hut, nicht ihr Kostüm, nur ihren Gang, 
mit dem sie ausschritt wie ein edles Tier des freien Waldes. 
Eine Zeitlang war dann ihr Schreiten kürzer, verhalten, 
wartend. Und eines Tages kam sie mit einem sehr elegant an 
gezogenen jungen Mann einher, einer leeren Wachsfigurvisage 
auf einem Kleiderständer allerneuester Mode. 
Fortan wurde ihr Gang wieder freier, ausgreifender. Sie ging 
groß und stolz, wie in einem Siegeszuge. Es war, als wenn eine 
Fürstin feierlich durch den Thronsaal schritte. 
Als der Sommer heißer über der Stadt brütete, änderte sich 
wieder der Gang des schönen Mädchens. Es kam eine Weich 
heit in ihre Schritte und Gebärden, etwas Hingehendes, An 
schmiegendes, wenn sie am Arm des Gecken mit dem torhaften 
Gesicht hing. Der aber lächelte dumm und arrogant und sah 
heimlich seitwärts in die Schaufensterscheiben, ob seine Kra 
watte auch richtig sitze. 
Bisweilen kam sie allein. Er wohnte wenige Häuser entfernt 
in einem grauen, alten Hause. Wenn sie ihn besuchte, mußte 
es wohl sein, als wenn ein bunter Frühlingsfalter in staubige 
Spinnweben flattert. 
Sie aber flog mit federnden Schritten dem dunklen Hause 
zu, und vor ihr her leuchtete eine lodernde Glut, die hohe Röte 
auf die zarten Wangen zauberte. Gedämpftes Licht glühte 
hinter verhängten Fenstern, an denen manchmal morgens ein 
eleganter Rasierapparat das Dummejungengesicht zu nichts 
sagender Glätte raspelte. 
Dann gab es kühle, regnerische Spätsommertage. Das schöne 
Mädchen ging trübe und müde vorbei und trat mit hoffnungs 
loser Langsamkeit in das graue Haus. 
Nach wenigen Minuten schon kam sie wieder. Die Fenster 
waren geschlossen. Kein Licht drang durch die dichten Vor 
hänge. 
An dem Tage, da der Fluß im Regensturm die morsche Holz 
brücke an der Altstadt zu Treibholz zerschmetterte, blieb das 
dunkelhaarige Mädchen wohl eine Stunde in dem Hause. Als 
sie herunterkam, war ihr Gang nicht mehr müde und traurig. 
Er war hart und stark und entschlossen, und über der ganzen 
Gestalt lag etwas wie Weltenferne. Es sah aus, als wenn die 
Heldin aus einer griechischen Tragödie in ihr Schicksal schritte. 
Sie ging nicht den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie 
ging ernst und aufgereckt in der Richtung nach dem Stadt 
walde, durch den der laute und wilde Fluß jagte. 
Barhaupt in strömendem Guß hinter ihr her! 
In den dämmrigen Anlagen am Mühlenwehr stellte ich sie. 
Sie begehrte auf; 
„Wenn Sie mich weiter belästigen, rufe ich nach der Polizei.“ 
Ich packte ihren Arm: 
„Um so besser, dann kann ich Sie gleich in Schutzhaft 
nehmen lassen.“ 
Ihr kalkweißes Gesicht leuchtete unter den dunklen Bäumen. 
Ich kämpfte mit harten, brutalen Worten. Schließlich brach ihr 
Widerstand zusammen. Sie ging mit mir mit. 
Ich zwang sie, mir in ein stilles, verschwiegenes Restaurant 
zu folgen. In einer abgelegenen Nische packte ich sie hinein, 
was ich konnte; ein Abendessen und Wein und Likör und böse 
Worte, die sie klein machten. 
Manchmal weinte sie ein wenig. Und dazwischen sah sie 
mich verwundert und ein bißchen böse und ängstlich an. 
„Wer sind Sie überhaupt?“ trumpfte sie schließlich auf. 
„Das geht Sie gar nichts an“, fauchte ich zurück. Und ich 
schwor ihr, sie wirklich sofort in Schutzhaft nehmen zu lassen, 
wenn sie nicht feierlich verspräche .... 
Sie versprach. 
„Haben Sie ihn denn so furchtbar lieb?“ wollte ich wissen. 
„Das war es nicht“, sagte sie leise. „Das war schon fast ver 
wunden. Er war dumm , . .“ 
„Weiß Gott, ob der Kerl dumm war!“ dachte ich im Stillen. 
„Er sah nur das Äußere. Er wollte mich haben, wie er seine 
Bilder und Teppiche und Vasen und Soupers hat. Aber . . .“ 
„Na?“ 
«< 
„Was . . . aber . . .?“ 
Sie senkte den Kopf. 
„Er bot mir Geld an.“ 
„Da können Sie ein leichtes Herz haben“, sagte ich freundlich 
zu ihr. „Solch ein Schmutz trifft nur ihn selbst. Daß er so 
kläglich denkt, rehabilitiert Sie vor allen guten Menschen.“ 
Sie sah mich aufatmend an. 
Dann brachte ich sie nach Hause, drückte ihr hart die Hand. 
„Wehe, wenn Sie wortbrüchig werden . . .“ 
Sie ging ins Haus. 
Schon im Flur hörte ich sie aufschluchzen. Die Reaktion kam, 
das Eis war gebrochen. Sie würde die Nacht durchweinen 
und morgen mit klareren Augen in die Weit schauen. 
In den nächsten Tagen sah ich sie hin und wieder von 
weitem. Stets bog ich im rechten Augenblick in eine Seiten 
straße oder verbarg mich in einem Hausflur. Ich wollte ihr 
keine Peinlichkeiten bereiten. Ich Esel! 
Bis ich ihr eines Tages geradezu in die Arme lief. 
Sie wurde nicht verlegen. Mit ausgestreckten Händen kam 
sie auf mich zu. 
„Sie werden hoffentlich nicht erwarten, daß ich rot und 
schämig werde“, sagte sie mit offenem Lächeln. „Sie haben 
mich nicht nur kuriert. Sie haben mich mir selbst zurück- 
gegeben.“ 
Und dann gingen wir spazieren, und sie ging wieder freien 
und heiteren Schrittes, wie eine Gazelle. 
Wir sprachen über alles, nur nicht über das Vergangene. 
Sie hatte einen großen Schlußstrich gezogen. 
Sie wollte ein neues Lebenskapitel anfangen. 
Ich habe ihr dabei geholfen. 
Vorgestern sind wir von der Hochzeitsreise heimgekommen.
        
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