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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr.l 
10 
Die zerschnittene Venus 
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Qermann KS&nzf 
E s war im März 1914. Die Welt war noch nicht durch 
Krieg und Hunger zur Geistigkeit unserer Tage er 
zogen. Brot- und Kartoffelpreise beherrschten nicht 
die Gehirne der gebildeten Menschheit. 
Damals ging ein brüderlicher Schrei der Entrüstung durch 
die Länder. Ein Mordanschlag war verübt worden. Nicht 
gegen einen Minister oder König, nein, gegen ein ewiges 
Menschenbild; gegen die Venus des Vefasquez. Im 
Londoner Nationalmuseum hatte sie der Dolch einer Suffra 
gette getroffen. Mitten ins blühende, schwellende Fleisch 
zwischen Rücken und Schenkel getroffen. 
* 
Zwei Herren im Cafe Josty zu Berlin, die Zeitungsblätter 
vor den Brillen, lasen und sprachen: 
„Verrücktes Weibsbild, die Miß Mary Richardson!“ 
„Verrückt? Verrucht! Denken Sie: eine Frau, die einen 
Mord, kaltblütig einen Mord begeht! Das ist scheußlich.“ 
„Mord?“ 
„Ach so, Sie meinen: die Leinwand habe unter dem Dolch 
nicht geblutet. Mögen Sie, mein Lieber, mich für unmenschlich 
halten, aber mir scheint es kaum so verbrecherisch, irgend 
eine Eintagsfliege, irgendeinen minderwertigen Menschen ins 
Himmelreich zu spedieren, als ein Kunstwerk zu zerstören, 
eine Schönheit, die nach Jahrhunderten leben sollte, herrlich 
wie am ersten Tag.“ 
„Gestatten Sie, zunächst ist die Venus von Velasquez nicht 
für immer zerstört —.“ 
„Gut! Gut! Die Chirurgen werden die schöne Patientin 
flicken. Man hat es heute in dieser Kunst weit gebracht, ich 
weiß. Den Mordanschlag, die Körperverletzung werden Sie 
nicht leugnen.“ 
„Erlauben Sie, daß ich ausspreche. Und zweitens pflegen 
die Herren Mörder, die in lebend Fleisch arbeiten, ihre Opfer 
nicht nach Darwinschen Zuchtwahlprinzipien zu wählen —.“ 
„Nicht so witzig, bitte! Ich zog unbedeutende Menschen 
zum Vergleich heran.“ 
„Nur unbedeutende? Nietzsche, der die Vielzuvielen haßte, 
hatte größere Ehrfurcht vor dem Leben. Erinnern Sie sich, 
was er vom Kind sagt, vom bedeutenden Kind und Enkel 
unbedeutender Vorfahren. . . Aber Sie sollen nicht glauben, 
daß ich das Attentat auf die wundersamen Hinterformen 
glimpflicher verabscheue als irgendwer. Diese Miß, die mit 
ihrem dummen Beil das leuchtende Fleisch der Venus zer 
fetzte, ist ohne Zweifel eine besonders widerwärtige Ver 
brecherin. Eine Verbrecherin auch an den Rechten der Frau. 
Denn welche weiblichen Rechte wären augenfälliger, als . .?“ 
„Sie wollte doch nur einen materiellen Wert ver 
nichten, wie die andern von der Suffragettenhorde, die Häuser 
anzünden und Bomben werfen.“ 
„Ist das so gewiß? Wieviel Beweggründe haben mensch 
liche Handlungen! Den Herostrat leitete Ruhmsucht, Rache 
die Beschädiger der florentinischen Francoisvase und der Rem- 
brandtschen Nachtwache, schamlose Prüderie, vom Pfaffen 
geist aufgehetzt, hat sich an mancher heiligen Nacktheit ver 
griffen. Fast immer sind da Leidenschaften im Spiel.“ 
„Die Richardson ist eine Suffragette. . .“ 
„Nun, da haben Sie ja schon die Flamme, diö emporlodern 
möchte und mit Rauchqualm am Boden kriecht. Indessen, es 
können Triebe, die stärker sind als der politische Wahn, mit 
gewirkt haben.“ 
„Ruhmsucht? Prüderie?“ 
„Möglich. Aber warum nicht die Liebe?“ 
„Die Liebe?!“ 
„Ich weiß nichts von der Miß. Weiß nicht einmal, ob sie 
jung, ob sie schön ist. Nur — sagen Sie — an welcher Stelle 
hat die nackte Venus die wütendsten Beilhiebe empfangen?“ 
„An welcher Stelle?“ 
„Ich meine, an welchem Körperteil?“ 
„Wenn man recht hörte: dort, wo sie als kleine Range die 
Rute zu kosten bekommen hat. . .“ 
„Hm . . Ich kannte eine Frau, die . . Wirklich, mein Herr, 
eine seltsame Erinnerung regt sich. Die Frau war schön! 
Das schönste an ihr: die schlanke, weiße Hand mit dem 
feinen Geäder, die kühle Hand, von der ein so heißer Glut 
strom ausging, wenn sie weich über die Brust des Geliebten 
strich. . . Der Gatte wußte nicht aus dieser Hand zu lesen. 
Ein derber Landjunker mit breiten vier Tatzen; wo er durch 
die Wiese ging, war der Fußsteig fertig. — Der junge Maler 
verstand die wahre Chiromantie. Seinem Auge war die Hand 
der Geliebten das Kostbarste. Sie zauberte ihm, als seine 
Phantasie noch durch eigensinnige Hüllen zu verwehrten 
Schönheiten dringen mußte, den harmonischen Bau der Voll 
kommenheiten vor. Er träumte von der Lieblichkeit des 
Fußes, des Knies, der Lenden und.des Busens. Und er liebte 
die Seele der Frau in ihrer seelenvollen Hand. 
Im Atelier des Malers hängt ihr Bild. Seit vielen Jahren. Vor 
allen fremden Blicken geschützt durch einen Vorhang. Der 
Maler enthüllt es in einsamen Stunden. Das Bild bereitet ihm 
eine widrige Pein. Wie der Anblick einer blutigen Ver 
stümmelung, einer eitrigen Wunde. Das Gemälde ist in der 
Tat verstümmelt. Ein aphrodisischer Leib! Augen voll unend 
licher Zärtlichkeit und Wehmut entzücken mit ihrer feuchten 
Wonne. Nur die eine Hand ist sichtbar, die andere hält, in 
Stoffgewebe verschlungen, das vom Gürtel fallende Gewand. 
Die rechte Hand biegt sich kosend zur linken Brust. Diese 
Hand aber ist grauenvoll. Braun und schwarz geätzt, schwillt 
sie unförmig aus der Fläche des Bildes heraus, wie ein böses 
Geschwür.. 
„Und er selbst hat das Bild gemalt?“ 
„Er selbst. Im Mittsommer seines Glücks. Die Geliebte 
schenkte es dem Meister, als er eine Reise über den Ozean 
antrat. Es war ihm das Altarbild seiner Kajüte und im peru 
anischen Urwald sein Fetischheiligtum.“ 
„Und die Hand?“ 
„Die hat eine flüchtige Untreue verdorben. Jahre später.“ 
„Er verließ die Geliebte?“ 
„Nein. Nur eine kleine ,Mieselei* war’s, um mit dem flattern 
den und doch getreuen Goethe der Frau von Stein zu reden. 
Der Maler dachte nicht an Untreue, konnte nicht daran 
denken, denn jene Liebe war, nein, ist heute noch der große 
Inhalt seines Lebens.“ 
„Und?“ 
„Weibliche Leidenschaft kann schrankenloser sein, als die 
des Mannes. Die Frau mit der beseelten Hand war von Leiden 
schaft emporgehoben worden über alles Maß. Als diese 
Leidenschaft um einer kleinen Kränkung willen, eigentlich nur, 
weil die Frau die Mann-Natur ewig mißversteht, zum Absturz 
kam, da gab es auch kein Halten mehr. Sie rollte zur Tiefe, 
zum Abgrund, wie eine Lawine.“ 
„Und das Portrait?“ 
„Zwei Menschen sagten sich Lebewohl... Eines Tages, es 
waren seit dem bösen Ende Monate vergangen, erschien eine 
verschleierte Dame vor dem Atelier des Malers. Er hatte zur 
Stunde bei der Eröffnung der Kunstausstellung zu tun. Den 
Diener unter kurzen Worten beiseite schiebend, drang sie in 
den wohlbekannten Raum, und, ehe man sie hätte hindern 
können, goß sie den Inhalt eines Fläschchens auf das anbetungs 
würdige Bild.“ 
„Auf die magische Hand?!“ . 
„Ja, wohlgezielt auf die Hand — Blitzschnell enteilte sie, 
und der nachstürzende Diener fand sie nicht.“ 
„Was tat der Maler?“ 
„Diese Frau wußte, wie sie den Mann treffen konnte! Der 
Geliebte hatte ihr in ungezählten Stunden schwärmender 
Seligkeit gestammelt, daß die geheimnisvolle Schönheit ihrer 
Hand der Inbegriff seiner Seelen- und Sinnenschau sei. Der 
Haß der Liebe ließ sich nicht damit bescheiden, dem Manne 
den warmen, bebenden Leib entrissen zu haben; auch seiner 
Kunst sollte eine Erfüllung geraubt werden, die nie wieder zu 
erreichen war. Oft saß der Maler nun vor seinem Bilde, von 
dem er sich, so sehr es sein Blut verbitterte, nicht trennen 
konnte. Die Mittel, angewandt zur Beseitigung des Schadens, 
waren erfolglos geblieben, ohnmächtig, wie seine zermarterte 
Phantasie, die sich mühte, das Licht seiner Kunst aus der 
Erinnerung wieder zu erwecken. Zwischen der Zauberhand 
der Geliebten und seinem bildenden Geiste lag eine undurch 
dringliche Ferne. Ein Meisterwerk war verunstaltet worden. 
Das zarteste und sinnreichste Gebilde der Natur war durch 
ein schwammiges, ekelhaftes Krebsgewächs zum Abscheu 
geworden.“
        
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