Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 5 
Jahrg. 27 
23 
führet worden, also daß diesbezügliche Resolution ward zur 
Tat erhoben. 
Solchergestalt instruieret, begab sich der junge Doktor Liber 
montanus alsbald heimlicherweis in das Haus derer Gräfin von 
Gebsattel, allwo er mit Freuden empfangen und seiner Herz 
allerliebsten ist zugeführet worden. Und tat Bericht von dem 
schändlichen Anschlag wider die mannbaren Weiber der Mün- 
sterischen und proponierete, daß seine Mechthild, vor welche 
er lieber zu sterben als sie in derer Schandbuben Hand fallen 
zu lassen, er sich bei dem allerheiligsten Sakrament verschwor, 
sollte als sein Schreiber verkleidet ihme zu Diensten sein. 
Worüber auch Abred erzielet ward. 
Am folgenden Tage begaben sich die Häupter derer Wäe- 
dertäuferischen mit nebst ihren bewaffneten Kreaturen in alle 
Häuser, sich nach den schönsten Jungfrauen umzuschauen, 
welche alle geschändet wurden 
und keine, die über vierzehn 
Jahre, in der Blühe ihrer Ehren 
unversehrt bliebe. 
In selbiger Nacht geschähe ein 
großes Weinen allerorten in der 
Stadt und ward die Klage derer 
vergewaltigten Jungfrauwen bis 
auf die Straßen hörbar. Etliche 
aber stürzeten sich, nachdeme 
ihnen die schändlichen Häupter 
derer Wiedertäuferischen die Klei 
der vom Leibe gerissen, nackend 
aus den Fenstern auf die Gassen, 
woselbsten sie mit gebrochenen 
Gliedern liegen blieben. 
Indessen, da in der belagerten 
Stadt jeder zu hungern genötigt 
ward außer dem Johann von Ley- ' 
den, als welcher Herr aller Vor- / 
räte und jederzeit vollgefressen 
war, sprach in dieser Nacht seine 
Frau, so Elise hieß, heftige Worte 
gegen selbigen Herrn König Jo 
hann von Leyden, zumal er nebst 
jener Frau Elise noch zehen an 
dere junge Dirnen zu Hausfrauen 
genommen und ihm an Lust und 
Kurtzweii nichts abgehen, noch 
das geringste Härlein grauen ließ, 
gleich einem Schwein, so heut sich ,mästet und im Koth nach 
aller Lust bis über die Ohren herum wälzet, ohne einige 
Bekümmerniß, ob Morgen oder über Morgen der Metzger 
komme. 
Der König, solches erfahrend und von der allgemeinen Noth 
wenig Gefühls empfindend, als welcher noch in seinem Hauß 
keinen Mangel litte, sondern alles vollauf hatte, führete voll 
Zornes diese seine Frau, nebenst seinen anderen Weibern 
mitten auf den Markt, befahl daselbst allen, auf die Knie zu 
fallen, rings um die verurteilete Königin her, zog darauf sein 
Schwert aus und schlug ihr das Haupt ab. Nachdeme der 
Streich geschehen, hüben die anderen Weiber an zu singen; 
Ehre sey GOTT' in der Höhe! Und darnach an zu tanzen, wo 
bei der König den Reihen führete. 
Der junge Doktor unterdessen war in der Gräfin Gebsattel 
Haus geeilet, seiner Herzliebsten sich zu versichern. Aber 
fand selbige nur hoch entseelt vor, in dem Gewand eines 
jungen Studentleins, als welches der Graf ihr um ihrer Sicher 
heit willen anzuziehen befohlen. Und erfuhr dieser zu seiner 
herzinniglichsten Betrübnuß, weicherweis die Jungfrau des 
Todes verblichen. 
Indeme nämlich die verruchten Häupter derer Wiedertäufe- 
tischen in die Häuser eingedrungen, um die Mädchen zu 
suchen, daß sie gleich Sklavinnen bei denen Türken und Bar 
baren sollten weggeschleppet werden, der Wollust zu dienen, 
hatte ein Küchenjunge, so der Irrlehr besonders angehangen, 
denen Häschern verraten, daß des Doktors Famulus eine Jung 
frau sei. Alsbald forderten die Bewaffneten die Gräfin Mech 
thild, so unterdessen sich in ihr Klosett eingeschlossen, und 
nachdeme jene die alte Gräfin von Gebsattel heftiglich ge 
schlagen und sie eine alte Vettel geheißen, wollten sie die Tür 
zerschmeißen, der Mechthild teilhaftig zu werden. Diese je 
doch, der Notzüchtigung sich nicht zu ergeben entschlossen, 
stieß sich eine Nadel in ihr Herze und ward alsobald des 
Todes Beute. 
Der Doktor Libermontanus entäußerte sich keines Wortes, 
weinete auch kein einzig Tränlein, sondern erbäte sich nur 
eines Stirnlöckleins seiner Herzliebsten. Alsdann schritt er 
mit einem gar grausigen Lächeln in des Propheten Haus zu 
rück und begann mit dem Küchenmeister und dem Mund 
schenk ein tolles Fressen und Saufen. Und soff sie beide unter 
den Tisch, sintemalen er auf Teutschlands Hohen Schulen in 
dieser Kunst eine wackere Klinge zu schlagen erlernet. Dar 
nach öffnete er die Fässer und lupfete die Deckel derer Koch 
kessel und gab in jedes ein Pül- 
verchen, so er an verborgener 
Stelle bei sich getragen. 
Des Abends war ein großes 
Gelage in des Johann von Leyden 
Haus und feierte man die Hin 
richtung der gewesenen Königin 
Elise. Und der Prophet befahl, 
daß allen Männern, so auf den 
Mauern unter dem Gewöhr stan 
den, sollte Speiß und Trank ge 
reichet werden. Und ehe daß es 
Mitternacht schlug, war nicht ein 
Führer oder Kriegsmann mehr in 
der ganzen Stadt Münster, so 
nicht im tiefsten Schlafe lag von 
des Doktors Pülverlein. 
Der junge Graf aber stand als 
bald wieder in des Beschofs Zelt 
vor der Stadt und sprachen die 
beiden schnell und heimlich mit 
einander. Und nachdeme der 
Bischof aus allen Schanzen die 
besten seiner Kriegsleut gesam 
melt, umgürtete sich der Libermon 
tanus und stieg als erster über 
die Mauer. Vorerst weckete das 
Schwerdt die schlummernden 
Wächter auf und legte sie in ewi 
gen Schlaf. Wie diese Kaput ge 
macht, ließen die, so schon darinnen waren, den Rest des 
übrigen Kriegs-Volkes auch hinein kommen. 
Nunmehro begab sich ein großes Feurio- und Mordio-Rufen 
aller Orten, und die Stadt ward nach desperater Gegenwehr 
genommen. Des nächsten Tages ist der Bischof mit fünfzehn 
hundert Reutern eingezogen und hat alle Umläufer in denen 
Häusern fangen und hinrichten lassen. Solches alles, wie auch 
des Johann von Leyden Tod haben die Chronisten zur Ge 
nüge beschrieben und verlohnet sich keines Wortes darüber 
zu verlieren. Die Gräfin Mechthild ward mit bischöflichem 
Dispens feierlich beigesetzt und zelebrierete der Herr Bischof 
selbsten die Totenmesse. 
Der Doktor Libermontanus aber verschwund aus der Stadt 
und ward daselbst nicht wieder gesehen. Er begab sich nach 
Rom und ist des späteren ein hoher Gerichtsherr geworden im 
Dienste der allerheiligsten Kirche. Und alle Ketzer, so ge 
fänglich eingezogen wurden, zitterten vor seinem Namen. Und 
war männiglich bekannt, daß, wenn der Doktor Libennontanus 
eine blonde Locke aus seinem Wams zog und sie mit stei 
nernem Lächeln betrachtete, dem peinlich Angeschuldigten 
eine schlimme Folter und ein grausamer Tod so sicher war 
wie das Amen in der Kirche. Als der Doktor hochbetagt starb, 
ward sein Sarg gen Münster geführet und im Erbbegräbnis 
derer von Gebsattel neben der Jungfrau Mechthild aufgestellt, 
wie dies des Verblichenen ausdrücklicher Wunsch gewesen. 
Darob sich jedermann in Münster höchlich verwunderte, 
maßen über sechzig Jahre verflossen waren, seit der Johann 
von Leyden seine schändliche Herrschaft aufgerichtet und nie 
mand sich mehr der Geschehnisse erinnerte.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.