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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

27- Jatrg. 
Nr. 5 
22 
Der Spion uon JZmster 
Curt JbiQinQ 
ngeachtet durch der teutschen Fürsten fürsichtige 
Anstalt der Wiedertäuferischen falsche Meinung und 
Irrlehr war geruinieret worden, der Thomas Münzer 
gefangen und mit dem Schwert an Leib und Leben 
gestrafet, ward dennoch durch Verstreuung solches mißleiteten 
Volkes des Teufels' Aussaat über etliche Orte des Heiligen 
Römischen Reiches geworfen. Unter welchen Orten, wie satt 
sam und männiglich bekannt, die Stadt Münster in Westfalen 
zum Haupt- und Lieblingsaltar des Bösen ist erkoren worden, 
woselbst durch mehr täglichen Zulauf der Wahngenossen die 
irrsame Lehr und Prophezeiung Überhand zu gewinnen des 
HERRN unerforschlicher Ratschluß zugebilliget. 
Wiewohl die redlichen Bürger benamseter Stadt, so im 
heiligen Glauben der alleinseligmachenden Kirche zu verharren 
resolviret, denen Ketzern Widerpart zu bieten geschworen, 
ward dennoch, nachdeme beide Parteien etliche Tage feind 
licherweis unter dem Gewehr gestanden, die ehrsame Bürger 
schaft durch Felonie und Verrat sonder Blutstürzung über 
wältiget. 
Die Obersten zu Münster waren jetzo Johannes Matthis 
Becker, eines Webers Sohn von Harlem, und Johann Böckels, 
ein gewesener Komödiant, nebst etlichen Minderen. Diese, 
und fürnehmlich der Oberste, Johann Matthis, wußten ihr 
Ansehen so gravitätisch und streng zu erhalten, daß ein 
Gildenmeister darum, daß er spöttisch von ihme gesprochen, 
durch eben diesen Johann Matthis mit einem Fäustling durch 
schossen wurde, um andere dadurch zu warnen, solcher 
Heiligen nicht anders, dann in allen Ehren, zu gedenken. 
Fürderhin, der Gewalt des Rechtes Anschein zu geben, 
erwehlete man zweeh Burgermeester, Knipper Dolling und 
Kippenbrock. Alsdann, damit Johann Matthis sein Volk besser 
in Zucht halten möchte, hat er seine Gesetze in 2, steinerne 
Tafeln graben lassen und vor die Stadt-Pforten gchenket, auf 
daß sich jeder darnach zu richten und zu halten wüßte. Und 
wer seinen Geboten nicht nachkam, der ward am Leben ge- 
straffet. 
Indeme solcherlei geschähe, ruckete der Bischof mit dem 
Herzog von Geldern, dem Bischof von Cöln und dem Land 
grafen von Hessen mit dreyen Lägern vor die .Stadt, selbige 
zu berennen. In Ansehung der göttlichen Hülf, deren sie ver 
sichert zu sein ästimierten, machten die Kriegsleut derer Wie 
dertäuferischen einen Ausfall, wobei Joh. Matthis trotz großer 
Viktorie durch Schwertschlag des Todes verblich. 
Dieses vermeintlich heiligen Manns Tod bewürkete, daß der 
sonsten Böckels eigentlich zugenannte an des gebliebenen Joh. 
Matthis Stelle zum Obersten Propheten und Lehrer als Wunder- 
tröstlicher Herr unter dem Namen Johann von Leyden ist 
erküret worden. 
Dieser, durch Waffengewalt und komödiantische Aufführung 
sich in Ansehen zu bringen, erfand unterschiedliche Mären, 
denen Toren das Hirn zu verwirren, also daß dem Trubel und 
dem Irrsinn in der Stadt keinerlei Wall mehr konnte entgegen 
geworfen werden. 
Maßen des Bischofs Blockierung denen Einwohnern des 
mehreren Not zubrachte, erachteten die falschen Zeugen der 
verruchten Irrlehr insgeheim ihr Ende gekommen. Aber da nur 
irdische Lust und Gesinnung, mit nichten aber der Heilige 
Geist ihnen alles eingegeben, befestigten sie sich im Gemüte, 
ihrer Geilheit zu fröhnen, so lange ihnen noch Macht und 
Leben gelassen ward. 
Solcherart rief der Knipper Dolling die ganze Gemein zu 
sammen und stellete in ihrer aller Gegenwart die Frage vor: 
Ob einem Mann nicht mehr, als ein Weib, erlaubt, zu haben? 
Einer aus dem Haufen war ganz darwider, sagete, solches wäre 
nach der Heiligen Schrift nicht ziemlich noch zulässig; worüber 
sich der Prophet erzürnte, diesen Mann greifen und ihme auf 
der Stelle den Kopf für die Füße schmeißen ließ. 
Mittlerweil war sothaner Verlauf derer Wiedertäuferischen 
Affären mit stark-schallender Trompetten-Lärm über die 
teutschen Lande verkündiget worden. All Volk stund auf und 
begab sich in die Kirchen und Kapellen, des HERRN Hülf 
anzuflehen, daß obmeldter Pest gesteuert würde, und war kein 
Dorf zu klein vom Elb-Strom bis an die erschröcklichen Alpen- 
Gebürge, daß nicht der Pfarrer von der Kanzel über die Sach 
geprediget und seine Schäflein zur Fürbitte ermahnet hätte. 
Solche Zeitung gelangte auch gen Frankenstein im schwä 
bischen Land, allwo der alte Graf, vom Zipperlein gekrümmet, 
sich hoch und teuer verschwor, denen Ketzern als des Bischofs 
Offizier ein heftig Stücklein aufzuspielen, soferne er noch ein 
Streit-Roß besteigen und seines Schwertes mächtig zu sein 
sich vermessen dürfte. Es war aber damals der junge Graf, so 
sich nach der Gelehrten Manier Libermontanus genennet, von 
denen hochberühmten Universitäten zu Padua und Salamanka 
heimgekehret, nachdeme er den Grad eines hochgelahrten 
Doktors der Rechte erklommen. Indeme er die Kunde ver 
nahm, erschrak er aufs häfftigste, sintemalen zu Münster des 
jungen Grafen von Pollenberg holdseliges Schwesterlein bei 
ihrer Muhme wohnte, der verwitweten Gräfin von Gebsattel. 
Der junge Graf, als welcher vor einem Jahr die junge Gräfin 
Mechthild in der hochberühmten neckardurchströmten Stadt 
Heidelberg kennen gelernt, und sich mit ihr heimlich ver 
sprochen, betraurete von tiefstem Herzen ihr kummervolles 
Los unter denen gottlosen Abtrünnigen und bäte mit gar be 
weglichen Worten seinen lieben Herrn Vater, ihm Urlaub und 
Segen zu erteilen, auf daß er gen Münster reiten und daselbst 
seine Herzliebste vor Ungemach möge beschützen können. 
Darzu stellete er ihm für, wasmaßen besagte Mechthild ein 
fürtreffliches Frauenzimmer, von ältestem Adel und auch 
sonsten eine Augenweide für jeden Christenmenschen sei. 
Der alte Graf, so in jungen Jahren seines Waffengefährten 
Pollenberg kleinwinziges Töchterlein über das Taufbecken 
gehalten, war des zufrieden und betrieb seines Herrn Sohnes 
kriegerische Ausfahrt mit eifrigem Gepolter und großer Ge 
nerosität, also daß der Jüngling alsbald nach schweißdurch- 
tränkten Tag- und Nachtritten in des Bischofs Lager vor 
Münster anlangete. 
Bereits an demselbigen Abend hatte er eine freundwillige 
Audienz bei dem geweihten Herrn, so ihme tiefgeheime Pläne 
explizierete. In der Nacht stieg der junge Frankenstein, als 
Bürger gekleidet, an einer heimlichen Stelle über die Stadt 
mauer, gab für, ein Überläufer zu sein und ward vor den Jo 
hann von Leyden geführet, seine Märlein, so jene Toren für 
Wahrheit hielten, zu erzehlen. 
Der junge Doktor Libermontanus, mittlerzeit er sich seinen 
Spruch ausgesonnen, berichtete etliches über die Kriegsvölker 
derer Belagerer und daß er, des verfälschten Evangelii über 
drüssig und zu der Wiedertäuferischen Lehre bekehret, sich 
bereits am Rheinstrom zu sothaner Lehre bekennet, daselbsten 
wacker mitgefochten und nunmehro durch allerlei Abenteuer 
und Fährlichkeiten aufgehalten, dennoch zu dem Haufen der 
Rechtgläubigen sich geschlagen. Worüber der Johann von Ley 
den sich baß erfreuet, ihme ein bequemes Kloset angewiesen 
und ihn als freundwilligen Gast und schätzbaren Alliierten 
akzeptieret. 
In derselbigen Nacht aber begab sich ein großes Konsilium 
derer Häupter in aller Heimlichkeit, wobei hinter einem 
Fenstervorhang versteckt der Libermontanus ungebeten und 
ungesehen Zuhörer ward. Und ist, da nunmehro alles verloren 
geschienen, von denen Machthabern angeregte Lehr und 
Schluß, von dem viel Weiber nehmen seinem Fortgang zuge-
        
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