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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 5 
18 
Zu dreien saßen sie um einen kleinen Tisch unter abge 
töntem Licht. Dirfene hatte zwei Flaschen Schaumwein neben 
sich in den Kühler stellen lassen und den letzten Diener fort 
geschickt. 
„Die zwei Betten . . .“, wollte der Rat das Gespräch auf 
springen lassen, aber Dirfene wehrte mit flach erhobenen 
Händen ab und schüttete, als sich der Rat umständlich eine 
Zigarre anzündete, ein Pulver in dessen Glas. 
Klaus sah und dachte: Na warte. Ich halte die Trümpfe! 
Der Rat schnarchte. Direne erhob sich und dachte: Nun 
warte! Ich hole mir Trümpfe! 
Als sie wiederkam, schlug Klaus der Duft ihres Körpers 
entgegen. Er wehrte sich gegen das Geriesel von Spitzen und 
Farben und hielt seine Trümpfe fest. Denn er traute dem 
Spiel nicht. 
Der Rat lallte: „Zwei Betten . . 
Da legte Klaus einen Trumpf hin: „Ist es wirklich so schlimm 
mit den zwei Betten?“ 
„Mit zweien? — Ja!“, erwiderte Direne, steckte seine Karte 
ein und wartete. 
Sie wartete vergeblich, denn Klaus überließ ihr den Vor 
stoß. Sie mußte sich also bequemen: „Ich . . . habe nur ein 
Bett!“ 
„Natürlich!“ Und nach einer Weile spielte Klaus die zweite 
Karte aus: „Kann man es sehen?“ 
Direne wippte mit dem Fuß, sah auf den Tisch, wo die 
Karte liegen konnte. Dann sagte sie langsam: „Es ist sehens 
wert!“ und erhob sich. 
„Es ist in der Tat — sehr sehenswert!“ sagte Klaus prüfend, 
als er vor dem Himmelbett stand, das unglaublich breit und 
liebevoll einlud. Er reckte sich, daß die Gelenke knackten. 
Er warf alle seine Trümpfe mitten aufs Bett: „Wer so ein 
Bett besitzt, hat zweie allerdings nicht nötig!“ 
Und Direne warf ihre Karten dazu: „Wie wahr! Wie wahr! 
Wie recht du doch hast, mein Freund!“ 
Der Rat draußen wälzte sich traumunruhig im Ledersessel 
und grünste: „Ein Bett — zwei Bett — drei Bett. Alles ganz 
gleich; sterben müssen wir am Ende doch.“ 
EGON H * ST&ASSEjUCjGER—J 
1 
ÜCeCCy Qioynn 
Die Dame Gwynn war eine scharmante, kleine Person. Ihre 
Erziehung genoß sie bei Mistreß Roß, der Besitzerin eines 
großen Mädchenpensionats für liebesbedürftige Jünglinge 
besserer Stände. 
Nach vielen Irrungen wurde sie Tänzerin und Sängerin im 
Conventgarden-Theater. Ein Lustspieldichter namens Dryden 
schrieb ein musikalisches Stück und in diesem Werk hatte sie 
einen Riesenhut auf dem Kopf. König Karl II. lachte Tränen 
und begehrte, die Dame mit dem Wagenrad auf dem Kopfe 
sofort kennen zu lernen. 
Ihre entzückende Art gefiel dem König und kurz entschlossen 
flüsterte er ihr ins Ohr; 
„Süßes Mädchen, habt Ihr schon einmal im Bette eines 
Königs geschlafen?“ 
„Jawohl!“ erwiderte die schlagfertige Nelly Gwynn. „Ein 
mal, Sire!“ 
Der König ward unruhig. Er stammelte: 
„In welchem, wenn ich fragen darf?“ 
„In Euerem“, entgegnete belustigt die junge Dame. Jetzt 
mußte sich Se. Majestät setzen. Das war zu viel. Er wurde 
leichenblaß und fragte: 
„War ich zugegen, Mädchen?“ Sie lächelte: 
„O nein, Ihr wäret jung wie ich . . . führet auf Euer Land 
gut und meine Mutter, die Kammerfrau war, bevor sie Fisch 
händlerin wurde, erklärte dem Kammerdiener John s. Zt.: 
„Meinem Kinde wurde prophezeit, daß es das Lager eines 
Königs dann mit ihm eines Tages teilen werde, wenn es eine 
Nacht in seinem Bette übernachtet hätte. — Und sie legte 
mich beruhigt in Euer Bett.“ 
„O“, meinte der König erleichtert, „diese Prophezeiung kann 
heute noch in Erfüllung gehen.“ 
Und Nelly Gwynn setzte den Fuß in die Karosse des Königs. 
« 
Der totfe ßanauer 
Wilhelm I., der 1764 selbständiger Regent des Ländchens 
Hanau wurde, teilte die schlechten Eigenschaften mit seinem 
Papa, der ebenfalls wie er einen schwungvollen Soldatenhandel 
trieb und als der bedeutendste Frauenjäger bei allen deutschen 
Duodezfürsten bekannt war. 
Neben seiner eminent stark ausgeprägten Erotik duftete 
Wilhelm vor Geiz. Er war eine rohe Unteroffiziernatur, die 
nur den Gamaschendienst neben seinen Hanauer Dämchen 
kannte. 
Man sagte, er habe über siebenzig Kinder (ausgerechnet) 
besessen. Er war ein Held des Schlafzimmers. 
Seine berühmteste Maitresse war die Schlotheim, die er 
später zur Gräfin Hessenstein avancieren ließ. Sie gebar ihm 
allein zweiundzwanzig Kinder. Und wenn sie als ehrsame 
Matrone später gefragt wurde, ob sie Wilhelm sehr geliebt 
habe, erwiderte sic in ihrem Hanauer Deutsch; 
„Nee, Laitcher, nit die Spur, . , . das kennt Ihr nit von mir 
verlange.“ Wilhelm hatte zwar große Bezüge von England, 
dem er seine Landsleute verschacherte, die gegen Amerika 
als Söldner Krieg führen mußten; aber die „Hofhaltung“ der 
Gräfin verschluckte viele Dukaten und die Kinder sollten 
vornehm wie Prinzen einhergehen. Wilhelm fand sofort Mittel 
und Wege. 
Er verteuerte den Preis des Salinensalzes, das die Unter 
tanen beziehen mußten um einen Kreuzer pro Sack, und mit 
dieser Rente wurden die Bastarde belohnt. 
Ferner hatte Wilhelm noch eine glänzende Einnahmequelle: 
Jeder Liebesbedürftige mußte vor Eintritt in ein Freuden 
haus seinen Obolus an den Staat, bezw. an die Schatulle 
Wilhelms entrichten (als Vergnügungssteuer). Zu diesem 
Zwecke stand ein Kriegsinvalide vor dem Haus und 
präsentierte statt des Gewehres die Quittung. 
Diese Schöpfung hatte zur Folge, daß diese Häuser bald 
nicht mehr besucht wurden. 
Um aber wieder zu Geld zu kommen, fand Wilhelm neue 
Einnahmen, wie die Junggesellensteuer und die Hochzeits 
abgaben. 
Später soll er sich gebessert haben und die Geschichte 
spricht sogar von der „Liebe seiner Untertanen zu ihm“; aber 
in Wirklichkeit war er ein übler Lüstling, ein Geizhals und* ein 
roher Patron in Militärstiefeln. 
Napoleon verdrängte ihn 1806 aus seinem Lande und er fand 
als älterer Herr bei seinen Maitressen Ruhe und Zufriedenheit, 
Als er wieder in sein „Ländel“ einrücken durfte, war seine 
erste Tat die Einführung des Zopfes. 
Als sehr klappriger Greis von 78 Jahren nahm Wilhelm sein 
letztes Fürstenliebchen, gleichsam, um seinen Hessen den Be 
weis zu erbringen, welcher Lebenskraft ein Fürst fähig sei, 
und — ein Jahr nach seinem Tode wurde die junge Dame aus 
Frankfurt Mutter. Die Leute erklärten höhnisch: „Es sei das 
Zwölfmonatskind“ und sie segneten das Andenken Wilhems I.
        
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