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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Janrg. 27 
Nr. 5 
16 
oppelmoral 
ö c t n 3 £ o r e n z 
s war eine auserwählte Gesellschaft, eine 
höchst auserwählte Gesellschaft von Bör 
sianern und Offizieren, Zwischenhändlern 
und Ausländern, von Schauspielern und ehe 
maligen Heringsverkäufern — also Self 
mademen! —, Diplomaten und anderen 
-Menschen, die einen Frack und Geld be 
saßen, oder aber die scharmante Gabe, 
solches nach außen hin stilvoll zu doku 
mentieren. Frauen waren da — herrliche 
Frauen und herrlich dekolletiert — indes: dezent, ungeheuer 
dezent dekolletiert. Denn man war bei Dirfene zu Gast. — 
Ihren Nachnamen zu nennen wäre geschmacklos, da ein Wort 
wie Rosenmark oder sowas die ganze Illusion zerbricht, nicht? 
Man war bei Dirfene zu Gast — aber das Gastsein war be 
zahlt mit der Verpflichtung, die Rede eines dicken Konsistorial- 
rates über sich ergehen zu lassen. — Schade — Direne hätte 
eine bezaubernde Frau sein können, sie war’s auch, sie war 
sogar begehrenswert, denn sie war reich und sie war geistvoll, 
sie hatte erlesenen Geschmack, aber ... Sie war kultiviert 
bis in die geschliffenen Zehenspitzen (das Wort hätte man 
allerdings nicht vor ihr aussprechen dürfen), sie war noch jung 
und noch unvermählt, sie war schön wie eine gleichmäßig auf 
geblühte Rose, aber ... Sie führte die exquisiteste Küche; 
ihr Koch kam zwar aus Genua, war aber über Cannes dahin 
gelangt, und man weiß, Köche, die über Cannes nach Genua 
kommen, verstehen stets eine originelle Speise zu bereiten. 
Kurz also, Dirfcne besaß alles — nicht zu vergessen noch das 
Temperament, das aus unergründlichen Augen sprühte —, 
was einen Mann in Vollkraft hätte beglücken können, aber . . 
Aber Direne hatte eine Marotte, derber, wie man’s hinter 
ihrem Rücken ausdrückte: sie war verrückt. Sie wollte die 
Tugendsame spielen, die ewige Jungfrau, schlimmer noch! sie 
hatte es sich in den Kopf gesetzt, einen Tugendbund zu be 
gründen. . . . „Das Weib muß einen Lebenszweck haben“, 
sagte sie. „Nicht den, Kinder zu kriegen, überlassen wir das 
den Nichtintellektuellen. Wir höherstehenden Frauen sollten 
das Übel in seiner Wurzel erkennen und den Stier bei den 
Hörnern packen. Der Schmutz, in dem wir Frauen zu versinken 
drohen, muß mit heiligem Eifer — mit Feuer und Schwert muß 
er beseitigt werden! Auf denn, ihr Frauen, wahrt eure Rechte 
und Würden! Verteidigt euren Leib und haltet hoch die Fahne 
der öffentlichen Moral!“ 
O, man kannte ihre mit schöner Stilistik und edler Be 
geisterung geschriebenen Worte, die in dem Blättchen „der 
Tugendbuna“ standen, das mit ihren Mitteln finanziert, mit 
ihrem Geist redigiert war'. 
Der Tugendbund zählte schon eine Masse Anhänger, meist 
— Männer; denn man mußte doch den Stier bei den Hörnern 
anpacken! Teufel auch, wenn eine solch hübsche Frau kam 
und mit ihren nachtgleichen Augen einen anleuchtete; „Nicht 
wahr, mein Lieber, ich darf Sie doch als Mitglied . . . und 
nächstens kommen Sie doch zu meiner Soiree?!“ 
Der Wahrheit die Ehre: Durch ihre Augen ließ man sich 
und durch diesen Nachsatz ködern. Ihr Abendessen — ihr 
Koch, wie gesagt; Cannes — exquisit! Auch heute! 
Während der ganzen einstündigen Rede des Konsistorial- 
rates dachte man an die nachfolgenden Lukulluskünste. Die 
Nase zog schon die pikanten Saucendüfte ein, man spürte auf 
der Zunge die buttergetränkte Forelle und sah im Geiste dick 
flüssigen Pfälzer die hohen Kelche durchgolden. Bei Gott, da 
konnte man eine Stunde lang schon die Augen gläubig und 
zerknirscht verdrehen! Bei dieser Rede über oder gegen die 
Unsitte der Schlafzimmer mit zwei Betten. 
Der Konsistorialrat schwitzte schon bedenklich oben auf 
seinem Podest. Aber die Augen Direnes strahlten in hehrem 
Feuer über die Gemeinde in Glanz und Frack hin. Nur als 
dem dicken Herrn eine Perle langsam über Stirn und Backe 
kullerte, um in das kristallene Wasserglas (ausgerechnet!) zu 
tropfen, aus dem er vorhin getrunken und nachher wieder 
trinken würde, kniff die Ästhetin die Augen ein wenig zu und 
tastete mit den Fingerspitzen an den Hals. 
Redner machte eine Pause — Kunstpause vor dem eindrucks 
vollen Schluß: „Ja, meine Hochverehrten, so ist es denn nicht 
zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß alles Übel von der 
häßlichen Gewohnheit jenes Zimmers mit den zwei Betten 
herrührt. Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht und 
die Gewohnheit nennt er seine Amme! Hmhm — Lebet in 
Schönheit, lebet in Harmonie, lebet in vollendeter Ästhetik, 
aber“ . . . („. . . lebet nicht in zwei Betten!“, brummte weit 
hinten im Saal ein junger Hüne, den man noch kennen lernen 
wird; und wie auf Kommando fuhr der Rat fort:) „aber denket 
doch ja daran, daß zwei Betten in einem Zimmer schon die 
meisten Ehen auseinanderbrachte, während ein Bett in zwei 
Zimmern — ich meine je ein Bett in einem — in je einem — 
eh, also in zwei Zimmern das rosigste Bindemittel bildeten 
zwischen Eheleuten“ („ . . . und solchen, die es noch werden 
wollen“, ergänzte der Hüne in Gedanken und sah versonnen 
nach Diröne) „Daher also, meine Hochverehrten, sei unsere 
Parole — eh, unser Feldgeschrei (Redner war Sprachreiniger); 
Raus mit den zwei Betten, rein mit je einem Bett!“ („Das 
walte Gott!“ seufzte der Hüne und erhob sich.) 
Die ganze Gesellschaft atmete mit ihm auf und brach in 
Anbetracht der in Aussicht stehenden Genüsse in freudiges 
Beifallsgeklatsche aus. Diröne erhob sich glückstrahlend, 
drückte dem Rat beide Hände, ließ sie indes gleich wieder los, 
Diener rissen die Flügeltür zum Speisesaal auf und, hinein 
trudelnd, hatte man sowohl das eine wie das andere Bett 
vergessen. —* ■> 
Der Rat saß neben Diröne, auf ihrer anderen Seite aber der 
junge Hüne, Klaus meinetwegen. Mag sein, daß der Rat ein 
wenig schmatzte beim Essen und eine Keule mit dem Finger 
aufgehoben hatte — mag sein, Dirfcne wollte Klaus, der erst 
mals bei ihr zu Gaste war, eine besondere Ehrung erweisen, 
jedenfalls — sie rückte ziemlich vom Rat ab und dicht an den 
Jungen heran. Auch sie hatte das eine wie das andere Bett 
vergessen. Denn sie wußte, was sie ihren Gästen schuldig war. 
Diese Frau kann wirklich durchaus bezaubernd Sein, mußte 
Klaus denken, . , . schade! Sehr schade! — Diese Frau kann 
trinken, potz!, dachte er dann, als er sah, wie Dirfene das volle 
Glas Förster Jesuitengarten leerte. Ich muß ihr’s nachtun. 
Das war ihm ein Leichtes, denn er war ein Hüne. Die Frau 
aber war auch nicht aus Marzipan! 
Sogar getanzt wurde nach dem Essen. „Eine Ausnahme!“, 
sagte Dirfene lächelnd, die man allgemein an diesem Abend 
sehr zu ihrem Vorteil verändert fand. Nur der Rat rümpfte 
die Nase und zog sich mit Gleichgesinnten in die Schnaps- 
und Importenecke zurück. 
„Vielleicht habe ich diese Ausnahme Ihretwegen getroffen“, 
sagte Dirfene zu Klaus, als sie sich in seinen Armen wiegte. Da 
er den Kopf dankend neigte, streifte er hart ihre Wange. 
Das war ein kleiner elektrischer Schlag und Klaus wälzte ganz 
plötzlich einen Gedanken. Und vielleicht in demselben Ge 
danken sagte Diräne; „Sie werden mir nachher noch etwas 
Gesellschaft leisten?“ Und da er sie fragend ansah: „Ich meine 
. . , ich meine, wenn die andern gegangen sind?“ Er drückte 
sie ein wenig fester. Das war eine Antwort, 
Spät erst kam das Auseinandergehen. Alle waren müde und 
satt, alle waren voll des Lobes, voll des Festes und der ge 
nossenen Herrlichkeiten. Man versprach das Wiederkommen 
— selbst auf die Gefahr hin, eine zweistündige Rede anhören 
zu müssen. 
Klaus blieb. Zur Vorsorge auch der Konsistorialrat. Auf Ver 
anlassung Direnes. Und als sie den chokierten Blick des 
Hünen bemerkte, lächelte sie. Ironisch, wollte es Klaus be- 
dünken. Er ärgerte sich und dachte: Na warte! Ich halte die 
Trümpfe!
        
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