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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 5 
Jabrg. S7 
während Tante Emma und die ganze Gesellschaft im Tür 
rahmen erscheinen, im großen Bogen —. 
« 
Nach neun Monaten Aufenthalt in Dr. Neppachs Sanatorium, 
wo man ihn bis zu einer gewissen Menschenähnlichkeit wieder 
herstellte, kam er zu der Erkenntnis, daß die allzu leiden 
schaftlichen Frauen nichts für ihn sind. Aber als unentwegter 
Optimisthaufen schätzte er doch dieses Erlebnis als den ersten 
Schritt zur Praxis und zog Lehren daraus. Also brünett muß 
sie sein, intellektuell und trotzdem erotisch talentiert. Eine 
Dame von Welt muß sie sein, aber mit ängstlich versteckt ge 
haltenen geistigen Landpartien in die Halb- und Viertelwelt. .. 
« 
Wie das schon so kommt: die, die ihm nunmehr Herzklopfen 
machte, war ein Wesen mit blondem Haar und kindlicher 
Natürlichkeit, und er lernte sie ganz zufällig kennen in der 
Friedrich-, Ecke Mittelstraße. Ihre harmlose Ungezwungenheit 
entzückte ihn ganz besonders, als er hörte, wie sie sich mit 
einer ganz gewöhnlichen Blumenfrau, die mit ihren zwei 
Metern Durchmesser an der Ecke stand, duzte. 
Also doch die Blonden, Zufälligen, dachte Balduin. Das 
Kunststück, die Bekanntschaft herzustellen, war ihm eigentlich 
immer als der schwierigste Punkt bei der angewandten Erotik 
erschienen. Aber er hatte das weit überschätzt. Es machte sich 
ganz einfach. Ja, eigentlich war s i e es, die seine Bekanntschaft 
machte. Ehe er recht zur Besinnung kam, duzten sie sich 
schon. Er stellte sich ihr vor und sie lächelte. 
Sie waren gleich wie alte Freunde. Sie weihte ihn ein in alle 
ihre Sorgen und sagte Balduin, er hätte so was Vertrauens 
würdiges. Sie nannte ihm auch ihren Namen: Vera von Hohen 
stein, ja, ihr Vertrauen, das ihn beglückte, ging so weit, daß 
sie ihm klagte, sie schulde ihrer Wirtin dreißig Mark. Und 
wenn sie die nicht noch heute zahlte, würde sie rausge- 
schmisssen. Nach einigem Zögern fragte er sie, ob sie böse 
sei, wenn er ihr das Geld leihen würde und drängte es ihr auf. 
Sie erlaubte ihm auch, in ihr bescheidenes Stübchen mitzu 
kommen, wie grenzenlos harmlos dieses Kind doch war! Sie 
warf sich auf den Diwan und er durfte sich neben sie setzen. 
Unwillkürlich zog sie den einen Fuß an sich, das Knie hoch, 
so daß er durch diesen gesegneten Zufall ihre herrlichen Beine 
sehen konnte, ihre entzückenden Höschen. Das Süßeste daran 
war, daß sie gar nicht ahnte, welchen Anblick sie ihm bot. Er 
suchte daher nach Möglichkeit seine Leidenschaft zu ver 
bergen. Sie hingegen drückte ihn fest an sich, griff nach seinem 
Hals und küßte ihn. 
Jetzt faßte er sich ein Herz und fragte sie, ob sie seine 
Geliebte werden wolle. Vera von Hohenstein sagte gleich: 
„Klar, Mensch, stundenlang!“ Balduin war entzückt von ihrem 
ungekünstelten Mutterwitz. 
Die Freude darüber, nun endlich eine richtige Liaison ge 
funden zu haben, wurde dadurch nicht getrübt, daß Balduin, 
zu Hause angelangt, seine Brieftasche vermißte. Auch seine 
Krawattennadel, eine wertvolle Perle, fehlte ihm, aber das 
störte seine Freude nicht. 
Aber als er am nächsten Tage pünktlich, wie verabredet, zu 
ihr kam, öffnete ihm ihre Wirtin. Er fragte nach Vera von 
Hohenstein. Da antwortete sie, eine Vera von Hohenstein 
kenne sie überhaupt nicht, und die sei außerdem auf unbe 
stimmte Zeit verreist
        
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