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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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37. Jatrg. 
Nr.S 
Duft 
Crotik 
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evor Balduin daran ging, sich eine Liaison 
zu suchen, war er theoretisch vollkommen 
vorgebildet. Er hatte alle Fachleute in 
eroticis studiert, von Platen bis Heinrich Zille, 
und wußte über sämtliche Schat- und Ver 
tierungen Bescheid. Ein gebrauchsfertiger Don 
Juan war er, nur gerade eben, daß ihm noch 
die Praxis fehlte. , . . 
Wie man die Richtige findet? Durch Zufall, 
ganz einfach! Durch den fahrplanmäßigen Zu 
fall. „Ich ging im Waide so für mich hin . . 
(J. W. von Goethe). So findet man die Frau. 
Jedenfalls wird sie einem nicht vorgestellt. 
Balduin war auf Grund seiner Lektüre ein 
Kismetgläubiger. 
Wie sie aussehen müßte? Blond jedenfalls. 
Blond müßte sie aussehen. Blondes Haar und 
blonde Innenarchitektur. . . Ein Naturkind 
müßte sie sein und — wenn möglich — ein 
bißchen langsam von Gehirn —! 
Brüning 
Die Mechthildis Pachulke, die ihm beim 
Jourfixe seiner Tante Emma in aller Form 
vorgestellt wurde, war allerdings weder blond 
noch begriffsstutzig, „allerdings“ weil sie ihm 
nämlich irrsinnig gefiel. Erst die erotische 
Praxis macht den Casanova. M. Pachulke war 
eine Dame von Welt mit vorzüglichen Formen 
(?! 1). Als es Balduin gelungen war, in Tante 
Emmas Bibliothek mit ihr allein zu sein, häm 
merte er seinem Gehirn den Erfahrungssatz 
ein: „Schüchternheit ist Kretinismus“. Und 
setzte alsbald kühn die Theorie in die Praxis 
um und dedizierte ihr einen Kußl Sie schrie 
nicht, o nein. O nein, sie schrie nicht. Aller 
dings, sie küßte ihn auch nicht wieder, sondern 
hingegen, sie gab ihm ein'e Backpfeife, daß ihm 
die Luft knapp wurde. Balduin aber war, Gott 
sei gepriesen, auf diesen Fall durchaus vorbe 
reitet. Balduin wußte, daß diese Backpfeife 
nichts anderes war, als der in die Tat umge 
setzte Stolz, sich nicht kampflos zu ergeben 
(Komödie also), außerdem Angst vor der 
eigenen Sinnlichkeit. Also ließ er sich nicht im 
mindesten einschüchtern und riskierte ent 
schlossen den ■— unerlaubten Eingriff. Schon 
war er bis zur linken Busenhälfte siegreich 
vorgedrungen, da biß sie ihn so wild in die 
Hand, „Shylock“. dachte et im ersten 
Moment! Aha, jetzt wußte er Bescheid! Das 
ist ein ganz gefährliches Temperament, das 
schon ans Sadistische streift. Und er sagte 
sich, hier muß ich durchgreifend handeln. Und 
während er gerade resolut durchgriff, da packt 
sie einen Stuhl, schwingt ihn hoch und läßt ihn,
        
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