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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. t 
Jahrg. 17 
pekuniär natürlich so lange für sie einstehen, bis Sie beide sich 
geheiratet haben. Sind Sie einverstanden?“ 
„Wenn Sie gestatten, will ich mir die Sache noch einen oder 
zwei Tage durch den Kopf gehen lassen. ... Es wäre mir 
jedenfalls lieb, wenn ich zuvor noch einmal allein mit Ihrer 
Frau Gemahlin sprechen könnte.“ 
„Aber selbstverständlich, ich wüßte nicht, daß ich Unter 
haltungen meiner Frau jemals gestört hätte.“ 
« * * 
Niedermeiers lagen um neun Uhr im Bette, wie alle Tage. 
Sie in ihrem entzückenden Pyjama, er in seinem derben 
weißen Nachthemd mit roten Litzen. 
„Ich möchte dir noch etwas mitteilen“, sagte Frau Ada 
gedehnt. 
Niedermeier, der die Augen schon geschlossen hätte, blin 
zelte: „Bitte, ich höre.“ 
„War das, was du heute Vormittag im Kontor zu Doktor 
Fröbel sagtest, dein Ernst?“ 
„Selbstverständlich. ... In solchen Dingen pflege ich nicht 
zu scherzen.“ 
„Ich will dir nur das Eine sagen: Doktor Fröbel ist ein ganz 
gemeiner Kerl.“ 
„Nanu“, sagte Herr Niedermeier und richtete sich auf. Frau 
Ada begann zu schluchzen und trocknete sich dabei die Augen 
mit einem Battisttüchlein. 
„Na, beruhige dich man!“ sagte Niedermeier. „Erzähle mir 
die Geschichte. So schlimm wird die Sache nicht sein.“ 
„Er ... er wird morgen in seine Heimat zurückreisen, an 
den Rhein, und ob er die nächsten Monate zurückkommt, sagt 
er, wisse er noch nicht, und ob seine Eltern die Genehmigung 
zu einer Heirat mit mir geben, sei auch noch sehr unsicher; 
denn seine Mutter habe ein Vorurteil gegen geschiedene 
Fräuen. . . . Und er ist überhaupt ein ganz gemeiner Kerl. . .“ 
„Ja, liebes Kind, ich kann dir da auch nicht helfen, ich kann 
ihn doch nicht fußfällig bitten, dich zu heiraten.“ 
„Den heiraten?! Lieber gehe ich ins Wasser.“ 
„Ich will dich ja auch nicht zur Ehe mit ihm zwingen.“ 
„Frau Ada begann von neuem zu schluchzen. „Aber was soll 
denn aus mir werden?“ 
„Du bist wohl ein bißchen dumm? Was aus dir werden soll? 
Es bleibt natürlich alles beim alten und ich bin überzeugt da 
von, daß du aus der Geschichte eine Lehre ziehen wirst. Nur 
um das eine bitte ich dich, erzähle die Sache nicht weiter; denn 
es gibt Leute, die keinen Sinn für Humor haben. So wie ich.“ 
Madame Blaubart 
Leo Hellet 
Sechs Männer habe ich begraben, 
Der siebente ist nah daran. 
Und dennoch will mich jeder haben, 
Und dennoch liebt mich jedermann. 
Ich warne sie, doch stets vergebens. 
Ach! stets umsonst ist, was ich sag. 
Es spielt mit Einsatz seines Lebens 
Ein jeder gerne Hochzeitstag. 
Sechs Männer habe ich begraben, 
Der siebente ist nah daran. 
Und dennoch will mich jeder haben, 
Und dennoch liebt mich jedermann. 
Im Traum erscheinen mir die Gaten 
Und winken mir mit blasser Hand: 
„Wir mußten alle für dich bluten, 
Weil Hemmungen dir unbekannt. 
Krafft-Ebing liest du statt des Kochbuchs, 
Im Liebesdrang bist du verrucht, 
Du hast mit Hilfe eines Handtuchs 
Erwürgt uns/ Darum sei verflacht/" — 
Sechs Männer habe ich begraben, 
Der siebente ist nah daran. 
Und dennoch will mich jeder haben, 
Und dennoch lieht mich jedermann. 
Mein siebenter, der hört mich stöhnen 
Im Schlafe und er sagt mir nett; 
„Du solltest dir doch abgewöhnen 
Das Lesen spät des Nachts im Bett.“ 
O Gott, wenn er sein Schicksal ahnte, 
Daß ihm auch bald das Sterben naht! 
Wenn er mich liebevoll ermahnte, 
Hielt ich das Handtuch schon parat. 
Sechs Männer habe ich begraben, 
Der siebente ist nah daran. 
Und dennoch will mich jeder haben, 
Und dennoch liebt mich jederman. 
Wer kann für seine tiefsten Triebe I 
Nichts ist so seltsam auf der Welt, 
Nichts sonderbarer als die Liehe, 
Wenn sie sich nicht an Hausbrot hält. 
Bei Magnus war ich schon zur Wandlung 
Und war bei Bloch und war bei Moll; 
Ihr Rat? — Daß ich mich in Behandlung 
Professor Brunners geben soll. 
Sechs Männer habe ich begraben. 
Der siebente ist nah daran. 
Und dennoch will mich jeder haben, 
Und dennoch liebt mich jedermann.
        
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