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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. i 
Jaßrg, 27 
12 
wieder einmal nach Berlin gefahren war, so hatte ich zuerst 
Zweifel gehegt, ob Erika den Frühlingsball der Ressource auch 
besuchen würde. Aber meine bangen Zweifel sollten bald zer 
streut werden; denn schon nach dem dritten Tanz, den ich 
mit irgendeinem gleichgültigen Gänschen absolviert hatte, sah 
ich Erika in all ihrer strahlenden Schönheit im Ballsaal auf 
tauchen. Sie hatte sich pro forma der Familie der ihr bekannten 
Professorenfamilie H. angeschlossen, saß jetzt aber ganz 
allein und schien nicht die mindeste Lust zu haben, den ganzen 
Abend mit der langweiligen Professorsgattin und deren 
Töchterlein zuzubringen. Bevor noch der vierte Tanz anhub, 
war ich an Erikas Seite, engagierte sie und bald schwebten 
wir im Walzer dahin; damals lief man noch nicht Stepp, 
Stepp, Stepp durch den Tanzsaal, sondern wiegte sich in den 
rhythmischen Wogen Johann Straußscher Walzerweisen. 
Erika war an diesem Abend ungewöhnlich gesprächig, und, 
als ich sie fragte, wie sie es über sich gewonnen habe, trotz 
der Abwesenheit ihres Herrn Bruders auf den Ball zu kommen, 
da errötete sie so allerliebst bis in die Ohrläppchen, daß mir 
sofort klar wurde: „Halt, alter Sohn, da stimmt was nicht, da 
ist was zu machen: heut oder nie!“ 
Meine Herren, was soll ich Sie lange damit aufhalten, wie ich 
es angefangen habe, die heißersehnte Festung sturmreif zu 
machen. Wer kennt den Zauber einer solchen Vorfrühlings 
nacht und wer die Launen eines Frauenherzens? Vielleicht 
waren es auch gar nicht Launen, sondern bei Erika eine lange 
für mich gehegte Zuneigung, die an diesem einzigartigen 
Abend, sich endlich frei und offen zeigte? Ich habe später oft 
und lange darüber nachgedacht, aber den Schlüssel zu diesem 
Rätselschrein nie gefunden. Damals war ich jedenfalls noch 
nicht so nachdenklich veranlagt; denn, als sich die gute Ge 
sellschaft der „Ressource“ um Mitternacht zur obligaten Kaffee 
tafel zusammensetzte, flüsterte ich Erika zu: 
„Wissen Sie auch, Kindchen, daß es viel netter und ge 
mütlicher wäre, wenn ich jetzt in der verlassenen Jungge 
sellenwohnung Ihres Herrn Bruders neben seiner entzücken 
den Schwester säße, und ganz allein mit ihr ein Täßchen 
Kaffee tränke?" 
„Ich glaube. Sie sind schwer krank, Herr Assessor“, ant 
wortete Frau Erika, aber so leise, daß niemand es hören 
konnte und mit einem so spitzbübischen Aufleuchten ihrer 
herrlichen Augen, daß ich diese Antwort nicht allzu tragisch 
nahm. 
Deshalb sagte ich nur: „Gewiß, Sie haben recht, Erika, 
süßeste Frau, ich bin schwer krank, und die einzige Medizin, 
die mich heilen kann, das ist der Kaffee, den Sie mir in Ihrer 
einsamen Wohnung jetzt kochen könnten“; „den Sie mir 
kochen werden“, setzte ich halb wahnsinnig vor Erregung hinzu. 
Erlassen Sie es mir abermals, meine Herren, Ihnen zu 
schildern, wie Erika und ich es fertig bekommen haben, den 
Frühlingsball der „Ressource“ beide unbemerkt zu verlassen, 
welche Listen wir anwandten, um ebenso unbemerkt von 
wenig erwünschten Lauschern in die verlassen daliegende 
nächtliche Wohnung ihres Bruders, meines hohen Herrn Vor 
gesetzten, zu gelangen!! 
.Kurz und gut: kaum ein Stündchen nach dieser denkwürdigen 
Flüster-Unterhaltung im Ressourcesaal saß ich, behaglich an 
gelehnt, in dem Klubsessel, in welchem sonst Amtsrichter R. 
seinen Morgenkaffee zu schlürfen pflegte, und mir gegen 
über — in einer weinroten Morgenrobe saß seine Schwester, 
Erika v. B„ die entzückendste junge Witwe, die die sonst so 
neidische Frau Fortuna einem solchen Glücksritter der Liebe 
wie mir jemals zugeführt hatte. Mit bezauberndem Lächeln 
goß mir Erika Kaffee ein, setzte sich dann auf die Lehne 
meines Sessels und ließ sich willig ans Herz drücken und nach 
Herzenslust abküssen. 
Und was dann kam? Ja das, meine Herren, Ihnen zu schil 
dern halte ich weder für diskret noch für notwendig. Kurz, 
ich lag bald darauf in einem warmen, weichen Himmelbettchen 
und wartete auf meine Angebetete, die mich dort hineinge 
schickt und mir versprochen hatte, bald selbst zu mir zu 
kommen. Es war stockdunkel im Zimmer, und ich wartete und 
wartete. Meine Holde mußte sich versäumt haben! Noch 
klangen mir ihre Worte in den Ohren, als sie mich — die 
Zimmertür öffnend, in die Stube geschoben hatte, in welcher 
das Bett stand: 
„Da geh’, schlüpf hinein und warte artig auf mich, bis ich 
komme! Aber mache kein Licht an, bis ich bei dir bin!“ 
Und nun wartete ich, Sekunden lang, die mir zu Stunden 
wurden; Minuten, die mich halbe Tage deuchten, — sie kam 
und kam nicht. — 
Da mit einem Male hörte ich, wie die Tür sich öffnete, ganz 
leise, auf samtenen Sohlen schien jemand an das Bett heran 
zuschleichen. Ich erhob den Kopf, und ein jäher Aufschrei fuhr 
von meinen Lippen. 
Was war das? Durch das Dunkel des Zimmers glühten zwei 
grünlich funkelnde, unheimliche Augen, die eher einem Dä 
monen der Hölle als meiner angebeteten Erika angehören 
konnten, Entsetzt streckte ich die Hand hinaus in die Dunkel 
heit; aber im gleichen Moment zog ich sie mit einem neuen 
heiseren Aufschrei in wahnsinnigem Schrecken zurück. 
Ich hatte etwas Kaltes, Feuchtes berührt, das sicher keiner 
schönen Frau der Erde zu eigen sein konnte; das war der eisig 
kalte Rachen eines Wolfes, einer Hyäne oder sonst eines 
Untieres. Ich bin gewiß kein furchtsamer Kerl, und nie im 
Leben habe ich vor irgend etwas Angst gehabt; aber in 
diesem Moment durchrasten mich so unheimliche Schauer 
des Entsetzens, daß ich einen Augenblick glaubte, ich müßte 
den Verstand verlieren. Zumal sich von der Seite des un 
heimlichen Besuchers jetzt ein böses Brummen und Knurren 
hören ließ, das auf nichts Gutes zu deuten schien. 
Da riß ich mich zusammen, warf den Oberkörper empor 
und griff mit der anderen Hand nach der Richtung, wo ich 
den Nachttisch vermutete. Ich hatte Glück, erfaßte die elek 
trische Nachtlampe, knipste und erkannte beim Schein der 
freundlich strahlenden Birne Caro, den großen schwarzen 
Pudel des Amtsrichters R„ ein sonst liebes, gutes Tier, das 
nur die unangenehme Fähigkeit besaß, die Klinken von Stuben 
türen allein herunterdrücken zu können. 
Ich war beschämt, wußte nicht ob ich lachen oder mich 
ärgern sollte. Da tat sich, während Caro sich gemütlich neben 
dem Bett auf die Erde streckte, die Stubentür abermals auf 
und hereinschlüpfte Erika, angetan mit dem entzückendsten 
Negligöe, das sich ein sterblicher Mensch nur vorstellen kann. 
„Nanu, ungehorsam gewesen und Licht gemacht?“ fragte sie 
mit geheuchelter Strenge. 
Als ich nun aber auf den Hund zeigte, und sie mein immer 
noch entsetztes Gesicht sah, brach sie in ein lautes Gelächter 
aus: „Ach, du armes Hascherl“, lachte sie, „da hast du wohl 
einen ganz gewaltigen Schreck bekommen, als der böse Caro 
so unheimlich ins Zimmer geschlichen kam. Na warte, mein 
Liebling, nun wird dich deine kleine Erika reichlich entschä 
digen für alle ausgestandenen Schrecken und Entsetzen.“ 
Mit diesen Worten hatte sich’s die süße kleine Frau recht 
bequem bei mir gemacht und schien nun zu erwarten, daß 
ich mich für diese freundliche Bereitwilligkeit entsprechend 
dankbar erweisen sollte. Aber was soll ich Ihnen sagen, meine 
Herren, so entzückend die kleine Witwe auch war, so ver 
führerisch all das war, was mir da so bereitwillig geboten 
wurde, ich war und blieb wie versteinert vor Entsetzen. Der 
Pudelschreck von vorhin war mir in alle Glieder gefahren; ich 
blieb kalt und teilnahmslos. Und je mehr ich mich über diese 
unerwartete und höchst unerwünschte Abkühlung meiner Ge 
fühle ärgerte, um so beharrlicher blieb meine Kälte. Immer, 
wenn ich gerade glaubte wärmer zu werden, trat das Bild dieses 
vertrackten Pudelviehs vor mein seelisches Auge, und das 
ging so weiter; bis ich am frühen Morgen, moralisch vernichtet 
und körperlich unerquickt, unter dem ironisch-boshaften 
Lächeln meiner Schönen mich erheben mußte, um nach 
schwierigen Klettereien auf Socken über die Hintertreppe des 
Hauses ins Freie zu gelangen. 
Ich kam mir vor, wie jener merkwürdige und bedauernswerte 
Mann im Alten Testament, der das Gelobte Land wohl schauen 
durfte, dann aber unverrichteter Sache abziehen mußte in das 
Land des Todes. 
Ja, tot war ich, für Erika, für heute und allezeit. Nur ein 
einziges Mal sah ich sie noch wieder. Da lag auf ihren Lippen 
das gleiche spöttisch-boshafte Lächeln, das mich an jenem 
Frühlingsmorgen so ungnädig verabschiedet hatte. 
Und was das schlimmste ist, auch später noch in ähnlichen 
Situationen, bei anderen Frauen, überkam mich oft unwill 
kürlich der Gedanke an jenen Pudel des Amtsrichters R., und 
die Erinnerung allein genügte, um mich aus allen, aber auch 
aus allen Illusionen zu reißen. Immer muß ich an jenen Früh 
lingsmorgen denken, an dem ich traurig und kleinlaut den 
blamabelsten Rückzug meines Lebens antreten mußte. 
Und nun, meine Herren, können Sie vielleicht begreifen, 
warum mir der ganze sogenannte Lenz verleidet ist, und war 
um ich Pudelhunde nicht einmal von ferne mehr sehen mag“
        
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