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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 5 
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6ra.tostfi.enes 
enn der sogenannte Frühling auf die Berge steigt, und 
andere Menschen sehnsüchtig und fröhlich werden, 
kann ich immer fuchsteufelswild werden“, sagte Amts 
gerichtsrat Willioh und dehnte sich in seinem breiten 
Stuhl, den er am Stammtisch im „Roten Büffel“, dem bei der 
guten Gesellschaft unseres Städtchens so beliebten Lokal, weit 
zurücklehnte. 
Warum sah Willich so wütend drein? Gerade er, der sonst 
ein Junggeselle, wie er im Buche steht, beim Bier so ausge 
lassen sein und Geschichten erzählen konnte, daß ein alter 
Ulanen Wachtmeister von zwanzig Dienst jahren dabei hätte 
rot werden können? Was war heute in unseren Präses, in den 
unverwüstlich heiteren, gefahren? 
Zum Teil war —• das hatte er ja eben selbst gesagt — der 
p.p. Frühling daran schuld, aber, was Willichs gute Laune 
vollends verdorben haben mußte, das mußte der Referendar 
Meinhammer gewesen sein, der soeben an unseren Tisch ge 
treten war und die Stammtischrunden mit einem höflichen 
„Guten Abend“ begrüßt hatte. 
Willich empfing ihn sehr unfreundlich und schien das auch 
selbst zu fühlen, denn er reichte schließlich dem ganz verdutzt 
vor ihm stehenden Referendarius die Hand und sagte mit 
einer etwas zögernden, unsicheren Stimme: „Lieber Kollege, 
nehmen Sie’s nicht für ungut, meine nicht gerade freundliche 
Art, Sie zu begrüßen, galt nicht Ihnen, sondern dem Vieh, das 
sie da mit sich herumschleppen.“ 
Dabei zeigte der Herr Amtsgerichtsrat auf einen schönen, 
schwarzen Pudel, den der Referendar mitgebracht hatte, und 
der sich nun ganz treu und brav zu Füßen seines Herrn auf 
die Erde gelegt hatte. 
„Ich kann nämlich keinen Pudel sehen“, begann jetzt Willich 
seine vorher getane Äußerung zu erörtern, „besonders nicht, 
wenn es Frühling wird!“ 
Und da er unsere verdutzten, bei diesen Worten gewiß 
nicht übermäßig geistreich ausschauenden Gesichter bemerkte, 
fuhr er halb lachend, halb grollend fort: 
„Ja, das können Sie nicht begreifen, meine Herren; aber 
vielleicht erzähle ich Ihnen mal bei Gelegenheit, warum, und 
dann werden Sie meine Wut und meine Abneigung gegen 
schwarze Pudelhunde sicherlich verstehen!“ 
Sprach’s und setzte sich nieder, während Referendar Mein 
hammer selbst wie ein begossener Pudel davonschlich, um das 
seinem Vorgesetzten so unsympathische Hundetier nach Hause 
zu bringen. 
Die Stimmung in der Runde besserte sich von Minute zu 
Minute; der Herr Rat wurde immer aufgeräumter, je mehr 
Zeit verstrich, und je mehr Halbelitergläser Salvatorbock er 
seine trinkfeste Kehle hinabrinnen ließ. 
Als es schon nicht mehr ganz früh am Tage war, und die 
übrigen Gäste des „Roten Büffel“, zumeist biedere Philister 
und Hausväter, das Lokal allmählich geräumt hatten, wagte 
einer von uns, der immer fidele, durch nichts einzuschüchternde 
Assessor Blumenstich, dem hochvermögenden Herrn Amts 
gerichtsrat quer über den Tisch die Hand auf den Arm zu 
legen und ihn zu bitten: 
„Lieber, verehrter Herr Rat, da wir heute gerade so ge 
mütlich beisammen sitzen, lassen Sie sich nicht lange quälen 
und erzählen Sie uns die Geschichte, warum Sie keine Pudel 
sehen können.“ 
Doch davon wollte Willich zunächst gar nichts wissen; erst 
als wir alle unsere Bitten mit denen Assessor Blumenstichs 
vereinigten und lebhaft bettelten; „Bitte, bitte, Herr Rat, er 
zählen Sie doch“, ging ein Lächeln der Zustimmung über 
Willichs Gesicht und als er sich eben einen neuen Schoppen 
Salvatorbock einverleibt hatte, meinte er, sich den Mund 
wischend: „Meine Herren, wenn Sie verschwiegen sein können 
. . .“ „Wie das Grab“, riefen wir im Chor, und Blumenstichs 
helle, kecke Stimme fügte hinzu: „Wie das Schlaf gemach der 
ehemals so jungfräulichen Königin Elisabeth von England!“ 
Das schien seine Wirkung nicht zu verfehlen; Willich lachte 
und meinte, dieser schöne und poetische Vergleich erleichtere 
ihm die Sache wesentlich; denn er führe ihn sozusagen mitten 
in das Milieu seiner Geschichte hinein. 
Der Herr Amtsgerichtsrat räusperte sich noch einmal um 
ständlich, trank mit tiefsinnigem Behagen die Blume von dem 
ihm gerade gebrachten neuen Glase Salvator und begann 
unter dem andächtigen Schweigen seiner Zuhörer zu erzählen: 
„Es war zu jener seligen Zeit, als der Staat für Assessoren, 
die ihr Examen anständig bestanden hatten, dadurch sorgte, 
daß er ihnen bezahlte Kommissorien verschaffte, Vertretungen, 
die nicht nur unseren juristischen Horizont erweiterten, son 
dern — was den meisten von uns vielleicht wichtiger erschien 
— auch einen Barverdienst mit sich brachten, — M. 6,66. 
Ich kam als neugebackener Assessor nach der schönen Stadt 
N., wo ich die Ehre hatte, kommissarisch einen erkrankten 
Amtsgerichtsrat zu vertreten. An dem dortigen Gericht ging’s 
nicht gerade übermäßig streng zu, und mancher fuhr manch 
mal auf Urlaub, ohne daß der Herr Präsident etwas davon 
ahnte. 
So ein wilder Urlaubfahrer war auch Kollege R., Amtsrichter, 
Junggeselle und ein großer Freund der Reichshauptstadt, die 
man von uns in wenigen Stunden Bahnfahrt erreichen konnte. 
R. bewohnte eine nette Vierzimmerwohnung, die dadurch 
so behaglich wirkte, daß seine Schwester, eine verwitwete 
Frau Kapitänleutnant von B. ihm die Wirtschaft führte. 
Erika v. B. war eine bildhübsche Blondine von damals zwei 
unddreißig Jahren; sie war schon vor mehr als einem Jahre, 
kurz nach dem Tode ihres Gatten, zu ihrem Bruder gezogen, 
der bei dieser hauswirtschaftlichen Vereinigung sicher nicht 
schlecht fuhr. Erika stand in dem Rufe, eine ebenso häusliche 
■wie unnahbar anständige Frau zu sein. Dabei blitzten ihre 
Augen vor Temperament, und um ihre Lippen lag oft ein Zug 
verhaltener, unterdrückter Sinnenglut. Ich war kein Neuling 
Frauen gegenüber und konnte mir nichts Reizvolleres denken, 
als einmal die vollen, reifen, sinnlichen Lippen dieser ver 
führerischen Frau küssen zu dürfen. 
Aber, wie gesagt, alle diesbezüglichen Versuche waren aus 
sichtslos, auch nur die geringste Andeutung einer beabsichtigten 
Annäherung wußte Frau Erika so energisch abzuwehren, daß 
einem schon von vornherein die Lust zu weiteren Attacken 
verging. 
Da ereignete es sich, daß noch nach Schluß der eigentlichen 
Wintersaison, die „Ressource“, die beste, gesellschaftliche Ver 
einigung der Stadt einen Frühlingsball veranstaltete. Es war 
schon gegen Ende März, und die Luft draußen so mild und 
wunderlieblich lind, als läge der ganze Frühling schon aus 
gebreitet in voller Pracht auf Flur und Feldern. Ich entsinne 
mich dieser lenzessüßen Atmosphäre noch ganz genau; ich bin 
gewiß kein sentimental veranlagter Schmachtjüngling, bin es 
auch nie gewesen. Aber an jenem Abend — ich weiß nicht, es 
muß doch eine ganz eigentümliche Kraft von so einem Vor 
frühlingstage ausgehen. Das merkte man der ganzen Gesell 
schaft an, die Herren waren liebenswürdiger und eifriger um 
die Damen bemüht als je zuvor, und die Mädels — na, ich 
sage Ihnen, die Mädel machten samt und sonders solche 
lyrisch-verträumten Augen, daß man. nur hätte zuzugreifen 
brauchen, wenn es nicht eben in der „Ressource“ gewesen wäre. 
Meine Augen hatten gleich von Beginn des Tanzes an Aus 
schau gehalten nach Frau Erika. Da mir bekannt war, daß ihr 
Bruder, Amtsrichter R., am Morgen — es war Sonnabend —
        
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