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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaHrg. 27 
Nr. 5 
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. / . , 
Das süße Buch (I. Teil) Linge 
Leben beschert sein! Was jedoch die Nachkommenschaft an 
langt, so ist keine Zeit mehr zu verlieren.“ — „Ganz gewiß, 
ganz gewiß!“ warf der Graf ein und trat von einem Fuß auf 
den anderen. „Und doch hängt auch hier“, fuhr der Priester 
fort, „alles von der Gnade des Himmels ab. Erstaunen Sie 
deshalb nicht, wenn ich Ihnen in dieser Angelegenheit jetzt 
einen Rat erteile, der zwar ungewöhnlich erscheint in einem 
gottlosen Zeitalter, der aber von einer heiligen Überzeugung 
diktiert wird.“ — „Ich bin ganz Ohr!“ versicherte der Graf und 
setzte sich dem Priester gegenüber. „Die Gelehrten unserer 
Zeit“, begann dieser von neuem, „die ich jetzt nicht weiter 
kennzeichnen will — wir verstehen uns in diesem Punkte — 
behaupten, die Entstehung des Lebens ergründet zu haben. 
Sie spotten über das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis 
und bemerken nicht, daß sie sich über ihre eigenen Ursprünge 
betrügen. Aber Euer Gnaden wissen, daß selbst die wahn 
betörten Alten ihre Frauen in den Tempeln schlafen ließen, 
wenn es an Nachkommenschaft mangelte. Ich halte Euer 
Gnaden für einen von Gott bevorzugten Mann, ich darf daher 
Ihnen gegenüber, ohne die Gebote der heiligen Kirche zu ver 
letzen, den Vorschlag wagen, Ihre erlauchte Gemahlin eine 
Nacht dem Dienste ihres Heiligen zu weihen. Dabei brauche 
ich Euer Gnaden nicht an die Wunder zu erinnern, die der 
heilige Antonius an gläubigen Frauen schon vollbrachte.“ 
Der Graf sah starr ins Leere. Sein Inneres befand sich dabei 
in höchster Erregung. Seine Bigotterie rang mit seinem Miß 
trauen. Er stand auf und schritt langsam wie im Traume 
umher. Schließlich blieb er stehen und murmelte: „Es ist das 
Äußerste!“ — Der Priester trank den Rest des Weines. Dies 
mal übersah es der Graf. Er setzte sich, nickte langsam mit 
dem Kopfe und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. 
„Werden Sie, hoch würdiger Vater, über die Gräfin wachen in 
jener Nacht?“ — „Meine Pflicht gebietet es“, versicherte der 
Priester mit einem ergebenen Blick. Der Graf sprang auf: „Es 
sei!“ murmelte er, „es sei!“ Der Geistliche nahm die Zu 
stimmung ruhig auf und bemerkte: „Der Namenstag des 
Heiligen steht bevor. Ich möchte die Nacht auf diesen Tag 
empfehlen.“ Der Graf ergriff die Hände seines Beichtvaters: 
„Ich überantworte sie Ihnen, möge der Himmel uns gnädig 
er, „es ist schlimm! Es ist sehr schlimm!“ Der Priester brummte 
etwas und nahm einen Schluck von dem dunklen, duftenden 
Südwein. „Bitte, bitte, bedienen Sie sich!“ krähte der Umher 
irrende, denn er beobachtete verstohlen jede Bewegung seines 
Gastes. Und der Beichtvater war ein tüchtiger Zecher, Er 
betrachtete verächtlich die zur Hälfte geleerte Karaffe in der 
Mitte der goldbraunen Marmorplatte des Tisches. Es versprach 
eine lange Unterredung zu werden, und die Diener hätten 
dann keinen Zutritt. Der Graf begann nun wieder: „Ja, es ist 
verzweifelt um mein Haus bestellt, hochwürdiger Vater! Ach, 
dieser Gedanke raubt mir den Schlaf: Für wen hat man ge 
sorgt? Louise wird einen Fremden hereinnehmen, sollte mir 
der Himmel ein früheres Ende beschieden haben. Bedenken 
Sie: wie gut sind die Güter im Stand! Sie wissen es, wie fern 
mir jeder Leichtsinn liegt und welche redliche Mühe ich mir 
gegeben habe. Ach, ich will ja nicht hadern mit dem Himmel, 
aber es peinigt mich, es zermürbt mich — macht mich krank: 
O mein Gott, mein Gott, warum hast du mir keinen Erben 
geschenkt?“ Mit pathetischer Gebärde war der kleine zapplige 
Mann stehen geblieben. Nun bekreuzigte er sich, wischte sich 
die Stirn mit einem seidenen Tüchlein, nahm eine Prise, bot 
dem Pfarrer die goldene Dose an und begann seinen Rund 
gang von neuem. 
Der Inhalt der Karaffe näherte sich seinem Ende, und es 
war unter diesen Umständen keine Hoffnung auf Ersatz. Die 
Wünsche des Priesters wechselten daher unwillkürlich die 
Richtung. Er stellte sich die Lage der jungen Gräfin vor, die 
ihm das weitaus Schlimmste an der besprochenen Sache 
schien, und seine Gedanken umschlichen das liebliche Ge 
schöpf, das an diesen unfruchtbaren, vergreisten Menschen ge 
fesselt war. Der Graf sperrte die junge Frau in ihrer Zimmer 
flucht ein und gestattete ihr kaum eine Promenade im Park. 
Der Priester bekam sie selten zu sehen, und Gelegenheit zur 
Unterhaltung bot eigentlich nur der Beichtstuhl. Jetzt regte 
sich also in seinem Herzen ein Groll gegen den Grafen, und 
er beschloß, ihm auf seine Weise zu helfen. 
„Ich verstehe den Schmerz vollkommen“, begann er feierlich, 
„den Euer Gnaden bei dem Gedanken empfinden müssen, ohne 
Erben dahinzuscheiden. Möge Ihnen aber noch ein langes
        
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