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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg, 27 
Nr. 5 
6 
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ScHLUMMEßLlEDCHEN fuftFRIEOCHEN 
C. £)' dir. 
Schlaf, mein kleines Liebchen, 
dir hat’s gut geschmeckt; 
ach, nun liegst du müde 
von dem vielen Sekt. 
Austern, Kaviar, Hummer, 
aß man immerzu; 
süße Herzensnummer 
schlaf in süßer Ruh. 
Sum, sum, sum — 
der Sandmann geht herum. 
Schlaf, mein blondgefärhtes 
Mauseschwänzelein, 
du mein Schickel-Schuckel, 
töricht Gänselein. 
Träum’ von den Verehrern, 
die oft ziemlich dreist 
dich besuchen kamen, 
wenn ich mal verreist. 
Sum, sum, sum — 
der Sandmann geht herum 
Schlaf, mein Zuckerpüppchen, 
bis so gegen zehn; 
daß beim Frühstück morgen 
wir uns Wiedersehn. 
Wenn du dann noch immer 
Schnarcher von dir gibst, 
weiß ich, daß du heftig 
immer noch beschwipst. 
Sum, sum, sum — 
der Sandmann geht herum. 
Schlaf mein kleines Gänschen! 
Schlaf, du Bösewicht! 
Wenn du schnarchst, dann sündigst 
wenigstens du nicht. 
Und es wackelt weiter 
nicht dein Renommee — 
und es weckt dein Seufzer 
nicht mein Portemonnaie. 
Sum, sum, sum — 
der Sandmann geht herum. 
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raf Gummersperg gehörte zu jenen 
Käuzen, deren Leben das Mißtrauen aus 
füllt. Seine Handlungen waren fast aus 
schließlich von dieser Krankheit seiner 
Seele beherrscht. Aus Mißtrauen gegen die 
Weiber hatte er seine Heirat so lange hin 
ausgeschoben, bis er nur mit knapper Not 
noch ein armes Fräulein mehr zur Pflege 
seines müden Leibes als zur Lust seiner ermatteten Seele heim 
führen konnte. 
Mißtrauen entspringt zumeist einer Veranlagung zum Geiz 
und zur Habgier. So war es auch bei Gummersperg. Er nannte 
ein umfängliches Vermögen sein eigen, das aus einem gewissen 
Grunde dem Staate anheimzufallen drohte, wenn er nicht 
einen Erben zu erzeugen imstande war. Da er nun anderen 
Menschen nichts, seinem Fleisch und Blut aber alles gönnte 
und seinem Geiz gern einen Sinn gegeben hätte, so war sein 
Ziel bei der Heirat natürlich die Erlangung eines Nach 
kommen gewesen. Zu seinem Schmerze blieb dieser in den 
ersten Jahren der Ehe aus. So erstreckte sich sein Mißtrauen 
auch auf die junge Gemahlin. Er glaubte, sie wolle ihn allein 
beerben. Da er die jugendliche Lebenslust der Gräfin nicht 
aus eigenen Kräften dämpfen konnte, griff er zu den Mitteln 
der Religion. Mißtrauische, geizige Menschen pflegen in der 
Regel fromm zu sein oder wenigstens mit dem lieben Gott 
und seinen Stellvertretern auf gutem Fuße zu stehen. So war 
denn der einzige Mensch, dem der Graf vertraute, sein Beicht 
vater, ein Mann in mittleren Jahren, der dieses Vertrauen 
wohl zu nutzen verstand. Er erzog den Grafen immer mehr 
zu einer lächerlichen Bigotterie, je knapper die Lebenskräfte 
des alternden Herrn wurden. In der Behandlung der jungen, 
immer übermütiger werdenden Frau hatte er ihm manchen 
Ratschlag erteilt, der dem Ehegatten schon deshalb ein 
leuchtete, weil er von dem Priester kam. Andere Menschen 
pflegte er überdies nicht zu befragen. 
Eines Tages saß der Priester wieder in dem Kabinett Gum- 
merspergs, als dieser nach seiner Gewohnheit von Tür zu Tür 
schlich, sie behorchte, den Verschluß prüfte und dann noch 
eine Weile tänzelnd auf dem Teppich im Kreise umherlief, bis 
er anhub zu sprechen. „Lieber hochwürdiger Vater“, meckerte
        
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