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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr.5 
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dekret lange unschlüssig in den Händen, zuckte endlich die 
Achseln und ging dann mit festem Schritt nach der Rue du 
Cätelet, wo, wie ihm bekannt war, Henri Sausson, der Revolu 
tionshenker von Paris, wohnte. 
Wenige Tage darauf fuhr man Estrelle zur Guillotine. Die 
iebenskluge, sonst so ausgeglichene Frau war angesichts des 
Todes schon halb erstorben. Nur von Zeit zu Zeit ließ sie ihre 
Augen über die Menge gleiten, die den Weg zur Hinrichtungs 
stätte umsäumte. Es war, als suche sie jemanden. Auf dem 
Schafott angekommen, blickte sie, während die Knechte die 
letzte Hand an die Maschine legten, gleichfalls in die Runde. 
Dann wurde sie noch um einige Grad blasser, ein 
Krampf schüttelte sie und zwei große Tränen rannen langsam 
ihre Wangen hinab. Jetzt trat Henri Sausson, der Scharfrichter 
auf sie zu. Auf einmal gefaßt, ging sie ihm entgegen. 
Da, plötzlich, löste sich aus der Gruppe der die Guillotine 
umstehenden Henkersknechte eine hohe Gestalt und diese trat 
dicht vor sie hin. Der Mensch trug eine sogenannte Carmag- 
nole, deren Halskragen das halbe Gesicht beschattete, und eine 
Zipfelmütze tief in die Augen gedrückt. Mit zwei Handbewe 
gungen gab er sein Gesicht frei und kaum, daß Estrelle Zeit 
hatte, mit qualvoll verzerrtem Gesicht einen leisen Schrei aus 
zustoßen, hatte er sie mitten auf den Mund geküßt. Dann 
wurde Estrelle zum Block gerissen. 
Das Pariser Volk, gewöhnt, daß die Henkersknechte sich 
mit den Todeskandidaten allerlei unsanfte Späße erlaubten, 
johlte beifällig, so weit es diese kurze Episode bemerkt hatte. 
Und eine Fischfrau, die in der ersten Reihe stand, rief, gut 
gelaunt wie sie war: „Recht so, mein Freund, küsse das 
Dämchen, so lange es noch warm ist!“ In dem Höllengelächter, 
das dies Wort auslöste, ging das pfeifende Sausen des Fallbeiles 
unter, das Estrelles schönen Kopf in den Korb mit Sägemehl 
springen ließ. 
Der Chevalier St. Cavain hat sich des Lohnes, den er für 
die schmähliche, sophistische Täuschung eines liebenden 
Weibes eingeheimst hatte, übrigens nicht lange erfreut. Im 
folgenden Jahre schon riß ihm bei Hohenlinden eine Kanonen 
kugel den Leib auf und er starb nach einigen, unter den 
schrecklichsten Qualen verbrachten Stunden. 
HEI NX TOVOTi 
Öse? Nein, böse bin ich nicht mit ihr, aber ent 
täuscht, grenzenlos enttäuscht, wie nie in 
meinem Leben, wie man nur sein kann, wenn 
man seine Erwartungen überspannt hat, wenn 
man das Wunderbare erhofft hat, und das 
ganz Banale dafür findet. 
Nie ist mir eine Frau reizvoller erschienen, 
nie hat mein Blut wilder geschlagen, als wenn 
ich in ihrer Nähe war, wenn meine Hand sie 
streifte, mein Blick auf ihr ruhen konnte. 
Wie sie ging und stand, darin lag etwas so Lockendes, eine 
solche Verführung, der ich mich nicht entziehen konnte, eine 
solche betörende Anmut, daß man ihr verfallen mußte, wenn 
man sich ihr nur näherte. 
Ein Zauber ohnegleichen strömt von ihr aus, die Luft 
scheint wie erfüllt von Sehnsucht, man bekommt Herzklopfen, 
wenn sie einen anblickt, wenn sie lächelt und ihre so tadel 
losen Zähnchen zeigt, die so blendendweiß zwischen den blut 
roten Lippen hervorleuchten, — wenn ihre Mundwinkel sich 
kräuseln, daß man einen unbezwinglichen Reiz spürt, diese so 
schön geschwungenen Lippen zu küssen, die sich einem wie 
begehrend entgegenwölben. 
Alles an ihr ist von einem unsagbaren Charme, so ganz 
anders wie bei den anderen Frauen. Sie scheint ein ganz be 
sonderes Wesen, als sei sie gar nicht von dieser Welt, sondern 
aus einem Zauberreiche, aus dem Venusberge entsprungen, um 
uns arme Menschenkinder zu betören. 
Ich glaube, wir alle sind diesem Zauber erlegen, keiner hat 
sich dem entziehen können, und doch ist hinter diesem ver 
meintlichen Zauber nicht viel, nicht das, was jeder erwartet, 
der ihn gespürt hat. 
Ich bin ihm auf den Grund gegangen, und es war nichts. 
Selten bin ich in eine Frau so vernarrt gewesen, wie von 
Sinnen, — ich dachte nichts mehr, ich hatte keinerlei Inter 
esse für irgend was anderes mehr, ich dachte immer nur an 
sie und meinte, ich würde mein Leben hingeben für eine 
Stunde in ihren Armen. 
Was habe ich nicht getan, um dieses Ziel zu erreichen, wozu 
wäre ich nicht imstande gewesen, alles zu opfern, wenn ich 
nur Gnade vor ihr fand. 
Gerade weil sie für so unnahbar galt, war ich um so be 
gieriger nach ihr und ihrer Schönheit. Und dann schien es mir, 
als wenn die Möglichkeit der Erfüllung näher rückte, als neige 
das herbe Bild sich dem armen Sünder freundlicher zu. 
Und ich ließ nicht nach, ich ließ alle meine Künste spielen, 
versuchte nichts, was nur denkbar war, und es gelang, sie 
schwach zu machen, — es gelang mir, sie zu erringen. 
Ich hatte gemeint, daß der ganze Himmel sich mir öffnen 
werde. — Statt dessen war es gar nichts, farblos, ohne jede 
Eigenart, banal, wie ein törichtes Provinzabenteuer, das man 
im nächsten Augenblicke wieder vergessen hat. 
In ihren Blicken hatte etwas gelegen, daß man sich alle 
Wonnen des Paradieses oder der Hölle vorstellte, — und es 
war ein lauer Spaziergang bei — indifferentem Wetter. Weder 
glühender Sonnenbrand noch weniger Hagelschlag oder toben 
des Gewitter mit Blitz und Donner, ein lauer, mondscheinloser 
Abend, wie es tausende ganz gleicher gibt. 
Sie wußte von nichts, sie kannte sich einfach nicht aus, ein 
ledernes Stück Fleisch in würzloser Brühe. Und alle Versuche, 
ein wenig schmackhaftere, pikante Sauce beizufügen, scheiterte 
an der völligen Verständnislosigkeit, an der Begriffstutzigkeit 
ihrer Sinne. 
Es war gar keine Zeit oder Gelegenheit, hier den Lehrer 
zu spielen, man spürte so gar nicht den Reiz, zu unterrichten, 
wenn man etwa sonst einen gelehrigen Schüler vor sich hatte. 
Ich ersah das Nutzlose eines solchen Unterfangens bei dem 
ersten Versuche und gab es auf. 
Es lohnte sich nicht. Es gab kein Echo, kein Entgegen 
kommen, sondern ein versteckter Widerstand gegen jede Be 
mühung trat hervor, der die Stimmung mordete und alles 
zerstörte. 
Eine grenzenlose Enttäuschung bemächtigte sich meiner, 
alle meine Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch. Sie war 
ein Blender, der alles zu versprechen schien und der nichts 
hielt. Hinter dieser äußeren Schönheit, die so viel Leben und 
Temperament verhieß, lag eine sinnliche Stumpfheit, die be 
drückend wirkte, die abschreckte, eine Hohlheit, vor der ich 
fassungslos stand. 
Kein rascherer Pulsschlag kam dem meinen entgegen, eine 
trostlose Nüchternheit spannte sich aus, gegen die ich mit 
allen Mitteln nicht ankämpfen konnte. Dagegen waren alle 
Waffen stumpf. — Und so warf ich die Waffe fort, weil ich 
keinen Gegner fand, mit dem es sich lohnte den Degen zu 
kreuzen. Ich ließ von ihr ab, weil es hoffnungslos war. Die 
Frau war nicht für die Liebe geschaffen. Sie war nur ein 
Prunkstück der Natur, ohne Inhalt, ohne Blut, ohne Wärme, 
ein Blender, — eine Dilettantin der Liebe.
        
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