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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg, S7 
Nr./ 
iedermeiers pflegten um 9 Uhr zu Bett zu 
gehen. Sie lagen in dem prunkvoll einge 
richteten, mit Teppichen dick ausgelegten 
Schlafzimmer bei offenen Fenstern. Man 
konnte sich das gestatten. Das Schlaf 
zimmer ging auf den parkähnlichen Garten 
hinaus. Es gab kein Gegenüber und keine 
Nachbarn. 
Frau Ada, jung, hübsch, im duftigen 
Pyjama, stützte sich auf und sagte zu ihrem Mann: „Ich habe 
dir etwas Wichtiges mitzuteilen.“ 
Herr Niedermeier, dick, robust, in weißem Nachthemd mit 
roten Borden, brummelte, die Augen geschlossen: „Wie viel?“ 
Frau Ada biß sich auf die Lippen: „Ich will dein Geld nicht. 
Ich sage dir, ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Wenn 
du es nicht hören willst, kann ich es dir ja auch schriftlich 
mitteilen.“ 
„Na, dann man los!“ 
„Es tut mir leid, dir mitteilen zu müssen, daß wir nicht mehr 
zusammenbleiben können. Ich werde dich verlassen. , . 
Herr Niedermeier öffnete die Augen. „Was heißt das?“ 
„Ich will kurz sein. Ich liebe einen anderen.“ 
„Wen, wenn man fragen darf?“ 
„Doktor Waldemar Fröbel! — Ich müßte lügen, wenn ich 
behaupten wollte, daß ich dich nicht mehr liebe, du bist mir 
heute noch genau so sympathisch, wie an dem Tage, als wir 
uns kennen lernten. Aber ich liebe eben Doktor Fröbel mehr 
als dich.“ 
Beim Scheine des elektrischen Lichtes sah sie ihren Mann 
genau an, aber man konnte ihm beim besten Willen keine Er 
regung anmerken. 
„Ich will eurem Glück nicht im Wege stehen“, sagte er, als 
handle es sich um irgend eine Nichtigkeit. „Gedulde dich, 
bitte, bis morgen. Ich werde dir dann alles Nähere mitteilen.“ 
Am nächsten Morgen bat er Frau Ada, ihn um elf Uhr im 
Kontor zu besuchen. 
Als Frau Ada das Kontor betrat, klingelte Niedermeier und 
bat den eintretenden Jungen, Herrn Dr. Fröbel vorzulassen. 
Doktor Waldemar Fröbel verfärbte sich leicht, als er die 
junge Frau in dem einfachen schwarzen Kostüm im Kontor 
erblickte; dann küßte er Frau Ada die Hand und schüttelte 
auch Herrn Niedermeier die Rechte. 
„Wollen Sie, bitte, Platz nehmen“, sagte Herr Niedermeier. 
„Ich will die Sache kurz machen. Meine Frau teilte mir mit, 
daß sie Sie mehr liebe als mich und daß Sie sie heiraten wollen. 
Ich werde Ihnen nicht im Wege stehen.“ 
Doktor Fröbel öffnete den Mund, zog das Taschentuch, 
sprang hoch und begann zu stottern: „Ich ... ich . . . ich weiß 
nicht . . . was soll das heißen?“ 
Herr Niedermeier lächelte: „Das soll heißen, daß ich meine 
Frau freigebe. Ich werde mich scheiden lassen und Sie können 
sie dann heiraten.“ 
Doktor Fröbel sammelte sich. Er verbeugte sich plötzlich 
kurz und sagte: „Ich bitte, keine Scherze zu machen. Ich stehe 
zur Verfügung.“ 
„Ich mache keine Scherze. Es ist mein voller Ernst. Ich bin 
Getreidehändler, Sie sind Schriftsteller. Meine Geschäfte und 
Transaktionen sind nicht einfach, meine Firma ist ein aus 
schlaggebender Faktor im Wirtschaftsleben unserer Provinz. 
Aber meine Frau hat für solche Dinge nichts übrig. Sie 
schwärmt für moderne Bilder und expressionistische Theater 
stücke, für Galanterien und den Schnörkelkram des Lebens, für 
den ich kaum eine Minute Zeit habe. Meine Frau hat vielleicht 
recht, vielleicht können Sie sie zufriedener machen als ich. 
Meine Frau wird mein Haus verlassen, ich werde die 
Scheidungsklage einreichen, alle Schuld auf mich nehmen und
        
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