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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jaßrg. 27 
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Welche grausame Macht zwang dich, vor ver 
schlossenen Türen zu stehen, auf der Lauer zu liegen, 
Briefe zu schreiben, die ohne Antwort blieben . . . Auf 
peitschende Träume waren dein Teil und heimliche 
Tränen der Eifersucht. 
Dann aber niegeahnte Seligkeiten . . . Sein erster 
Handkuß — sein Bild mit eigenhändiger Widmung . . . 
Wer war glücklicher als Gräfin Irma?! 
Die grausame Macht aber trieb weiter und weiter — 
unaufhörlich. Trieb zu Stelldichein — trieb zur Tee 
stunde im Boudoir der keuschen Gräfin. 
O du verwegene Jungfrau! 
Und sie geriet in die Sphären der Leidenschaft . . . 
Dem verheißungsvollen Adagio folgte ein süßes An 
dante, das zum Crescendo wurde — zum Ritornell 
führte und ritardando zum Finale gelangte . . . 
Sie lag in seinem Arm. Weltvergessen lauschte sie 
dem Orgelbrausen ihrer Pulse und den volltönenden 
Harmonien ihrer Herzschläge. Kaum wagte sie die 
Augen zu öffnen. Kaum vermochte sie sich heraus 
zuretten aus dem Orkan ihres Glücks. 
Endlich suchte ihr Blick den Geliebten. Er stand am 
Kamin, von ihr abgewandt, den Boden anscheinend be 
trachtend. 
Bereute er? Zürnte er ihr? Verachtete er sie?! 
Sie sprang auf, hüllte sich in den seidenen Kimono 
und trat verschämt zu dem Schweigenden. Sie flüsterte; 
„Was denkst du, Geliebter?“ 
Da hob er das finstere Auge und sagte sehr ärger 
lich: „Scheußlich, meine neuen Bügelfalten • sind total 
futsch!“ 
* 
Frage: Weshalb führtest du, blindwaltendes oder 
teuflisch boshaftes Schicksal, weshalb führtest du nicht 
das süße Mädel mit dem Geiger — den noblen Innen 
menschen aber mit Gräfin Irma zusammen—? 
Der lä4)dnik <Tod 
HISTORISCHER KRIMINALROMAN AUS DEM 17. JAHRHUNDERT 
4. Tortsetzung 
Don Offciö oon fjcmffein 
Bildert Ltnqe 
ie furchtbare Wissenschaft, Gifte zu be 
reiten, die unfehlbar wirkten und doch 
in den Körpern, soweit die gelehrten 
Ärzte Roms es zu prüfen imstande 
waren, nicht das geringste Zeichen zu 
rückließen. 
Ein Rätsel war es, wie Dr. Godino es 
vermocht, dem sterbenden Mörder das 
Geheimnis zu entlocken. Freilich, ihn selbst interes 
sierte es nicht, zu fragen oder zu wissen, ob Exili seine 
furchtbare Kenntnis dazu verwandt hatte, Mordtaten 
zu begehen. Auch jetzt dachte er in keiner Weise da 
ran, seine Wissenschaft jemals verbrecherisch zu ver 
werten, aber er war ein begeisterter Forscher und er 
war sofort entschlossen, das Studium jener Gifte 
wissenschaftlich zu betreiben. Darum hatte er jetzt 
dieses Haus erworben und war, ohne daß selbst sein 
Diener etwas ahnte, den Anweisungen des Sterbenden 
folgend, in die Geheimnisse des unterirdischen La 
boratoriums, von dem auch die Behörden nichts 
wußten, eingedrungen. 
Dr. Godino hatte eine eiserne Natur und trotz der 
durchwachten Nacht ging er an sein Studium. Er schlug 
den Pergamentband auf und ging prüfend von Retorte 
zu Retorte. Einer derselben entnahm er ein weißliches 
Pulver, das sich sofort in Wasser zu einem vollkommen 
klaren Trank löste. 
Der Doktor öffnete eine Tür im Hintergründe. Dort 
waren in einem Kober einige junge Ferkel eingesperrt. 
Selbst hatte er in der Nacht die Tiere heruntergebracht 
und selbst wartete er ihrer. 
Jetzt griff er eines heraus und ging mit ihm in das 
Laboratorium zurück. Er schüttete den Trank in eine 
Schale und ließ das durstige Tier saufen. Dann setzte 
er sich nieder und beobachtete gespannt. Schon nach 
Augenblicken begann das unglückliche Opfer sich in 
furchtbaren Schmerzen zu winden, dann streckte es 
seine Glieder und war tot. 
Der Doktor warf den Körper zur Seite und arbeitete 
weiter an seinen Apparaten. Stunden vergingen und 
über ihm begann, ohne daß er es hörte, der Lärm des 
jungen Tages. Er blickte auf die große Uhr, das „Nürn 
berger Ei“ , das er in der Tasche seines Wamses trug, 
dann stieg er wieder empor, öffnete, nachdem alles 
andere sorgsam versperrt, die Tür seines Arbeits 
zimmers und trat in den jetzt taghellen Korridor. Dort 
stand sein Diener. 
„Ich habe die Nacht über gearbeitet. Trage das Früh 
mahl auf und wenn ein Herr kommt, frage nicht nach 
dem Namen, sondern führe ihn in mein Zimmer.“ 
Er stieg in das obere Stockwerk, wusch sich mit 
kaltem Wasser, nicht weil er ein in der damaligen Zeit 
ungewöhnliches Reinlichkeitsbedürfnis gefühlt hätte, 
sondern um sich zu erfrischen, wechselte das Gewand, 
frühstückte und als dann der Diener meldete, daß der 
Besuch gekommen, trat er vollkommen frisch und als 
hätte er nicht eine Nacht durchspielt und Stunden ge 
arbeitet dem Ankömmling entgegen. 
Graf Granvillardo stand in dem Arbeitszimmer. Er 
war sehr bleich und seine Miene verstört. Godino tat, 
als bemerke er dies nicht und streckte dem Gaste die 
Hand entgegen. 
„Willkommen, Graf, Sie kommen, Ihr Ehrenwort ein 
zulösen und mir das Geld zu bringen?“ 
Jener kämpfte mit sich selbst, dann sagte er mit 
stockender Stimme. 
„Ich komme, Sie um Aufschub zu bitten.“ 
Man sah dem Grafen an, wie schwer ihm das Wort 
wurde, der Marchese aber tat erstaunt. 
„Ihr Bankier war nicht daheim?“ 
Gequält kam es von des Grafen Lippen. 
„Ich habe das Geld nicht.“ 
Jener sah ihn ernst an. 
„Sie gaben Ihr Ehrenwort.“ 
„Gewähren Sie mir Aufschub.“ 
„Sie haben das Geld nicht?“ 
„In diesem Augenblick nicht.“ 
„Und morgen?“ 
„Auch dann nicht.“ 
„Aber übermorgen?“ 
„Ich brauche Zeit.“ 
Der Marchese sagte hart und schroff: 
„So werde ich diesen Nachmittag den Kardinal Gam- 
polla besuchen und Ihre Unterschrift einlösen.“ 
„Er wird sie nicht zahlen.“ 
Laut sagte der Marchese: 
„So gab der Graf Granvillardo sein Ehrenwort, in 
dem Bewußtsein, es nicht einlösen zu können? Ich bin 
begierig, was Rom sagen wird, wenn ich — —•“
        
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