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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 37 
Jahrg. 27 
RIVALEN 
PAUL ROSENHAYN 
in Yaleschloß!“ sagte der Mann mit 
i / j 1/ der Blendlaterne. „Das wird ver- 
\!A dämmte Arbeit geben!“ Er zog einen 
|aI . . •'A kleinen Bohrer hervor und beförderte 
I lm i • jjjjj m jf einer Geräuschlosigkeit, die 
auf langjährige Erfahrung in diesem 
Fach schließen ließ, in das Eichenholz 
— der Haustür. Dann vertauschte er den 
Boher gegen eine kleine Laubsäge und fing an, das 
Schloß herauszuschälen. Es quietschte. Erschrocken 
hielt er inne und spähte argwöhnisch nach allen Seiten. 
Aber nichts rührte sich. Aus der Jackettasche holte er 
eine kleine Dose, öffnete sie und bestrich mit ihrem 
Inhalt das Sägeband. „Ein Glück, daß ich die Schmier 
seife mithabe“, murmelte er, „sonst könnte ich wieder 
nach Hause gehen.“ Er setzte die Säge wieder an und 
konstatierte mit Befriedigung, daß sie jetzt geräuschlos 
arbeitete. Nach einer halben Stunde war das Werk 
getan. Er nahm daß Schloß heraus, betrachtete es mit 
Kennermiene und steckte es in die Tasche. Dann 
öffnete er leise die Tür. 
Eine entfernte Uhr schlug die zweite Morgenstunde. 
Das Büro der Taschenuhren-Engros-Firma Dujardm 
& Cie. war nahezu stockfinster. Leise tappte er sich 
"^ rc h den Korridor bis an einen Vorsprung in der 
Wand, den seine tastende Hand als den Rahmen einer 
Tür erkannte. Er ließ den Schein der Blendlaterne 
darauf fallen. „Expedition“, las er. Er schüttelte den 
Kopf und schlich weiter. „Exportkontor“, stand an der 
zweiten. „Wieder nicht das Richtige!“ Dann folgte die 
Aufschrift: „Privatkontor“. Hier blieb er stehen und 
drückte auf den Türgriff. Die Tür war verschlossen. Er 
Probierte einige Dietriche. Nach zwei Minuten sprang 
die Tür auf. 
Ein ungeheurer Perserteppich, der jeden Fußtritt auf- 
Bng„ ermöglichte es ihm, eine bequemere Gangart ein- 
Zuschlägen und dafür seine Aufmerksamkeit den Dingen 
von Wichtigkeit zuzuwenden. Das Herrenzimmer war 
ddt dem gediegenen Geschmack des Kulturmenschen 
ausgestattet: Einige Klubsessel, eine türkische Otto 
mane, vor dem Kamin ein großer bronzener Buddha. 
Daneben die Hauptsache, der Zweck und das 
seines Besuches: ein kolossaler Geldschrank. Fast zärt 
lich ließ er seine Blicke über das stählerne Monstrum 
gleiten, während er den Strahl der Laterne auf die Kon 
struktion des Schlosses warf. „Von vorn ist nichts zu 
wollen“, flüsterte er vor sich hin: „man muß die Sache 
von der Seite anpacken“. Er öffnete die Handtasche, 
nahm einen Sauerstoff-Apparat heraus, entzündete ihn 
und wartete ein paar Sekunden, bis sich das Gas 
gemenge gebildet hatte. Abwartend hielt er ein Zünd 
holz an die obere Öffnung des Vergasers, und plötzlich 
schoß aus dem Rohr eine mächtige Stichflamme. Er 
nahm die Lampe in die Hand und richtete den Feuer 
strahl gegen die Seitenwand des Stahlschrankes. N ach 
einigen Minunten begann die bestrahlte Flache in 
rötlichem Lichte zu schimmern. 
Plötzlich fiel eine Tür ins Schloß. 
Es war kein Zweifel. So leise das Geräusch gewesen 
m ar — seine geschärften Ohren täuschten sich nicht. 
Und — da waren auch Schritte. Leise und behutsam, 
Wie die eines Jägers, der ein Wild beschleicht. Sie kamen 
von der anderen Seite, entgegengesetzt der Richtung, 
aus der er, gekommen war. Blitzschnell drehte er den 
Vergaser aus, kroch auf allen Vieren quer durchs 
Zimmer und kauerte sich hinter der Ottomane nieder. 
Die Schritte kamen näher. Einige Male schien der 
Ankömmling stehen zu bleiben. Plötzlich war alles still. 
Schon war er geneigt, an eine Täuschung zu glauben, 
als auf einmal langsam die Tür aufging. 
Ein Mann trat ein, in der Hand schußbereit einen 
Revolver. Spärlicher Mondschein fiel ins Zimmer und 
ließ die Dinge notdürftig erkennen. „Der Besitzer!“ 
dachte der Kauernde, „ich bin verloren. Wehre ich mich, 
so schießt er. Und selbst wenn er mich nicht über 
wältigt, so ist innerhalb einer Minute die Nachbarschaft 
alarmiert.“ 
Nichts dergleichen geschah. Der Ankömmling machte 
langsam die Tür hinter sich zu, sicherte sorgfältig den 
Revolver und steckte ihn in die Tasche. Dann sah er 
aufmerksam im Zimmer umher. 
Der Kauernde verfolgte mit gespannter Aufmerksam 
keit alle Bewegungen des Hinzugekommenen. „Ein 
Mondsüchtiger!“ schoß es ihm durch den Kopf. Was 
nun folgte, belehrte ihn indessen eines Besseren. Der 
Besucher zog aus der Tasche seines Mantels — erst 
jetzt sah der Kauernde, daß der Hinzugekommene 
einen weiten Mantel trug — eine Blendlaterne, die er 
entzündete. Er richtete den Strahl auf die Tür des Geld 
schrankes, beleuchtete das Schloß aufmerksam und 
schüttelte den Kopf. Er zog nun ein kleines Schlüssel 
bund mit mehreren Präzisionsschlüsseln hervor uiid 
versuchte, einen der Schlüssel ins Schloß zu stecken. 
Es mißlang. Er probierte den nächsten, mit dem gleichen 
Erfolg. Auch der dritte und vierte paßte nicht. Nach 
einer Weile hielt er inne, fuhr sich mit der Hand über 
die Stirn, knöpfte langsam seinen Mantel zu und zog 
aus der Innentasche einen Gegenstand, den der hinter 
der Ottomane als einen Sauerstoffapparat erkannte. Er 
sah mit großen Augen auf das Gebaren des Mannes, bis 
dieser plötzlich ein Streichholz entzündete und die 
Sauerstofflampe in Betrieb setzte. Da wußte er: dort 
arbeitete ein Konkurrent! ' 
Einen Augenblick war er starr vor Empörung. So 
eine Frechheit war überhaupt noch nicht dagewesen! 
Er hatte das bestimmte Gefühl, daß dieser Mann da 
in seine heiligsten Rechte eingreife, und daß er sich das 
nicht gefallen zu lassen brauche. Was dieser Mensch 
sich einbildete! Der kam da durch die Hintertür in ein 
beliebiges Haus, um einen rechtschaffenen Kollegen 
sein tägliches Brot fortzunehmen, das er sich, weiß 
Gott, sauer verdienen mußte. Er war so entrüstet, daß 
er am liebsten ans Fenster gesprungen und nach einem 
Schutzmann gerufen hätte. Aber dann fiel ihm ein, daß 
dies doch wohl nicht das Richtige sei. Er beschloß da 
her, anders vorzugehen und sich auf sein gutes Recht 
und auf seine Frechheit zu verlassen. Er schlich auf 
allen Vieren über den weichen Teppich, richtete sich 
geräuschlos auf und legte plötzlich dem Manne die 
Hand auf die Schulter. Der fuhr entsetzt herum und 
starrte dem Störer sprachlos ins Gesicht. 
„Was machen Sie hier?“ 
Der Ertappte zitterte an allen Gliedern und ant 
wortete nicht. „Sie hätten verdient, daß ich Sie sofort 
verhaften ließe!“ 
Der Mann senkte den Blick zu Boden. 
„Den Revolver her!“ Zitternd händigte der Erwischte 
die Waffe aus, ohne auch nur daran zu denken, sie zu 
benutzen. Der andere verfolgte mit Luxaugen jede Be 
wegung seines Gegenübers, bereit, dem Feinde die 
Waffe aus der Hand zu schlagen, falls dieser den Ver 
such machen sollte, sie zu entsichern. Aber der dachte 
gar nicht daran. 
Er nahm die Waffe in Empfang, steckte sie sorg 
fältig in die Hosentasche und sagte dann energisch, 
indem er auf die Tür wies; „Gehen Sie!“
        
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