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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahtg. 2/ 
Nr. 37 
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„Wollen Sie auch heim?“ fragte Dorrits Mann. „Ja? 
dann fahren wir Sie natürlich erst nach Hause, aber das 
macht ja kaum einen Unweg — wo wohnen Sie?“ und 
er gab seinem Chauffeur die von Doktor Westernkamp 
genannte Adresse an. 
Kaum setzte sich das Auto in Bewegung, als Dorrits 
Mann aus seiner Aktenmappe eine Menge Papiere her 
vorzog: „Sie müssen schon entschuldigen“, sagte er, „ich 
habe da heute Abend noch einen Geschäftsfreund an 
zurufen und muß über diese Schriftstücke, die ich 
vorhin erst bekam, informiert sein. Unterhaltet euch 
ruhig, Kinder, ich höre und sehe nichts, wenn ich 
arbeite.“ 
Er vertiefte sich in seine Akten. Und man muß sagen, 
daß Dorrit und Doktor Westernkamp, die hinten neben 
einander saßen, außerordentliche Rücksicht auf den in 
seine Akten vertieften Mann nahmen, denn sie unter 
hielten sich zwar gut aber lautlos. 
Plötzlich fuhr der Chauffeur langsamer und hielt in 
der Straße, die man ihm genannt hatte. Dorrit sah zum 
Fenster hinaus: „Aber Sie müssen noch eins weiter 
fahren“, sagte sie plötzlich impulsiv, „danebenan das 
rote Haus.“ In demselben Augenblick spürte sie einen 
warnenden Stoß von Doktor Westernkamp und glühen 
der Schreck fuhr durch ihren Körper. Blitzschnell sah 
sie zu ihrem Manne herüber, aber der hatte wirklich 
nur für seine Akten Augen und Ohren, nicht für die 
merkwürdige Tatsache, daß Frau Dorrit so genau Be 
scheid wußte, welche Farbe das Haus hatte, in dem 
sein Klubfreund wohnte. 
„Habe ich nicht recht“, sagte Frau Dorrit, als sie das 
nächstemal mit ihren Freundinnen zusammen war, „habe 
ich nicht recht, daß es für uns nichts besseres gibt, als 
daß der Mann vor Arbeit nichts sieht und nichts hört? 
Denkt mal, wenn Richard neulich aufgepaßt hätte, wie 
unangenehm für — ihn!“ 
Und sie griff lächelnd nach der Zigarettenschachtel. 
DER ZWEITE GAST 
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HASSE ZETTERSTRÖM 
s schneite. Und es war Abend, ein 
Winterabend. Es war auch sehr kalt, 
so kalt, daß die Leute, die draußen 
waren, irgendwo hineingingen und 
heiße und starke Getränke tranken. 
Es war so kalt, daß es draußen im 
Eise der Bucht donnerte. Zwar schien 
der Mond, aber er wärmte nicht, und 
es leuchteten sämtliche Laternen der 
Stadt, aber sie wärmten ebenfalls nicht. 
Es war zehn Uhr abends. Das ist keine späte 
Stunde in einer großen Stadt. Da beginnt ja der eigent 
liche Nachmittag, die ruhige, friedliche Zeit, die die 
Nacht einleitet. 
In den Restaurants saßen die üblichen Leute, tranken 
die üblichen Getränke und verklatschten die üblichen 
Freunde. Neue Gäste kamen. Die Türen Wurden auf- 
und zugemacht. Die neuen Gäste rieben sich die 
Hände oder glätteten sich das Haar, wenn sie hinein 
kamen, Einige steckten auch die Hände in die Hosen 
taschen, aber die waren sehr kühn und ungeniert. 
Auf den Straßen tuteten Autos und klingelten 
Straßenbahnen, ganz wie immer. Zeitungsjungen 
schrien, und fröhliche Gesellschaften lachten. 
Erst draußen am Rande der Stadt wurde es still und 
ruhig. Da lag die zugefrorene Bucht, und da war der 
Mond allein, ganz allein mit dem kleinen Wirtshaus. 
Es leuchtete aus den Fenstern des großen Gast 
zimmers zu ebener Erde. Da drinnen war es warm und 
schön, das Feuer brannte im Kamin, und aus der kleinen 
Stube hinter dem Schanktisch kam ein lieblicher Duft 
von Glühwein und Kardamom. 
Das große Gastzimmer war leer, aber hinter dem 
Schanktisch saß der Wirt und las die Abendzeitung, 
und ein Stück davon, in respektvoller Entfernung, lag 
Elisabeth, vornübergestreckt über die Tischplatte und 
bewunderte die Bilder in einem großen Weihnachts 
heft, das zwei Jahre alt war, aber nie weggenommen 
wurde, und das sich immer auf Stühlen, Tischen und 
Schränken herumtrieb. 
Elisabeth war ein hübsches Mädchen, und es reute 
sie, daß sie in diesem Wirtshaus Stellung angenommen 
hatte. Hier war so wenig zu verdienen, und dann war 
es so weit bis zur Stadt, wenn man mal einen freien 
Tag hatte. Elisabeth sehnte sich nach den warmen 
Cafes in den Stadtstraßen, mit ihrem ständigen Strom 
von Leuten, herein und hinaus, herein und hinaus, und 
dann Leben und Bewegung und Trinkgelder und 
schicke Herren. 
Hier zu sitzen, war ja wie im Kloster zu sein. Die 
schwarze Nacht draußen und keine Katze im Lokal. 
Und das soll einen ganzen Winter so weiter gehen! Ab 
und zu eine Gesellschaft, die Kegel schob, dann und 
wann ein Pärchen, das im Separatzimmer soupierte, und 
dann vielleicht irgend ein Verein, der Sonntags heraus 
kam und im Klavierzimmer tanzte. 
Elisabeth reckte sich und gab dem Heft einen Stoß, 
daß es den Schanktisch entlang flog und auf einen 
Haufen alter Servietten zu Boden fiel. 
Da ertönte draußen von der Chaussee her das 
Surren eines Autos mit großer Geschwindigkeit. Der 
Wirt blickte von seiner Zeitung auf und horchte. 
Elisabeth tat einen Schritt nach dem Fenster und lugte 
zwischen den Gardinen hindurch. 
Das Auto hielt vor dem großen Eingang. Elisabeth 
ging in den Flur hinaus, und der Wirt erhob sich und 
lehnte sich über den Schanktisch, um durch die Tür 
nach der Treppe zu sehen, die nach dem oberen Stock 
führte. Ja, die Laterne brannte, alles war in Ordnung. 
Dann wurde die Tür nach dem großen Schankzimmer 
zugemacht, und der Wirt hörte Schritte auf der Treppe. 
Ein Zimmer wurde ausgesucht und genommen. Es 
dauerte eine Weile, ziemlich lange, die Bestellung war 
vielleicht umständlich, genau, aber dann kam Elisabeth 
herunter. Sie ging an den Schanktisch, lieferte dem 
Wirt Marken ab und bestellte: 
,3s ist für Nummer vier, kalte Extra-Platte für zwei, 
Caviar, Räucherlachs, Oliven, Gänsebrust, große Sar 
dinen, Sardellen in öl, Käse und ein paar Schüsseln mit 
gewöhnlichem Aufschnitt, Kümmel, Aquavit und 
Pilsener.“ 
Der Wirt gab die Bestellung nach der Küche weiter, 
und Elisabeth verschwand. Nach einem Weilchen war 
sie zurück, trieb zur Eile an und trug das Tablett nach 
Nummer vier hinauf. 
Der Wirt ging auf die Treppe hinaus. Draußen war 
es finster und still. Der Schnee fiel immer noch; bald 
deckte er die runden Spuren hinter dem Auto, das eben 
weggefahren war, zu. Die Laternen an den Torbalken 
leuchteten trübe und unten von der Brücke her hörte 
man das klingelnde Geläut eines einsamen Schlittens.
        
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