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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 37 
»Ich liebe deine Klubfreundschaften 
eigentlich nicht“, sagte Frau Dorrit, als 
ihr Mann ihr durch das Telephon den 
Abendgast ankündigte, „ihr seid doch im 
Klub genug zusammen und habt sowieso 
schon kein Interesse mehr für uns. Wenn 
ihr das auch noch ins Haus verpflanzen 
wollt “ 
„Aber dieser Klubfreund ist wirklich 
nett, Kind“, sagte lachend am Telephon 
Dorrits Mann, „und ich habe den Ein 
druck, daß er gegenüber Frauen gar nicht 
uninteressiert ist.“ 
„Also in Gottes Namen“, sagte Frau 
Dorrit, „bitte ihn zum Abendbrot um 
halb neun, aber vergeßt über euren 
Karten nicht wieder die Zeit.“ 
Frau Dorrit suchte lange in ihrem 
Schrank. Endlich entschied sie sich ™ r 
das Goldbraune. Es war das Kleid, in 
dem der Ausschnitt der Schneiderin be 
sonders gut geglückt war — die Hals 
linie kam am besten heraus, fand Frau 
Dorrit. Und die Pfirsichfarbe ihres 
Teints, welcher der einer Brünetten war 
und in pikantem Gegensätze stand zu 
dem wirklich echten Blond ihres Haares, 
wurde durch die warme, braungoldene 
Seide unbedingt gehoben. So hatte Frau 
Dorrit viele Gründe, um an dem heutigen 
Abende gerade dieses Kleid zu wählen, 
Gründe, die wir alle genannt haben. Aber 
sie hatte noch einen anderen Grund, und 
den wollen wir vorderhand lieber noch 
nicht nennen. 
Pünktlich um acht Uhr erschien Dorrits 
Mann und hinter ihm, schmal, dunkel, 
elegant und korrekt, der Klubfreund und .„Dorrit 
beugte sich über die kleine Hand rrau 
„Sie müssen sich heute besonders nett ’ 
sagte lachend Dorrits Gatte zu seinem Gaste »mein 
kleine Frau hat, ich darf es doch ruhig erzählen. Kind, 
eine leise Aversion gegen alles, was mi , 
sammenhängt und gegen die . K l ub fanatiker die 
Männern. Sie behauptet nämlich, daß die , ’ der 
im Klubleben stehen, wenig Sinn für die A S. 
Frau haben. Also, bemühen Sie sich, ihr da Ü 
zu beweisen.“ 
„Ich werde mich bemühen“, saßt 6 Doktor 
kamp mit undurchdringlicher Höflichkeit. 
Lächeln war nicht um eine Nuance zuviel wie aucn 
Frau Dorrits Lächeln nur wie eine schweigende, Kon 
ventionelle Höflichkeit war. , 
Man konnte sagen, daß der Abend mit 
freund durchaus nett verlief. Der Hast v Klub 
einer unmerkbaren Sicherheit das Gespra M n dort 
und Geschäften fortzulenken wenn Dorrits Mann dort 
landen wollte. Vielmehr erzählte er all Aufenthalt 
Dorrit interessieren konnte, von dem letzt wo llen 
in Paris, von seinen Wintersportplanen. ^„Mewouen 
auch nach Garmisch, da können Sie s - e ^ a t 
meine Frau kümmern“, sagte Dorrits M > ”, gg 
schon für die Sportwoche Wohnung bes > ejne 
ist sehr unsicher, ob ich mit kann, denn P' ^ 
Neugründung.“ Und nun half selbst die Geschicklict^ 
keit des Gastes nichts mehr. Dorrits Mann 
in Konzernen, Pflanzenfasern, ? a P ier f^Sdring 
Finanzierungsproblemen wie in einem , w ; e 
liehen Netze, aus dem er ebenso schwer ■ 
die Fliege aus dem Honigglase. Dn Western 
wirklich netten und wohlerzogenen D zwischen 
kamp durchaus nichts anderes. übrig, ak fischen 
Garmisch, Sprungschanze, Pariser Varietees und 
und Doktor Westernkamp unterhielten sich zwar gut, aber lautlos...^- 
Pflanzenfasern geschickt hin und her zu voltigieren, in 
dessen Frau Dorrit mit dem etwas rätselhaften Lächeln 
der Mona Lisa dieser geistigen Equilibristik zuhörte. 
Daß im Verlaufe des Gespräches, das sich nun ganz 
zwischen Dorrits Mann und dem Gaste abspielte, die 
Füße des Klubfreundes ihren Standort unter dem Tische 
veränderten und sich mehr Frau Dorrit näherten, 
war wohl nur eine naturnotwendige Folge der 
geistigen Beweglichkeit, die man aufbringen mußte, um 
beiden Eheleuten gerecht zu werden. Und Frau Dorrit 
zollte schweigendes, aber umso intensiveres Ver 
ständnis für die Bemühungen des Gastes. 
So verging der Abend zur allgemeinen Zufriedenheit, 
und als Doktor Westernkamp sich um halb zwölf Uhr 
verabschiedete, sehr korrekt und mit dem Versprechen, 
sich bald nach dem Befinden der gnädigen Frau zu er 
kundigen, war alles in schönster Harmonie. Jeder der 
drei hatte von dem Abend die Anregung erhalten, die 
er erwartet hatte, wenn auch Dorrits Mann beim 
Schlafengehen etwas reuevoll meinte, daß seine Ge 
schäftspläne Dorrit doch vielleicht gelangweilt hätten. 
Aber Dorrit sagte lächelnd, daß sie zum erstenmale sich 
durchaus interessiert gefühlt hätte. Was wiederum Dor- 
rits Mann bewog, sich über seinen Klubfreund als einen 
verständigen Gesprächspartner lobend zu äußern. Hier 
aber war Frau Dorrit so klug zu schweigen und sich das 
Beste von dem Belobten zu denken. 
Etwa vierzehn Tage später trafen Dorrit und ihr 
Mann, als sie aus einem Weinrestaurant im Westen 
kamen, zufällig, natürlich ganz zufällig Doktor Western 
kamp. — 
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