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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 37 
Jahrg. 27 
22 
Spiegel ist — in dem die Frau sich spiegelt, blaß oder 
feurig — grau oder bunt — ganz wie er es will! “ Und 
dann legte sie allen Schmuck auf den Tisch und lächelte 
noch einmal: „Und ein Mann sollte nie vergessen — 
daß seine Frau f r e i ist — wenn e r sich so fangen 
läßt wie du!“ 
Damit zog sie auch ihren Ehering vom Finger, hielt 
ihn auf der flachen Hand und streckte sie mit großer, 
freier Gebärde nach ihm aus. 
Riccardo Milano stand starr und still. Er nahm den 
Ring nicht, er regte kein Glied, verwandte kein Auge 
von ihr. Und plötzlich, wie ein Rasender, schoß er auf 
einen Block Briefpapier zu, der auf einem Tischchen 
lag, nahm einen Stift aus der Tasche und flüsterte in 
höchster Aufregung: 
„Bleib stehen, Eva! Rühr dich nicht!“ 
Und blitzschnell und treffsicher flogen die Striche auf 
das Papier. 
Eva-Brigitte rührte sich nicht. Wie linde, leise Früh 
lingsluft wehte die Freude über sie hin. Sie wußte; nun 
er schaffte, gehörte er wieder ihr — denn seit Monaten 
hatte er sein Skizzenbuch nicht angerührt. Das war 
mehr und reicher, als sie zu hoffen gewagt — kein 
Schuldgefühl, keine Tändelei, keine Lüge, kein Be 
schönigen: nein, er schuf, was er in dieser Sekunde 
erlebt. Dazu hatte sie ihn vermocht, sie, seine Frau. 
Ihre Augen leuchteten. — 
Lange Zeit verging. Da klopfte es leise an die Tür 
und die beiden schraken hoch. Eva-Brigitte war mit 
einem Sprung an der Tür und schloß auf. Esther steckte 
den Kopf durch den geöffneten Spalt: „Störe ich?“ 
Als fiele ihm jetzt erst das Geschehene ein, sah 
Riccardo Milani hilflos und unsicher umher. 
„Er hat mich gezeichnet!“ flüsterte ihr Eva-Brigitte 
zu. 
Esthers Blick flog von einem zum andern. 
„Und?“ 
Riccardo hob den Briefpapierblock. 
„Entschuldigen Sie — ich habe Sie beraubt — es soll 
nicht wieder Vorkommen. Wir fahren am besten nach 
Hause, was, Eva?“ 
Esther schüttelte den Kopf. 
„Das nennt der Mensch eine Liebesstunde!“ — 
„Oh, doch!“ sagte Riccardo mit einem kleinen, mali- 
tiösen Lächeln. „Und eine, die unvergeßlich für mich 
sein wird.“ Er hielt ihr die Zeichnung hin — da stand 
Eva mit jener Triumphgebärde, in ihren Händen einen 
Zauberstab — und um sie herum, wie Geisterschar, in 
tausend Variationen sie selber — immer neu, und immer 
sie. „Die bunte Frau“, die Zauberin der Liebe. 
Esthers Blick flog prüfend über ihn hin. 
„Ja dann!“ sagte sie. Und mit einem Blick auf Eva- 
Brigitte, lachend und frauenhaft-klug warnend: „Und 
nun halten Sie’s — kleine Frau — was e r verspricht!“ 
Das versprach Eva-Brigitte — aber in die Festräume 
wollten Sie nicht mehr kommen. Sie ließen ein Auto 
holen und fuhren eilig nach Hause, aber als sie in ihr 
Heim eintraten, wie zwei Liebesleute zur Hochzeits 
feier, war Riccardo Milanis Gesicht ganz golden von 
Evas Mund und von Evas Händen. 
DIE HAUSNUMMER 
LISA HONROTHHOEWE 
A ch begreife euch nicht“, sagte Frau 
Dorrit, „ich begreife euch wirklich 
nicht. Wie könnt ihr darüber so 
stöhnen, daß die Männer zuviel 
Arbeit haben. Ich finde das ganz 
in der Ordnung. Sind sie denn 
nicht im Büro und bei ihren Unter 
nehmungen am besten unterge 
bracht? Nein, ich bin in dieser Be 
ziehung mit der Weltordnung 
durchaus zufrieden.“ 
„Aber hat denn dein Mann jemals Zeit für dich?“ 
fragte eine der Freundinnen, die jung verheiratet und 
daher noch glücklich war. 
Frau Dorrit lächelte mit ihrem 
schmalen Garconmunde; „Dumm- 
chen“, sagte sie fröhlich, „du 
mußt noch viel lernen. Es kommt 
auf die Dauer wirklich nicht dar 
auf an, daß der eigene Mann für 
uns Zeit hat, sondern daß der 
andere für uns Zeit hat.“ 
„Und hast du denn gar keine 
Furcht, daß du dich einmal ver 
rätst?“ fragte die Jungver 
heiratete, und in ihren Augen 
stand schon das Verlangen der 
Neugierde. 
„Dummchen“, erwiderte die 
blonde Frau Dorrit wieder nur 
und sonst nichts. Aber in ihrem 
Lächeln lag alle Sicherheit, alles 
Wissen und alle Überlegenheit 
der Frau. 
„Der Gast erzählte allerlei, was auch Frau Dorrit interessieren konnte."
        
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