Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 37 
Nr. 5 
2 
DK y r i o x 
enn man den Aufzeichnungen des Abböe Launy 
glauben darf, so war Estrelle de Caulaincourt eine der 
hübschesten Frauen im Paris Ludwigs des Sechs 
zehnten. Daß sie uns heute kaum noch bekannt 
ist, mag seinen Grund darin haben, daß sie trotz aller 
Abenteuer eine gewisse Beschaulichkeit des Daseins er 
strebte. Sie hielt sich, so weit irgend angängig, vom Trubel 
des Hofes fern und spielte infolgedessen bei den zahl 
losen Liebesintrigen und Skandälchen um Marie-Antoinette, 
niemals eine erhebliche Rolle. Tochter eines kleinen Land 
edelmannes aus der Pikardie — wo bekanntlich damals die 
schönsten Französinnen herkamen — war sie früh verwaist und 
hatte ihr bescheidenes väterliches Vermögen als Anlagekapital 
zur Bestreitung der Betriebsspesen, um sich zu lancieren, be 
nutzt und zwar mit so gutem Erfolge und in Verbindung mit 
so schlauer Taktik, daß der damals achtundsechzigjährige Graf 
Caulaincourt sie heiratete, ohne daß sie vorher mehr aß unbe 
dingt nötig Liebschaften aus pekuniärem Interesse gehabt 
hätte. Obendrein tat ihr der alte Graf den Gefallen, nach 
kaum einjähriger Ehe das Zeitliche zu segnen und ihr sein 
beträchtliches Vermögen zu hinterlassen. Damals, als dies im 
Jahre 1785 geschah, war sie erst zwanzig Jahre alt. Und seit 
dem lebte sie in ihrem entzückenden kleinen Hotel, nahe dem 
Palais Royal, stets bedacht, ihr Leben zu genießen, aber in 
möglichster Freiheit und unabhängig von drückenden gesell 
schaftlichen Pflichten. Denn so ganz konnte sie das ehemalige 
pikardische Landfräulein wohl nie verleugnen. 
Die Sturmzeichen der drohenden Revolution hatten sie wenig 
bekümmert. Sie wählte ihre Liebhaber mit Umsicht und Ge 
schmack, und hatte das Glück, von groben Enttäuschungen 
der Liebe verschont zu bleiben, da ihr praktischer Sinn immer 
den Schlußstrich zu ziehen wußte, wenn es Zeit war. Gerade 
am Tage des Bastillesturmes, am 14. Juli 1789 also, hatte sie 
ihr seit einigen Stunden freies Herz wieder einmal verschenkt 
Die Volksmassen hatten auch ihre sonst so stille Wohnstraße 
durchzogen. Estrelle stand am Fenster und blickte gleichmütig 
und ziemlich verständnislos auf den noch harmlosen Tumult, 
als sie den Anführer der größten Rotte erblickte, der ihr 
nicht übel gefiel. Man sah ihm sogleich eine gute Herkunft 
an; auch überragte er das hinter ihm schreitende Volk fast 
um Haupteslänge und besonders hatten es ihr die langen 
braunen Locken angetan, die der Unbekannte, ganz wider die 
damalige Mode, frei und ungepudert flattern Heß. Sie hatte 
ihren, in diesen Dingen geschulten, Haushofmeister dem 
Fremdling nachgeschickt, mit dem Aufträge, denselben zu ihr 
zu führen. Und der Bediente hat den delikaten Auftrag so 
trefflich erledigt, daß Estrelle den Chevalier de St. Cavain 
—■ denn so hieß der Jüngling — schon nach zwölf Stunden 
zum Souper bei sich sah. 
Am anderen Morgen, als beide ihre Schokolade einnahmen, 
wußte Estrelle natürlich den gesamten Lebenslauf ihres neuen 
Geliebten. Nicht nur aus dessen eigenem Munde, sondern sie 
hatte als vorsichtige Frau, schon kurz nach Sonnenaufgang, 
während der Chevalier noch in süßen Träumen neben ihr lag, 
auf kurze Zeit ihr Lager verlassen und ihren vertrauten Hof 
meister ausgeschickt, zwecks Nachprüfung des vom Chevalier 
Angegebenen und zu dessen etwaiger Ergänzung. Auf diese 
Art hatte sie erfahren, daß St.-Cavain bis vor kurzem als 
armer Edelmann Lieutenant in einem der Linienregimenter 
ewesen war, die man zur Dämpfung der Unruhen und zum 
chutze der eben eröffneten Nationalversammlung in Paris 
versammelt hatte. Der Chevalier war einer der ersten, wenigen 
Adligen gewesen, die sich, weil sie nichts zu verlieren und 
höchstens zu gewinnen hatten, von vornherein der Volksbe 
wegung rückhaltlos in die Arme geworfen hatten. So war es 
ekommen, daß er an der Spitze des Volkshaufens in Paris 
emmgezogen war und sein Name als einer der Führer beim 
Bastillesturme in allen revolutionären Klubs widerhallte. 
Estrelle machte sich über diese etwas befremdlichen Eska 
paden ihres neuen Freundes wenig Kopfzerbrechen. Die ganze 
„Revolutionsspielerei“, die sie doch bald beendet wähnte, war 
ihr gleichgültig. Im übrigen mochte der hübsche Junge selbst 
sehen, wie und auf welche Weise er außerhalb ihres Hauses 
sein Glück machte. Außer im Liebesspiel den Männern gute 
Ratschläge zu geben, oder für ihre Fortschritte zu sorgen, ent 
sprach nicht ihren Prinzipien. 
St. Cavain schien damit auch völlig einverstanden. Er teilte 
seine Zeit geschickt zwischen seiner Geliebten und der Politik 
und sprach im übrigen überhaupt wenig. Er ließ sich das gute 
Essen und Trinken, dazu die Liebe Estrelles vortrefflich mun 
den und blieb immer gleich höflich und zuvorkommend in 
jeder Beziehung. Nur manchmal redete er von den Stürmen, 
die draußen Paris durchtobten und deutete die Rolle an, die 
er als Führer des Volkes noch zu spielen gedachte. Dann glühte 
sein Auge, wurde er — auf Augenblicke nur — heftig. In 
solchen Momenten war es Estrelle unheimlich, und sie dachte 
mit Schrecken an Dinge, die noch kommen konnten. 
Eines Tages, kurz nach dem Sturze des Königtums, der 
Estrelle übrigens sehr gleichgültig ließ, da sie den „guten, 
dicken König“ kaum dreimal gesprochen hatte, begann das 
Revolutionstribunal die ersten Adligen zu verhaften. Estrelle, 
gänzlich eingesponnen in ihren Liebestraum, hatte zufällig da 
von erfahren, ebenso wie von der Guillotine, oder Louisette, 
wie man sie anfangs nannte, die gerade in diesen Tagen die 
erste Probe für ihre Brauchbarkeit abgelegt hatte. In unbe 
stimmtem Angstgefühl suchte sie tröstende Worte zu hören 
und fragte den neben ihr nachdenklich am Kamin sitzenden 
Chevalier, ob er wohl glaube, daß auch sie, die sich niemals 
um Politik gekümmert habe, wenn es so weiter gehe, mit dieser 
gräßlichen Maschine Bekanntschaft schließen könnte. St.-Ca 
vain antwortete ziemlich kühl, wie er bei gewöhnlicher Kon 
versation immer war, daß er nicht annehme, daß die Revolu 
tion noch solch maßlose Formen annehmen werde. Aber 
immerhin, möge Estrelle sich trösten; wolle es das Geschick 
dennoch so, würde sie keinesfalls ohne seine Liebe sterben. 
Stünde sie jemals auf dem Schafott, so würde er neben 
ihr stehen. Nie würde er sie allein sterben lassen, und ein 
letzter Kuß von seinen Lippen sei ihr gewiß! Estrelle war ge 
rührt von so viel Opfermut und Edelsinn und liebkoste ihren 
Chevalier auf das Zärtlichste. 
Wenige Stunden später begegnete St. Cavain dem öffent 
lichen Ankläger Fonquir-Tinville, der ihm mit seinem kalten 
Blick mitteilte, daß man soeben die „Aristokratin Estrelle 
Caulaincourt“ verhafte, und sprach im Davongehen die Hoff 
nung aus, daß sich der „Bürger Cavain“ durch diesen Schick 
salsschlag, den er im Interesse des Staates auf sich nehmen 
müsse, in seinem Eifer für die Sache des Volkes nicht beirren 
lassen werde. St. Cavain, auf das entsetzlichste erschüttert und 
unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, eilte zum Hause 
der Freundin, wo er gerade ankam, als die Gendarmen Estrelle 
davonführten. Ehe diese den Zuchthauswagen bestieg, sah sie 
St. Cavain und hatte noch gerade Zeit, ihm, den sie inmitten 
des gaffenden Volkshaufens erblickte, die Worte zuzurufen: 
„Gedenke deines Schwures!“ 
Dann rollte der Wagen davon. 
Halb besinnungslos vor Aufregung, eilte der Chevalier zu 
den Gewaltigen des Revolutionstribunals und des Sicherheits 
ausschusses, um das Haupt Estrelles zu retten. Aber überall 
begegnete er schroffer Ablehnung. Einige bemerkten zynisch, 
daß man diese Hinrichtung geradezu als Prüfstein für die Echt 
heit seiner revolutionären Gesinnung betrachte, denn zu oft 
habe man mit ehemaligen Adligen die schlechtesten Erfah 
rungen gemacht. Endlich lief St. Cavain zu Robespierre selber, 
entschlossen, es auf das Äußerste ankommen zu lassen, und, 
wenn er Estrelle schon nicht retten konnte, seinem Schwur 
gemäß, mit ihr auf das Schafott zu steigen. 
Robespierre empfing ihn kühl, lobte von vornherein die wahr 
haft antike Seelenstärke, die der „Bürger Cavain“ bis jetzt 
bewiesen habe und breitete ein Dekret vor ihm aus, durch 
das Cavain zum Divisionsgeneral der Nordarmee ernannt 
wurde. Die Republik wisse jeden nach Verdienst zu belohnen; 
die höchsten Stellen stünden dem sich selbst verleugnenden 
Staatsbürger offen; er gratulierte ihm zum Erfolge und ent 
ließ ihn. 
Da erwachte St. Cavain wie aus einem Traume. Er ging ein 
paar Straßen, sprach mit sich selbst, drehte das Ernennungs-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.