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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 37 
12 
Diskrete Indiskretionen 
WALTER KÖRTING 
uch“, machte Frau Lola, blickte schief 
aus ein ganz, ganz klein wenig mar 
kierten Augen und drückte ihr zartes, 
ein feines Duftwölkchen verbreitendes 
Tränentüchlein auf die glühenden 
Lippen. Dann ließ sie ein dünnes 
Seufzerchen hören und schmiegte ihre 
fleischfarben bestrumpften, sanft an 
schwellenden Beine in energischer, 
doch kätzchenhaft-graziöser Bewegung übereinander. 
„Du siehst mich ja an, Egbert, wie wie “ 
Sie dachte an den letzten Sensationsfilm und seinen 
Helden. Als ihr der Name nicht einfiel, entschloß sie 
sich, die entstehende Pause durch einen weiteren 
melodischen Seufzer auszufüllen. Dabei zupfte sie an 
ihrem kurzen, die molligen Schenkel faltenlos um 
spannenden Röckchen, so daß die Rundlichkeiten ihrer 
Waden plastisch hervortraten und zwischen ihren 
Knien etwas Seidiges grün aufblühte. 
Herr Dr. Braunstein sah das nicht. Er war es nicht 
gewohnt, derartige Dinge an seinem legitim angtrauten 
Weibe zu sehen. Nur andeutungsweise lächelte er sein 
hundeschnäuzdges Kritikerlächeln, um prononziert 
näseld fortzufahren: 
„Wir sind also entschlossen, liebe Lola, — bom 
bastisch gesprochen — das Joch der Ehe abzuschütteln. 
Wir gehen also endlich einmal vollkommen konform. 
Wir haben beide, bitte bei—de nach dieser 
Zeit der ersten längeren Trennung die Überzeugung 
gewonnen, daß das künftige Zusammenleben uns zur 
gesteigerten Qual werden würde, daß das Wissen, an 
einandergekettet zu sein, die Gleichgültigkeit zur — “ 
„Jaja, jawohl, Egbert.“ 
„Unterbrich mich doch nicht, liebe Lola. Ich muß 
wirklich dringend bitten “ 
„Entschuldige nur!“ 
Frau Lola lehnte sich indigniert zurück, zückte 
aus ihrem Handtäschchen ein blitzendes Spieglein, um 
sich mit Hingabe der kosmetischen Behandlung ihrer 
Lippen zu widmen, während ihr Gatte pikierten Tones 
fortfuhr: 
„Ich sage daß die Gleichkültigkeit sich zur 
Abneigung, zum — Haß verstärken würde. Jeder Tag 
fernerer Gemeinsamkeit würde somit jawohl, eine 
Strafe bedeuten.“ 
„Ja, Egbert, das ist auch meine feste Überzeugung“, 
nickte sie und ließ ihre rosig polierten Nägel blitzen. 
„Wir beschließen also auseinanderzugehen, Schluß zu 
machen, endgültig, ein für allemal — “ 
„Ja, Egbert.“ 
„Schön. Sehr schön! Ausgezeichnet!!“ 
„Und das Fazit, Lola? Das Endergebnis dieser unserer 
dreijährigen Ehe, Lola?“ 
Frau Lola prüfte mit seitlich gelegtem Köpfchen den 
graziösen Schwung ihrer Louis XV.-Absätze. 
„O, ich suche nicht nach einer Schuld“, schnarrte die 
Stimme ihres Ehegemals weiter. „Es liegt mir fern, nach 
den Gründen zu forschen, weshalb das eheliche Zu 
sammenleben zu einem Nebeneinander- nein, einem 
ausgesprochenen Gegeneinanderleben äh — — 
ausarten mußte. Wozu? Wir stehen vor einem fait 
accompli.“ 
Frau Lola hielt es für richtig, ihre Nasenflügel wie 
in unterdrückter Erregung leise erbeben zu lassen — es 
machte sich ausgezeichnet, sie hatte das ausprobiert — 
und einen rätselvollen Blaublick zu versenden. 
„Tja, die Schuld? Wer soll die Schuld tragen? 
Ich etwa?“ Ihre Stimme hob sich zu anklagendem Dis 
kant. Dann fuhr sie eine Terze tiefer fort: 
„Wir haben uns eben nichts mehr zu sagen, wir sind 
uns ganz einfach über, Egbert.“ 
„Meinst du? Ist das nun das unausbleibliche Schick 
sal jeder Ehe, ist die Ehe wirklich, wie man so schön 
gesagt hat, das Grab der Liebe?“ 
„Ich weiß es nicht.“ 
„Hat es dir denn an geistiger Anregung gefehlt, 
Lola?“ 
„Nein, nein, Egbert. Allerdings — glaube ich, 
du warst etwas zu nüchtern?“ — Er sah etwas 
hilflos aus, starrte in die Luft, bis er ihr Gesicht fand. 
„Ich glaube, Lola, weil die geistige Gemeinschaft 
zwischen uns fehlte, weil uns das Gefühl der inneren 
Verbundenheit abging, deshalb wurden wir uns gleich 
gültig, wurden wir uns fremd, deshalb starb unsere 
Liebe.“ 
„Sollte ich mich in die Probleme der Hans-Sachs- 
Bühne, in die Monologtechnik im Drama des 17. Jahr 
hunderts oder in die Ästhetik der Bühnenkunst in der 
Zeit Shakespeares vertiefen?“ 
„Wenn du aber bewußt auf eine geistige Gemeinschaft 
verzichtetest, worauf wolltest du dann unsere Ehe auf 
bauen?“ 
„O — — — — “, sie ließ das O vibrierend ver 
klingen und schloß die Augen, als wolle sie die Schön 
heit dieses runden, vollen, tönenden O restlos aus 
kosten, „o, es gab eine Zeit, da empfandest du anders, 
da konntest du anders sprechen da 
du warst ein Dichter, Egbert “ 
Seine Finger trommelten nervös in der Luft, während 
Frau Lola sich mit einem neuen seufzenden O erhob 
und dem Vorhang Zuschrift, der das eheliche Schlaf- 
gemach von dem behaglichen Wohnraum abtrennte. 
Sie hatte den Vorhang zurückgezogen, die Ampel ein 
geschaltet und liebkoste die Kissen auf dem Diwan. 
Sie Heß sich in die Kissen sinken, blickte verloren 
in das rötliche Dämmerlicht und schien die Unterhaltung 
mit sich selbst fortsetzen zu wollen. 
„Was erhoffte ich alles, damals — — — vor drei 
Jahren — “ 
Ihre Glieder schienen sich zu lösen. Ihr Rock straffte 
sich, so daß die Linien ihres Leibes sich abzeichneten. 
Rund und schlank und licht wuchsen ihre Beine aus dem 
dunklen Rock hervor. Seine Augen weiteten sich. 
„Hach ja — — — damals — —“ wiederholte sie. 
„Egbert, du bist eine völlig kühle Natur. Du 
bist frigid.“ Das klang sachlich. 
„Du kennst mich nicht, Lola.“ 
Frau Lola begnügte sich, sehr maliziös auszusehen. 
„Ich sage, du kennst mich nicht, weißt nicht, daß ich 
bacchantische Feste feiern möchte, daß ich bisweilen 
dürste nach ausschweifenden Genüssen, daß 
aber lassen wir das.“ 
„O du du Schlimmer. Sieh mal an —“ 
Sie warf bequem die Beine übereinander und wippte 
lächelnd mit ihrem seidenbeschuhten Füßchen. 
Seine Blicke umklammerten ihre Waden und Knie. 
„Ja. Du wirst dich nach diesem Geständnis vielleicht 
wundern, wie ich so ruhig und kühl erscheinen konnte? 
— Siehst du, schon Brantome “ 
„Brantome! Brantome!! Was geht mich der Name an. 
Siehst du, Egbert, das ist es ja eben “ 
„Hör nur zu, Lola! Schon dieser alte Roue und Kenner 
der Liebe meint, es sei äußerst bedenklich, die eigene 
Frau in den Künsten der Kokotten zu unterweisen, 
weil weil du hast aber ebenfalls nie
        
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