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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 37 
Jafirg. 27 
11 
etwas passiert, was offenbar tiefer an Lothars flatter 
hafter Seele rührte. 
Es kam zu schweren Auftritten. Frau Erika stand in 
den Jahren, da die Frau, kurz vor dem Herbst ihres 
Weibtums, noch einmal intensiv alle Wonnen der Liebe 
auskosten will, und Lothar war von seiner neuen Liebe 
so in Anspruch genommen, daß er es trotz des besten 
Willens nicht fertig brachte, Erika als Liebhaber zu ge 
nügen. Es ist bereits gewissenhaft darauf hingewiesen 
worden, daß Erika aus einer Familie stammte, in der 
das Wort etepetete groß geschrieben wird. So konnte 
sie also keine Ablenkung darin finden, ihrem Mann mit 
gleicher Münze heimzuzahlen. Sie hatte ein paar ältere, 
rein platonische Freunde, antändige, gebildete Men 
schen, gespickt mit tausend ethischen Hemmungen, 
und so war es kein Wunder, daß sie endlich explodierte. 
Lothar hatte indessen eine eigene Wohnung bezogen; 
er könne es in der Familienenge nicht mehr aushalten, 
erklärte er, wenn nicht seine schriftstellerische Pro 
duktion darunter leiden sollte, von der doch schließlich 
die Familie lebte. 
Nun begann ein schwerer Kampf für ihn. Er betrog 
Erika mit seiner neuen Geliebten, weil er das Mädel 
wirklich gern hatte, und er betrog Lotte mit seiner 
früheren Frau, weil er aus materiellen Gründen das 
endgültige Auseinandergehen fürchtete und weil Frau 
Erika wiederholt geäußert hatte, sie werde der dummen 
Pute, dem Fräulein Tüftenpott, das Lebenslicht aus 
blasen. Lothar erinnerte sich mit Schrecken einiger 
Vorkommnisse aus früheren Zeiten. 
Es ist bereits gebührend darauf hingewiesen worden, 
daß Lothar die Bequemlichkeit liebte. Er legte keinen 
Wert darauf, die Gewissensbisse auf sich zu laden, daß 
Erika sich seinetwegen aus dieser herrlichsten, aller 
Welten verflüchtigte; ebenso wenig hatte er Neigung, 
sich umbringen zu lassen, und dadurch von seinem 
Lottchen getrennt zu werden. Außerdem war es immer 
schwieriger geworden, die Eifersucht beider Frauen zu 
bannen. So verfiel er auf einen guten Ausweg. 
Er lernte im Kaffee des Westens einen Herrn kennen, 
der die deutsche Sprache mit derselben Virtuosität be 
herrschte, wie eine Aufwartefrau die indische Philo-, 
sophie. Aber der Mann war immens reich und wollte 
brennend gern in die deutsche Literatur. So schrieb 
Loihar für ihn zwei rührende Kitschromane und bekam 
dafür und für sein Schweigen eine erhebliche. Geld 
summe, die er dazu verwandte, sich angeblich zu 
Studienzwecken in eine Schweizer Universitätsstadt 
zurückzuziehen. Er schickte seiner Familie genügend 
Geld zum Lebensunterhalt und ließ sich heimlich seine 
Lotte nachkommen, die er dann vom Fleck weg 
heiratete. 
Er lebte sehr glücklich mit der jungen Frau, weil sie 
an ihn glaubte, und er brauchte nach den deprimieren 
den Jahren so ein bißchen Beweihräucherung. Aber er 
hatte eine Mordsangst, daß eines wenig schönen Tages 
die Bombe seiner Doppelexistenz platzen könnte. 
An einem Abend, da der Föhnwind über die Berge 
heulte, was ihm stets schweres körperliches und see 
lisches Unbehagen verursachte, nahm er dem Postboten 
noch rechtzeitig auf der Straße ein Telegramm ab, in 
dem Frau Erika für den nächsten Tag ihre Ankunft 
anzeigte, um wichtige Dinge mit ihm zu besprechen. 
Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, und Lotte, 
die durch den Föhn heftig aufgerüttelt war, hatte alle 
Ursache, mit ihrem Gatten in gewisser Beziehung sehr 
unzufrieden zu sein. Am andern Morgen ging er 
unter einem Vorwand zur Bahn und holte Erika ab. 
Er hatte schon ein Zimmer im Hotel bestellt und ent 
schuldigte sich, daß er sie nicht mit in seine Wohnung 
nehmen könnte; doch seine Räume seien zu klein. Zu 
seinem größten Erstaunen und zu seiner nicht geringen 
Erleichterung war Erika durchaus damit einverstanden. 
„Ich hätte ohnehin nicht mit dir gehen können“, er 
klärte sie. 
PORTRÄT 
HANS BETHGE 
Verßußlt sind deine ßagern, von den Küssen 
Zerwühlter Näcßte unrußvoffen Schultern; 
Dein Mund, schmaß wie ein Schwertstich, rot wie Bfut, 
Spricht von Verbrechen, aßer du bist schön. 
Wie Antifopen, die sich müdgeßetzt 
Hinfagern, noch das Glücß des Rennens in 
Den ßofd ermatteten Gefenßen; schön. 
Daß man in eines Marmorßifdes Antlitz 
— Denn auch so bleich bist du — zu starren meint. 
Und zitternd steß ich, liegt dein dunßles Aug’ 
Auf meiner Stirn. 
Dein Hals und deine Hand sind naß verwandt: 
Schlanß, sehr ermüdet; aßer manchmal bäumt 
Ein Zudien prachtvoll sie empor! Dein Haar 
Hocßt im Genieß wie eine braune Katze, 
Und um die Nase zittert’s wie ein Duft 
Sündhaft verschwommener Träume. Selig, doch 
Zu meinem Heil mit freiem Aug’ ßlicß ich 
Das sehnige Spielen deiner Glieder an 
Und deine Brüste mit dem dünnen Blut, 
Und wie du dalehnst, Schatten um das Aug’, 
Verderbt bis in die Spitzen deines Haars! 
Im Hotel kam dann die Beichte. Sie hatte einen’ 
ihrer früheren Freunde wieder getroffen, einen älteren, 
sehr gut situierten Herrn, der ihr einen Heiratsantrag 
gemacht hätte. Und sie wollte es noch einmal ver 
suchen, nachdem der erste Versuch in der Ehe ein so 
wenig befriedigendes Ende genommen. Ihr Entschluß 
sei unwiderruflich, die Hochzeit sei bereits festgesetzt, 
aber sie halte es für eine Pflicht der Loyalität, Lothar 
persönlich davon in Kenntnis zu setzen. Er hätte ja 
ohnehin von seiner Freiheit genügend Gebrauch ge 
macht. 
Lothar hörte zu, und es kam ihm vor, als sei Erika 
noch keineswegs die schlechteste aller Frauen. Aber 
nun gab es kein Zurück, denn er war ja bereits ander 
weitig fest genug gebunden. Allein jetzt erschien ihm 
wieder Erika als begehrenswert, nun sie einen anderen 
erwählt, und er fand, daß seine junge Frau sich 
höchstens dadurch von Erika unterschied, daß sie nicht 
zu wirtschaften verstand und ihn um manche liebge 
wordene Bequemlichkeit brachte. 
Er war sehr bedrückt und überlegte eine zeitlang, 
dann bat er Erika inständig, nur ein einziges Mal heute 
nachmittag zu ihm zum Tee zu kommen, ging nach 
Hause, schickte seine Frau auf eine längere Besorgung 
fort und packte die nötigsten Sachen. Dann hob er den 
größten Teil seines Bankkontos ab und stieg in den 
nächsten Schnellzug nach Genua. 
Am Nachmittag nahm Frau Erika ihren Weg nach 
der bezeichneten Adresse. Sie war nicht wenig er 
staunt, dort ihre frühere Nebenbuhlerin anzutreffen. 
Was zwischen den beiden Frauen verhandelt wurde, 
als sie tagelang auf den Ausreißer warteten, entzieht 
sich der Kenntnis des gewissenhaften Chronisten. Aber 
zum Schluß zogen sie gemeinsam in die Heimat zurück. 
Die beiden Frauen warten immer noch auf ihn, äußer 
lich friedlich, innerlich von Eifersucht aufgezehrt. 
Lothar selbst ist momentan in Osttibet im Spezial 
auftrag einer amerikanischen Zeitung; er will von den 
Frauen im allgemeinen und im besonderen nichts wissen. 
Er hat auch keine Lust, in das monogame Europa 
zurückzukehren, bevor er nicht ein Alter erreicht hat, 
in dem Ehefragen aus physiologischen Gründen über 
haupt nicht mehr in Betracht kommen
        
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