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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 37 
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ZWISCHEN ZWEI TRAUEN 
CURT B I GIN G 
er eigentliche Konflikt begann erst, als 
die beiden geschieden waren und somit 
in den Augen der Welt kein Grund für 
Differenzen mehr vorlag, Aber diese 
beiden Menschen hatten schon immer 
ihre Eigenheiten gehabt, und so war es 
keineswegs verwunderlich, daß auch 
^ihre Ehe in reichlich merkwürdigen 
Bahnen verlief. Nicht, daß sie sich 
nicht gern gehabt hätten! Sie hatten sich aus einem 
Gefühl heraus geheiratet, das sie für Liebe hielten, was 
natürlich keineswegs ausschloß, daß sie sich in der Ru 
brizierung ihrer Empfindungen irrten. Aber sie waren 
beide von leidlich gutmütigem Charakter, und so hielt 
die Ehe zur Not. 
Sie liebte ihn bestimmt tiefer als er sie, denn er 
war der erste Mann, der in ihr Leben getreten war. Sie 
stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie, in der 
man noch urgroßväterliche Begriffe von Liebe und Ehe 
mit derselben gedankenlosen Selbstverständlichkeit 
hegte, wie den unvermeidlichen Kanarienvogel. Er da 
gegen, beweglichen Geistes,; immer auf der Suche nach 
neuen Sensationen, die ihm Anregung für sein Schaffen 
als Schriftsteller geben sollten, kannte nach Ablauf der 
Flitterwochen seine Frau auswendig und vermochte in 
ihrem Liebesieben keine neuen Nuancen mehr wach 
zurufen, die ihm noch nicht begegnet wären. 
Natürlich-.ging er zu andern Frauen; es wäre gegen 
Frau Erika ungerecht, zu behaupten, daß die andern 
Frauen, denen sich Lothar zuwandte, schöner oder 
weniger dumm gewesen wären, als die junge Frau. 
Durchaus nicht! Aber säe waren eben anders, und das 
genügte Lothar vollkommen, um sein kleines Sensa 
tionellen zu. haben. 
Im Anfang gab es Szenen. Lothar gehörte zu den 
naiven Männern, die sich einbilden, man könnte einer 
Frau durch Ehrlichkeit imponieren. Erstens ist das 
Verständnis für Ehrlichkeit bei Frauen ohnehin viel 
weniger entwickelt als das Verständnis für Putz, 
Klatsch und Eifersucht, und außerdem kann man wirk 
lich von keiner Frau, die in dem Irrwahn lebt, ihren 
Mann zu lieben, verlangen, daß sie Verständnis auf 
bringt für seine Eskapaden und sich prompt auf den 
schwesterlichen Standpunkt stellt, wenn es ihm einfällt, 
. seine Frau nicht mehr als seine Frau anzusehen, mag 
das auch nur ein paar Tage dauern. 
Lothar befand sich ganz wohl dabei. Er hatte sein 
Vergnügen, kam sich nach der Beichte immer außer 
ordentlich moralisch vor, weil er nichts verheimlicht 
hatte wie er Sich selber einredete und 
empfand außerdem noch den süßen Kitzel des Mär 
tyrertums, wenn Erika ihm laute Vorwürfe machte 
oder ihn tagelang durch verweinte Augen „ärgerte“, 
wie er das auffaßte. 
Inzwischen waren zwei Kinder angekommen, 
außer denen, die nicht angekommen waren. Lothar 
fand von seinen „Ausflügen“ immer wieder den Weg zu 
Madame zurück, und es war ihm wohl selber nicht klar, 
ob das Liebe war oder das Bedürfnis nach häuslicher 
Bequemlichkeit oder die Scheu vor prinzipiellen Aus 
einandersetzungen, die sein Wohlbehagen stören 
konnten. 
Frau Erika hatte sich inzwischen von einem sanften 
Putentum zu den Anschauungen einer reifen Frau 
durchgerungen. Sie war eine tapfere und fleißige 
Lebenskameradin ihres Mannes und gewöhnte sich so 
gar an seine Seitensprünge; sie hatte ein wenig resig 
niert und sah es als die Hauptsache an, daß Lothar 
hinterher immer wieder zu ihr zurückfand. 
Bis die Geschichte mit der Krankenschwester pas 
sierte! Hier verhakte sich Lothar fester, als er selbst 
im Anfang beabsichtigt und geglaubt hatte. Er kam 
schließlich auf die Idee, daß es allein die Fesseln der 
Ehe seien, die ihn biher an einer großen Leistung ge^ 
hindert hätten — — obwohl er gern bereit gewesen 
wäre, sich neue Ketten von der andern anlegen zu 
lassen —, und da tat Frau Erika das gescheiteste, 
was sie tun konnte: sie ging mit Lothar zusammen zum 
Rechtsanwalt und ließ die Ehescheidung einleiten. Es 
ging ganz glatt, Lothar gestand eine kleine Verfehlung 
ein, und eines Tages, als die beiden gar nicht mehr an 
ihre Scheidungsklage dachten, bekamen sie plötzlich 
die Mitteilung, daß sie geschieden seien. Das war ein 
Anlaß zum Feiern, und es wurde sogar eine ganz ver 
gnügte Feier, Die Sache mit der Krankenschwester war 
automatisch, wie das immer mit Lothars Lieben ge 
wesen war, auseinandergegangen —es war merk 
würdig, so intelligent und liebenswürdig er war, er 
hatte nicht das Talent, eine Frau länger als ein oder 
zwei Jahre an sich zu fesseln und die beiden Ehe 
leute waren nach wie vor zusammengeblieben. 
Jetzt, nach der Scheidung, war es vielleicht noch 
besser als vorher; er kam sich nun so recht bohemien 
haft vor, da er mit seiner nicht standesamtlich an 
getranten „Geliebten“ und ihren gemeinsamen Kindern 
zusammenhauste, aber eines schönen Tages kam er auf 
die keineswegs unrichtige Idee, daß er ja jetzt wirklich 
ganz frei sei und dasselbe Recht hätte, seine Geliebte zu 
wechseln wie jeder andere Junggeselle. 
Die Gelegenheit war bald gefunden, zumal Lothar es 
für Aufsässigkeit gegen das Schicksal gehalten hätte, 
solchen Gelegenheiten geflissentlich aus dem Wege zu 
gehen. Die Gelegenheit präsentierte sich ihm in der 
Gestalt der Stenotypistin Charlotte Karoline Anastasia 
Tüftenpott aus Französisch-Buchholz. Sie war jung und 
blond und halbmollig, was man so vollschlank nennt, 
und das genügte vollkommen, Lothar in ähren Bann zu 
ziehen. Frau Erika war sicher hübscher und auch 
blond, aber sie hatte eine etwas sportsmäßige Figur, 
und Lothar fand, daß knabenhafte Schlankheit nur da 
hin gehörte, wo sie von Natur aus angebracht war. 
So begab es sich, daß zwischen Lotte und Lothar Be 
ziehungen zustande kamen, bei denen, wie das so in 
jungen Lieben meist der Fall zu sein pflegt, die Über 
einstimmung sich nicht nur auf die Anfangsbuchstaben 
erstreckte. 
Erika merkte bald, daß Lothar wieder einmal Feuer 
gefangen hatte; sie hatte im Laufe der Jahre einen 
feinen Riecher dafür bekommen. Aber sie war noch 
nicht unruhig, da sie auf Lothars Unbeständigkeit baute, 
der aus einer ihm selbst unerklärlichen Seelenkonsti 
tution heraus immer wieder die Liebesgarnitur wechseln 
müßte. Diesmal jedoch zeigten sich keine Anzeichen 
dafür. Lag es daran, daß Lothar inzwischen das acht 
unddreißigste Lebensjahr erreicht hatte und nun end 
gültig in einen Hafen eänlaufen wollte — — — nur 
natürlich nicht in den alten, das war er seinem Sen 
sationsbedürfnis schuldig, oder lag die Ursache in einer 
irgendwie gearteten besseren Eignung von Fräulein 
Charlotte Karoline Anastasia Tüftenpott — jeden 
falls begann die Liebesangelegenheit der beiden einen 
bedrohlich chronischen Charakter anzunehmen. Als 
Frau Erika das merkte, regte sich in ihr eine lange 
künstlich zurückgedämmte Eifersucht. Sie war fest 
überzeugt gewesen, daß sie als die Geliebte Lothars 
seiner Anhänglichkeit sicherer sein würde, als wenn 
durch das Bewußtsein seiner ehelichen Gebundenheit 
seine Opposition wachgerufen würde, aber diesmal war
        
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