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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 37 
JoBrg. 27 
Draußen ratterte verständnislos schrill die Klingel. 
Und fünf Minuten später trat Bruno unangemeldet 
herein. Er hielt einen großen Strauß köstlicher Rosen 
in seiner Hand. Köstlicher anzusehen war sein ver 
dutztes Gesicht. 
„Guten Morgen, Bruno“, sprach Nina freundlich. 
Die Herren stellten sich einander vor. 
Da kam der gute Bruno zur Besinnung und fragte 
sehr taktlos: 
„Du hast schon so früh Besuch?“ 
„Wie du siehst, ja! Ein guter alter Freund von mir. 
Darf ich dich zu einer Tasse Schokolade auffordern? 
Es wird kalt draußen sein. Die Schokolade ist noch 
warm und wird dir gut tun. Natürlich bleibst du! Wir 
fahren dann zusammen in die Stadt. Bitte, Arved, laß 
doch das Auto Vorfahren! Ich muß doch 
wirklich meinem Bruno ein Andenken 
kaufen. Ja, bester Freund, stehe doch 
nicht so verdattert da! Oh, was für 
schöne Rosen hast du mir mitgebracht. 
Die müssen doch um diese Jahreszeit sehr 
teuer sein! Wie oft habe ich dir gesagt, 
du sollst dich meinetwegen nicht so in 
Unkosten stürzen. Aber nun fix, setz’ 
dich her, die Schokolade wird sonst kalt. 
Siehst du, Arved hat schon das Auto be 
stellt. Wir müssen uns eilen. Du, Arved, 
soll ich das Winterkostüm anziehen, das 
dir so gut gefallen hat, oder den Pelz von 
gestern abend?“ 
„Den Pelz von gestern abend“, entschied Arved. Bruno 
war immer noch verdattert. Er schützte dringende 
Geschäfte vor und wollte sich empfehlen. 
„Wenn Sie es eilig haben, fahren Sie doch mit uns“, 
meinte der Baron freundlich. 
Aber Bruno wehrte ängstlich ab und empfahl sich sehr 
schnell. 
„Er tut mir riesig leid“, meinte Nina. 
„Mir auch“, bemerkte trocken der Baron. 
Da lachten die beiden wieder, wie lustige Kinder, 
und eilten hinaus. 
Arved half Nina mit vielsagender Miene in besagten 
Pelzmantel und bekam bei dieser Gelegenheit einen 
Kuß. Dann fuhren sie im Auto in die Stadt und kauften 
zusammen für Bruno ein Andenken 
Beim Bleigießen 
1750 — 1850 — 1880 
Drei Generationen Neujahrsbriefe 
ALFRED BRIE 
17 50 
An den edlen großmächtigen Herrn 
le Marquis de Hautcastel, 
Herr von Hautcastel und anderen Orten 
auf Schloß Hautcastel. 
Versailles, am 1. Tage des Jenner 
im Jahre des Heils 1750. 
Hochgeehrter Herr und Vater! 
Wie es meine teuerste und heiligste Pflicht ist, greife 
ich an diesem Tage zur Feder, um Ihnen meine er 
gebensten Wünsche zu Füßen zu legen. 
Ich bitte den Himmel, Eure Gesundheit während 
dieses Gnadenjahres 1750 blühend zu erhalten und Ihnen 
noch lange Jahre der Freude und des Glückes zu 
spenden. 
Se. Majestät der König hat gestern, als ich auf Wache 
vor seinem Palais stand, geruht, mich auzusprechen, und 
Se. Majestät sagte, daß er Sie, Herr Vater, stets als 
Freund in gutem Andenken behalte. Der ganze Hof 
war Zeuge dieses Gesprächs. 
Ich danke Ihnen, Herr Vater, für Ihre Freigebigkeit. 
Dank der Pension von Hundert Louis, die Sie mir zu 
überweisen so gütig sind, kann ich hier die Stellung be 
haupten, die ich meinem Namen schulde und ich bin 
besonders erkenntlich für die Pistole die Sie dem letzten 
Quartal beigefügt haben, damit ich das Neujahr feiern 
kann. 
Ich bin Ihr ergebener und gehorsamer Sohn 
Jean de Hautcastel 
Offizier der dragons du roi.
        
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