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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 37 
Jahrg. 27 
6 
Dieses Ja klang aufreizend, herausfordernd und doch 
nicht dimenhaft 
„Das heißt also, daß der Mann, der dieses Pelzwerk 
raubt, die göttliche Schönheit der begehrtesten Frau 
sehen wird.“ 
„Das wird es wohl heißen.“ 
Die weitere Unterhaltung der beiden war seitens der 
verführerischen Frau ein Spielen mit dem Mann, bis die 
Erregung in dem Baron übermächtig wurde und er sich 
nur mühsam noch beherrschte. 
Er wußte, daß unter diesem Pelz eine Nacktheit ver 
borgen war, die lauernd zum Sprung auf die Sinne be 
reit lag, er wußte, daß dieses reizvolle Weib nur auf 
die Minute wartete, in der der Mann in ihm er 
wachte, in der er sie mit brutaler Leidenschaft an 
sich riß. 
Er sah den vollen Arm Ninas und wun 
derte sich, wie sehr der nackte Arm einer 
Frau auf einen Mann wirken kann. Er schalt 
sich einen Narren, eine Wette eingegangen 
zu sein, wo er diese Frau doch nur begehrte 
und nicht anders als begehren konnte. 
Er fühlte, wie dieses lächelnde, junge 
Weib, das sieb, jetzt langsam erhob und 
zum Fenster ging, mehr und mehr Macht über Ä 
ihn gewann. 
Aber da war ihm alles eins. Er trat hinter 
sie. Ihr Haar duftete stark. Er streifte den- 
Pelz ein wenig von ihrer Schulter und sah 
die feste, weiße Brust. 
Sie rührte sich nicht. Lächelte nur. 
Da schlug die Uhr die elfte Stunde. 
Er entriß ihr den Pelz. Sie wehrte 
sich. Bat ihn, sie nicht hier am Fenster 
ohne Mantel zu lassen. 
Aber er hörte nichts mehr. Hart 
packte er ihre Handgelenke. Sie 
schrie leise auf vor Schmerz und 
lachte dennoch in derselben 
Minute. Das war die Gewalt, 
die Rücksichtslosigkeit, die sie 
ersehnt hatte. 
Er warf den Mantel in die 
dunkle Ecke. Der bleiche 
Schimmer von draußen ließ 
ihren Leib aufleuchten in 
silberner Schönheit. 
Er preßte sie an sich. 
Sie schaute ihn lange 
an. Wie kam es nur, 
daß plötzlich die Ko 
ketterie von ihr ge 
wichen war, nun 
sie ihm gegen 
überstand. Wie 
kam es, daß 
ihre Lust, ihn 
besiegt zu 
sehen, auf 
einmal da 
hin war? 
Sie ver 
weilten 
noch 
lange 
in enger 
fester Um 
armung. Sie 
küßten sich 
nicht, sie fan 
den alle Selig 
keit darin, daß 
aneinander 
geschmiegt dem 
Ticken der Uhr 
lauschten. Es mußte 
sehr kalt draußen sein. 
Die Flocken tanzten. 
Wie lustig so ein 
Schneefall war. Wie 
jedes dieser unzähligen 
weißen Bällchen auf das 
andere fiel, als liebten sich 
alle Schneeflocken und 
konnten nicht schnell genug 
sich umarmen. Wie sie in innigster Liebe zusammen 
zerflossen und eine weiße Decke über die Erde breite 
ten, die im Mondlicht glitzerte in tausend heimlichen 
Funken. Die alte Standuhr rief, 
daß eine weitere halbe Stunde in 
seliger Traumverlorenheit ver 
ronnen war. Klang jetzt der Schlag 
nicht voll und süß? — Die Äste 
der Bäume neigten sich unter der 
weißen Last. Und feierliche Stille 
schritt durch die Nacht. Schmeichelnde 
Wärme kam vom Ofen her. — Sie 
schmiegte sich an ihn. Wußte, daß sie 
ihren Meister gefunden hatte, fühlte, wie 
die Kraft, die sie ersehnt, so herrlich in ihm 
lebendig war,wie dieTeufelin in ihr starb und 
nur die lustige, neckische, wirbelige Frau in 
ihr bestehen blieb, die doch auch nur ein 
Herz hatte, das nun ihm gehörte. Er stand 
neben ihr und in seinem Herzen wallte es 
heiß auf. — Wette hin und Wette her, ihn schrieb 
ein innigeres Gefühl vor, jetzt zu verlieren. Er 
küßte sie wild und heiß. Flackernd wachte auch in 
ihr schelmische Bereitschaft auf. Ihre Lippen preß 
ten sich verlangend an seinen Mund. Da nahm er sie 
auf seine Arme und schritt durch das dunkle Zimmer 
dahin, wo durch eine Tür eine rote Ampel rief. 
Die Tür schloß sich. Der Kamin summte einsam sein 
ewiges Lied vom Feuer und malte seine goldenen Kringel 
immerzu auf den Boden. 
Draußen fiel leise und langsam der Schnee. 
Am anderen Morgen glänzte die Wintersonne am 
Geschirr auf dem Frühstückstisch. 
Zwei Menschen saßen daran und hatten einen be- 
staunenswerten Appetit. 
„Der Herr Baron haben die Wette verloren“, lächelte 
Nina und sah ihr Gegenüber herausfordernd an. 
„Wie konnte ich mit der Absicht zu dir kommen“, 
meinte der Mann und biß in das duftende Brötchen, 
„wie konnte ich kommen“, 
Als gebildeter Mensch sprach er mit vollem Munde 
nicht weiter. 
Die junge Frau aber war neugierig geworden. 
„Wie konnte ich mit der Absicht zu dir kommen, zu 
gewinnen? Hätte ich mich nicht selbst der schönsten 
Stunden beraubt? Und wenn ich gesiegt hätte, wie stolz 
wäre ich auf getreten. Die anderen Männer hätten das 
gemerkt und du wärst ihnen nicht mehr so liebenswert 
erschienen.“ 
„Dachte ich mir’s doch“, lachte Nina, „daß du wieder 
ungezogen sein vürdest.“ 
Sie sprang auf und eilte zu ihm, setzte sich auf seinen 
Schoß. Arved wischte sich mit der Serviette bedächtig 
den Mund und küßte sie.
        
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