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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 36 
Jahra 27 
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einem Sachwalter, einem furchtsam und bequem ver 
anlagten alten Herrn verwaltet wurde. 
Der neue Besitzer hauste dort ganz allein mit seinem 
Diener Genetto, hatte aber nicht versäumt, sich dem 
Präfekten von Rom persönlich als der Arzt und Privat 
gelehrte der Chemie Dr. Godino di Santa Croce vor 
zustellen. 
Seit dies geschehen, lebte er vollkommen zurückge 
zogen seinen Studien, übte auch seine ärztliche Kunst 
nur in seltensten Fällen und dann immer an Armen und 
vollkommen unentgeltlich aus, jedesmal aber mit 
großem Erfolg. Vielleicht, daß er nur solche Fälle über 
nahm, in denen er seines Erfolges gewiß war, jeden 
falls aber waren es derartige, bei denen andere Ärzte 
sich vergebens versucht hatten. Es dauerte nicht lange 
und auch der geheimnisvolle Dr. Godino wurde mit 
dem Nimbus des Wunderbaren umgeben. 
Margerita Granvillardo hatte kaum von ihm gehört 
und jedenfalls den Namen nicht beachtet und ahnte 
nicht, daß hinter diesem Dr. Godino sich niemand 
anders verbarg, als der Marchese Santa Croce. 
Margerita Granvillardo war eine vollendete Weltdame 
geworden und der Liebling von Rom. Noch immer hatte 
sie die zarte, feine Mädchengestalt und auf dem blassen 
Gesicht lag immer das bezaubernde Lächeln. Und in 
die Bewunderung, die man ihr zollte, in die Liebe, die 
ihr alle Welt, von den Bettlern in den Armenhäusern, 
die sie allwöchentlich besuchte und für deren jeden sie 
nicht nur ein Gabe, sondern ein gutes Wort hatte, bis 
zu den ersten Kreisen der päpstlichen Gesellschaft ent 
gegenbrachte, mischte sich ein leises Bedauern. 
Kein Geheimnis war es, daß der Graf Granvillardo 
ihrer nicht wert war. Böse Blicke trafen ihn oft, wenn 
er mit seinem müden Gesicht, das von nächtlichen 
Orgien zeugte, an ihrer Seite dahinschritt, und man be 
wunderte Margerita. 
War es möglich, daß sie in ihrer kindlichen Reinheit 
von alledem nichts ahnte? Nicht wußte, daß der Graf 
des nachts an den Spieltischen saß und seine Beziehun 
gen zu seiner früheren Maitresse ganz offenkundig 
fortsetzte? 
Mehr als einmal hatte der eine oder der andere sich 
vorgenommen, ihr die Augen zu öffnen, aber verständ 
nislos lächelte sie den Warner an. 
„Bitte, nichts Schlechtes von meinem Mann, ich bin 
ja so glücklich!“ 
Dann brachte es niemand über das Herz, weiter zu 
sprechen. Wohl aber sah man oft, daß sie ihm, wenn 
er müde und mürrisch dasaß, während sie bei den 
rauschenden Festen, die jetzt die beginnende „Saison“ 
einleiteten, fröhlich tanzte, mit ihrer kleinen Hand über 
die Stirn strich und ein freundliches Wort flüsterte. 
Kardinal Gampolla schien sie väterlich gern zu haben. , 
„Eine kleine Heilige ist sie! Ganz Rom liegt zu ihren 
Füßen und umschwärmt ist sie, wie die Sonne von 
ihren Trabanten umschwärmt wird. Für jeden ein 
Lächeln, für jeden ein Wort, aber in keiner Sekunde 
verleugnet sie die Dame, und nicht einer der Vielen, die 
bereit wären, ihr Leben um eine Liebesstunde zu opfern, 
kann sich eines Erfolges rühmen! Und dabei liebte sie 
diesen Mann, der — obgleich er mein Neffe —“ 
Es war in der letzten Zeit oftmals geschehen, daß der 
Kardinal den Grafen zu sich beschieden und ihm ernst 
in das Gewissen geredet. 
„Die lächelnde Heilige“, nannte man die junge Gräfin. 
Freilich, daß diese glückliche Ehe nichts war, als eine 
hohle Komödie, das ahnten sogar die nächsten Freunde 
des Hauses nicht. 
An den Tagen, die der Hochzeit folgten, hatte Marge 
rita an wilden Stimmungen gelitten. Aber eine unglaub 
liche Selbstbeherrschung war ihr gegeben. Wohl 
wunderte sich die Dienerschaft, wenn sie Fetzen in 
blinder Wut zerrissener Tücher oder Scherben zer 
schlagener Geräte fand. Neugierig suchten sie zu 
lauschen, aber stets war sie gleichmäßig freundlich, 
wenn sie aus ihrem Zimmer trat und nie war auf diesen 
regelmäßigen, kindlich weichen Zügen das geringste 
Anzeichen der Ausbrüche wilder Leidenschaft zu sehen, 
die sich hinter verschlossenen Türen abspielten. Eine 
Komödie ihr ganzes Leben. War der Graf des Abends 
daheim, ging sie, an ihn geschmiegt, bis zur Flucht der 
gemeinsamen, nur durch den Ankleideraum getrennten 
Schlafzimmer. Dann ging er stillschweigend mit kurzem 
Neigen des Hauptes in sein Gemach und sie in das 
ihre. Sogar die Farce des Handkusses hatte sie ihm ge 
weigert. Noch immer war an der Tür kein Riegel. Selbst 
wenn den Grafen einmal ein Rausch nach der Schönheit 
seines jungen Weibes überkommen hätte, der offenbare 
Spott, die Eiskälte, die aus ihren Blicken strömte, so 
bald sie allein waren, tötete solche Wünsche. 
Graf Granvillardo hatte sich in seiner leichtsinnigen 
Art rasch gefaßt. Auch das Gefühl der Scham war ver 
schwunden, und was er an Liebe zu empfinden ver 
mochte, gehörte jener Maitresse, der er seine Gesundheit 
geopfert. Wenn sie des Abends auseinandergegangen, 
öffnete sich gewöhnlich bald ein geheimes Pförtchen, das 
aus des Grafen Zimmer in eine Hintergasse führte und 
Während ein greller Blitz vor den Fenstern aufleuchtete, nahm er den Leuchter 
und betrat ein Zimmer zur ebenen Erde. 
er verließ ungesehen das Haus. Dann aber kamen die 
schwülen, heißen Sommernächte, in denen Margerita, 
jetzt jeden Zwanges ledig, * sich in den Kissen ihres 
Lagers wälzte, ihr heißes Blut aufwallte und sie sich in 
sehnender, brünstiger Liebe verzehrte nach dem 
Marchese von Santa Croce, von dem sie nichts mehr 
gehört. 
Auch eine eiserne Gesundheit besaß die junge Gräfin, 
denn auch nach solchen in Qualen unbefriedigter Glut 
verbrachten Nächten trat siemit blühendem,lächelndem 
Antlitz am Morgen aus ihrem Zimmer. 
Es war eine Sturmnacht. Ein heftiges Gewitter war 
niedergegangen, und während der Wind heulte, goß 
strömender Regen aus den Wolken. In ihre Mäntel 
gehüllt schritten nebeneinander zwei Männer durch die 
nächtliche Straße, während im Osten über den Hügeln 
Roms die junge Sonne vergebens gegen die düsteren 
Wolken kämpfte. Aus einer verrufenen Schenke waren 
die beiden gekommen, in der tagsüber nur niedrigstes 
Volk verkehrte, in deren verborgenem Hinterstübchen 
aber zu nächtlicher Stunde Kavaliere am Spieltisch 
saßen. Stumm gingen die beiden nebeneinander bis in 
das Innere der Stadt. Dann blieb der eine von ihnen 
stehen.
        
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