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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr, 36 
JaArg. 27 
Die weiße Taube 
ALFRED BRIE 
ieber Freund, du weißt, daß ich gezwungen 
war, vor fünf Wochen meinen alten Haus 
arzt aufzusuchen. Er empfing mich mit 
der bei ihm üblichen Grobheit: Faules 
Mark in den Knochen, mein Lieber, kapute 
Nerven. Ja, ja, die kleinen Mädchen, der 
Wein, und zum Schluß Neurasthenie, 
dumpfer Druck im Kopfe, Lenden- und 
Magenschmerzen. Was? Ein stetes Ge 
fühl von Trägheit und Schwäche? Jod, Bäder und Diät, 
auch in der Liebe. Zwei Monate an der See, dazu ein 
anständiger Flirt mit einer weißen Taube — aber an 
ständig — und als Schlußapotheose Hochzeit. Gehen Sie 
an die See! Dort werden Sie keine Gelegenheit zu 
Dummheiten haben und sicher eine weiße Taube finden. 
Nächstes Jahr können Sie mich dann als Pate ein- 
laden. 
Und ich ging wirklich an die See. — Da oben in 
Mecklenburg. Ich war anfangs nicht sehr entzückt. Das 
Jod und . . .. das übrige. Na, man konnte ja schließlich 
unter den Provinzgänschen wählen. ..Und doch, mein 
Lieber — auch ich habe angebissen, auch ich habe hier 
mein Ideal gefunden, das ich anbete wie ein Gymnasiast. 
Fräulein Marie Wolter — ein Name, der garnichts sagt, 
aber zwei so süße blaue Augen hat — und Haare, eine 
Flut bis zu den Fersen, und die Fersen selbst so niedlich, 
so rosig, eine Göttin vom Scheite! bis zur Sohle. Sie ist 
eine entzückende Puppe, jetzt übermütiger Backfisch, 
und fünf Minuten später vollendete Dame, jetzt unbe 
fangen harmlos, naiv und dann wieder raffiniert, kokett, 
gutmütig und grausam zugleich, kurz, die grande dame, 
der entzückendste gamin und die raffinierteste Kokotte 
in einer Person. Merkwürdig, nicht wahr, daß ich, der 
alte, erfahrene Gent, zum lyrischen Dichter werde. Es 
ist die Kur — was willst du? Die Kur des guten Doktors. 
Es ist mir unerklärlich, wie die Wolters—Wollwaren en 
gros — zu solch einer Tochter kommen. Ja, die weiße 
Taube hat mich vollständig verzaubert. Mich umge 
wendet wie einen Handschuh. Nicht wahr, du wirst 
unser Trauzeuge im Oktober sein? Lache nicht. Es ist 
wirklich wahr. Ich werde heiraten. Aber höre, wie sich 
die Sache entwickelt hat. Ich war fest entschlossen, alle 
Vorschriften des Arztes, das Jod, die Bäder und das 
übrige, streng zu befolgen. So ließ ich mich also den 
Wolters vorstellen, wie gesagt, Wollonkel, und so und 
so viel Millionen Mitgift. Ich ging zur Visite wie ein 
magerer Ochs zur Schlachtbank, aber ich gefiel der 
Familie. Das hat man so raus, verstehst du? Innerhalb 
vierzehn Tagen hatte ich keine drei Worte mit der 
kleinen Marie gewechselt. Es war mir ja alles so gleich 
gültig. Ich hatte nicht zu wählen. Es war eine Medizin, 
uie mir verordnet war, und was kümmert es den Arzt, 
ob sie süß oder bitter schmeckt. Kurz, nach drei 
Wochen war mir die Hand der kleinen Marie bewilligt. 
Ich machte meiner Braut den Hof wie ein gut funk 
tionierender Automat — ohne besondere Aufregung, 
von dem Streben geleitet, die Medizin bis zum letzten 
tropfen auszukosten. Eines Tages hatte ich mich von 
der gewohnten Strandpromenade — meine Braut am 
Arme und die Schwiegermutter als Schutztruppe hinter 
uns — gedrückt und ging am Strande spazieren. Es 
war sehr heiß, und eine kleine Erhöhung in nächster 
ahe war der einzige, schattenspendende Platz. Ich 
j G § te mich dort nieder, die Hände unter dem Kopfe und 
en Bück ins Blaue gerichtet, und versuchte an nichts 
u denken. Da hörte ich plötzlich zu meiner unange- 
enrnen Überraschung eine bekannte Stimme, die meiner 
Braut. Also bis hierher verfolgte man mich und holte 
das neueste Prunkstück zur Familie zurück. Aber ich 
wurde bald darüber beruhigt, denn im zärtlichsten Tone 
sagte sie zu dem sie begleitenden Heldentenor, der der 
Star des Strandes war: „Bis Heute habe ich Ihnen 
widerstanden und Ihren Bitten kein Gehör geschenkt. 
Ich -wollte erst meinen zukünftigen Gatten kennen 
lernen und versuchen, ihm so lange wie möglich treu 
zu sein. Aber er ist ein Trottel. Er liebt mich nicht, und 
ich liebe ihn nicht. Ach Gustav, wenn Sie nur nicht 
Schauspieler wären. Aber trotz allem — nun bin ich 
entschlossen — heute abend, nach dem Diner, werde 
ich mit meinem Bräutigam einen Spaziergang machen, 
und es wird mir gelingen, von ihm frei zu kommen. Auf 
Wiedersehen, hier an dieser Stelle.“ 
Ein Geräusch flüchtiger Küsse, ein Rascheln von 
Kleidern, und alles war wieder still. Ich war empört. 
Sah ich nun nicht meine Kur unterbrochen, und mußte 
ich nicht eine andere weiße Taube finden, die wasch 
echter war als die erste? 
Beim Diner nahm ich das erste Mal Veranlassung, 
Marie näher zu betrachten, und zu meiner größten Ver 
zweiflung stellte ich fest, daß sie bildschön war. Ich 
begann mit ihr eine Unterhaltung, und noch nie hatte 
ich bei einem jungen Mädchen so viel Geist gefunden. 
Beim Dessert war ich über beide Ohren verliebt. Ich 
hatte Lust, den Tenor Gustav zu ermorden und mit 
Marie auf eine wüste Insel zu fliehen. Nach dem Diner 
gingen wir spazieren, und ich führte sie zu jenem 
Punkte, wo ich das Gespräch belauscht hatte und wo 
der Sänger sie wahrscheinlich ungeduldig erwartete. 
Unterwegs hatte ich ihre kleine Hand in der meinen. 
Ihre schönen blauen Augen blickten auf mich in 
scheuem Erstaunen, und ihre roten Lippen zuckten 
nervös. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern. Sie 
wich nicht zurück. Ich küßte sie leidenschaftlich auf 
das kleine rosige Ohr, und sie sank schwer in meine 
Arme. Welch Glück, daß wir in der Dunkelheit allein 
waren. 
Die kleine Marie, wie war sie plötzlich in meinen 
Augen gewachsen, aber ich konnte es mir nicht versagen, 
ihr eine kleine Lektion zu erteilen. 
„Nun, mein Fräulein, suchen Sie Herrn Gustav auf. 
Er wird Sie wohl erwarten, damit Sie ihm von dem 
Trottel, Ihrem Bräutigam, erzählen. Bitten Sie ihn in 
meinem Namen um Entschuldigung, daß ich so frei 
war, seinen Platz einzunehmen. Aber Ich werde ihm 
nicht mehr störend in den Weg treten. Ich reise morgen 
früh ab.“ 
„Nein, nein, ich will nicht, daß du abreist. Ich liebe 
dich — seit heute abend — aber nun für ewig. Aller 
dings, ich hielt dich für einen Trottel, ich gestehe es 
offen — doch jetzt ; . . . Und zu denken, daß 
wir hätten heiraten können, ohne uns näher zu kennen, 
daß wir gleichgültig nebeneinander gelebt hätten. O, wie 
glücklich werden wir sein.“ 
„Und Gustav?“ 
„Schweig mir von ihm. Komm Geliebter, noch einen 
Kuß.“ 
Und ihre heißen Lippen preßten sich auf die meinen. 
Seitdem mein lieber Freund. lebe ich im Paradiese . . . . 
Aber meine kleine weiße Taube wartet ungeduldig. 
Sie will wieder an den Strand flattern. Also im Oktober, 
nicht wahr? 
Dein Heinz.
        
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