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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jatrg. *7 
„Sage das nicht, ch£rie, gerade hier ist jeder doppelt 
auf seinen Ruf bedacht. Du siehst aus wie ein Kind 
von . . . Still — er kommt.“ 
Richtig klopfte es in diesem Augenblick. „Einen 
Moment!“ rief Mama. 
Andrd versuchte inzwischen durch das Schlüsselloch 
zu spähen. Endlich rief man „Herein 1“ — Er trat ein 
und fand die Kleine im Bett. Oie Alabasterarme spitzen 
überrieselt. Er reichte seine Mittel mit der Miene 
einer Kapazität. Mademoiselle Fifi sah ihn dankbar an, 
weich, warm, gläubig. Er streichelte ihr Händchen. 
„Morgen früh komme ich wieder . . .“ 
Er kam. Fifi war gesund, frisch, heiter, wie der Sep 
tembermorgen draußen. Mama war noch nicht parat, 
sie ließ sich entschuldigen. 
Nun: Fifi im Bett, morgehfrisch, bezaubernd in dem 
Spitzennegligä — übermütig — und davor allein Andre 
Prgjelain, der einsame Weltmann von B. Abenteuer 
lustig, stolz, halb besinnungslos vor diesem Engel , . . 
Aber Mama störtfc, wie auf ein Stichwort, die Szene. 
Ein Untwetter des Zornes brach über dem Apotheker 
aus. 
„Oh oh! Wir sind beschimpft, wir wehrlosen 
Frauen in diesem Barbarennestl Wir sind preisgegeben! 
Keine Minute bleibe ich mit dem Kind mehr hier, 
ohne Sie anzuzeigen. Sie Elender! Keine Minute . . .“ 
Andre flehte, entschuldigte, weinte fast. „Maman“ 
schwieg zomatmend. Fifi hatte sich mit dem Gesicht 
gegen die Wand unter die Decke verkrochen. Andr6 
lief im Zimmer umher. Mama knurrte: „Man muß solch 
einen Menschen unschädlich machen. Wenn wir wenig 
stens abreisen könnten, aber man hat uns bestohlen in 
diesem elenden Bretonehlande . . . Wir haben nicht 
mehr das Reisegeld ...“ 
„Aber Verehrteste — wieviel ist es .. . ?“ 
„Ha, jetzt yrollen Sie sich wohl gar mit Geld aus der 
Affäre ziehen?“ 
„Aber — aber, wenn ich Ihnen helfen kann ... ein 
Vergnügen ..." 
„Vergnügen? — Vergnügen scheint Ihnen etwas 
anderes zu machen! Ehrloser Mensch! Sie gehören 
vor den Richter . . .“ 
„Hier sind hundert Franken. Ich gehe. Ich frage 
nach nichts. Ich bitte nur um Vergebung und Schweigen! 
Adieu!“ 
,.Siehst du!“ sagte Mama triumphierend zu Made 
moiselle Fifi und schwenkte den Hunderter, „siehst du, 
diese Leutchen lassen sich ihre Reputation doch etwas 
kosten ... Ich wußte es ja ... Allons! Um zwölf Uhr 
geht der nächste Zug . . .“ 
* 
Acht Tage später. Das schlechte Wetter hielt an nach 
dem einzigen Sommermorgen, der über Andr6 Prdjelains 
Malheur aufgegangen war. Da fanden die vier Jung 
gesellen eines Abends eine blasse, vornehme junge 
Fremde an der Tafel des Gasthofes von B„ die nur selten 
ihre langen Wimpern hob, um einen gleichgültigen Blick 
über die Tafelrunde zu werfen. Andre Pröjelain aber 
blieb schweigsam. Zur Verwunderung seiner Freunde. 
Ja, selbst als ihn Lagranche, der Tierarzt, unterm Tisch 
auf den Fuß trat, schwieg er oder brummte wenigstens 
unwillig. Meckernd stand schließlich Tropplumeau auf, 
klopfte sich die Pfeife aus und murmelte zwischen den 
Zähnen: „Es verlohnt sich nicht ... es verlohnt sich 
W5W. BiBU 
BERLIN Nr. 36 
nicht... Gute Nacht!“ Pröjelain nickte bei dieser tief? 
sinnigen Bemerkung und sah dem hinkenden Jean nach. 
Weiß der Teufel, wie es kam, aber einmal sah er doch in 
die müden, großen, tiefdunklen Augen der blassen 
Fremden und zitterte fast . . . 
Jetzt erhob sie sich und ging hinauf. 
Nach etwa einer Viertelstunde — Andr6 saß wie fest 
genagelt auf seinem Stuhle — erschien die Wirtin: 
„Herr Prejelain ..." 
„Ja?“ 
„Die Dame da oben i..“ 
„Hä?“ Andr6 überflog ein Zittern. 
sie ist krank, sagt sie. Sie sieht ja aus wie der 
leibhaftige Tod . . , Ja . . . Und einen Arzt will sie . . . 
Und der alte Crivain liegt doch selber auf den Tod . . . 
Sie wissen ja . . . Und da sagt sie, der Apotheker soll 
ihr etwas edngeben gegen den Magen ... Ja.“ Die dicke 
Frau sprach langsam und tief. 
Andre machte ein Gesicht dazu, als habe er seine 
bitterste Pille geschluckt. Aber er stand auf und ging, 
wie vom Teufel an einem Faden gezogen, der Alten 
nach, hinauf ins Gastzimmer, das er doch so gut 
kannte . . . 
Guizot und Lagranche sahen sich an und lächelten 
verschmitzt. 
Oben fand Andr6 die schöne Fremde in einem Sessel. 
Ein entzückendes Morgenkleid verhüllte delikateste 
Reize. Mit ängstlichen Augen sah sie den bitter-süß 
Dreinblickenden entgegen. 
„Mein Herr, helfen Sie mir, wenn Sie können . . . 
Ah! Ah!“ Sie krümmte sich in Schmerzen, so daß un 
glücklicherweise das Morgenkleid von der linken 
Schulter fiel. 
„Ah! Oh! Schnell! Schnell! . . .“ Sie krümmte sich 
und bemerkte ihre zunehmende Entblößung vor 
Schmerzen nicht. 
Andr6 dagegen bemerkte sie nur zu gut. 
„Ha!" rief er, „diese Magenkrämpfe kennen wir! In 
der Tat, die kennen wir ... Was sollen sie denn 
kosten, wie? — Wieviel braucht denn das Dämchen? 
Hä? —“ 
Der Anfall schien nachzulassen. Entgeistert horchte 
die schmerzensmatte Fremde aüf. 
„. . . . Nein!“ trompetete Andre, jetzt ganz sicher, 
seine Wut über den Verlust der hundert Franken her 
aus, „nein, bei mir kommen Sie da an den Verkehrten! 
Ich bin ein Kenner der Weiber! Ihr Pariserinnen denkt 
wohl, ihr könntet hier die Männer zum Narren halten? 
Ha! Mademoiselle Fifi hat Ihnen wohl ihren scham 
losen Erfolg, ihren Erpressertrick gegen Handgeld mit- 
geteilt?“ 
„Hilfe! Zu Hilfe! — Hinaus, Sie schamloser Schuft!“ 
schrie jetzt die entsetzte junge Dame auf. 
Die Wirtin kam langsam herein. „Werfen Sie diesen 
Mann hinaus — diesen Verrückten —- oder ich rufe die 
Polizei vom Fenster aus.“ 
Es gab eine rechte Verwirrung. Andr6 ging bleich, 
zitternd. 
Am andern Tage zeigte die energische Fremde den 
Fall der Ortsbehörde an. Es gab einen Skandal ohne 
gleichen. 
Armer Andr6! — Er verlor seine schöne Apotheke, 
seinen guten Namen unter den Niederbretonen. Er zog 
fort, fort nach dem Süden. Er paßte nicht unter diese 
Holzköpfe. Er war ja ein Mann von Welt . . . Ein 
Gentleman.
        
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