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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr 36 
Jatrff. 27 
DerMann: Beides, wenn Sie wollen. 
D i e D a m e : Also verheiratet sind Sie auch? Davon 
haben Sie mir nie etwas erzählt. 
Der Mann: Man spricht nicht gern von seinen 
Dummheiten. Übrigens stellen Sie sich das ent 
zückendste, reizendste, pikanteste Geschöpf der Welt 
vor — das Gegenteil davon ist meine Frau. 
Die D a m e (ironisch): Sehr interessant. Aber, viel 
leicht ist es unter diesen Umständen doch besser, wenn 
ich Ihr Büro wieder verlasse. Ich will Ihnen und mir 
keine Unannehmlichkeiten bereiten, so gerne ich auch 
den Reiz eines kleinen Abenteuers auskosten möchte. 
Der Mann (sicher werdend): Aber Sie bleiben 
natürlich (drängt sie zur Chaiselongue): Sie sind hier 
so sicher wie in Abrahams Schoß. 
D i e D a m e : So alt sind Sie schon? 
DerMann: Ich meinte ja nur . . . Also, sehen Sie: 
meine Frau ist zur Modistin. Sie wissen doch, was das 
bedeutet, wenn eine Frau zur Modistin geht. Da hat 
sie Wichtigeres zu tun, als sich um ihren Mann zu 
kümmern. 
D i e D a m e : Aber vielleicht ist der angebliche Gang 
zur Modistin nur eine Falle, in die Sie gelockt werden? 
Der Mann: Nee. Erstens bin ich nicht so blöde, 
um auf den Leim zu kriechen, Und zweitens ist meine 
Frau noch nicht so raffiniert — 
D i e D a m e (lachend): Wie ich — meinen Sie. 
Der Mann: Zugegeben — aber nun sagen Sie mir 
erst einmal um alles in der Welt: warum kommen Sie 
maskiert, eine Larve vor dem Gesicht, zu mir? Ist das 
jetzt die, neueste Mode? Le dernier cri? 
Die Dame (sich kokett auf der Chaiselongue 
räkelnd, während er vergeblich ihr näher zu kommen 
versucht): Lieber Doktor, das hängt mit der romanti 
schen Art unserer Bekanntschaft zusammen. Sie inter 
essieren mich, weil Sie so ein richtiger Casanova sind. 
Der Mann (wehrt ab): Aber, ich bitte Sie — 
Die Dame: Es muß doch eine große Kunst sein, 
hunderte von Frauen zu verführen. 
Der Mann: Das nicht, aber sie alle wieder los zu 
werden — das ist eine große Kunst (lacht). 
D i e D a m e : Kurz, ich bekam eines Tages die Laune, 
Sie anzutelephonieren und es entwickelte sich daraus 
ein tägliches, amüsantes Telephongespräch — 
Der Mann (unterbrechend): Das in mir den 
brennenden Wunsch weckte, Sie auch persönlich kennen 
zu lernen. Also, bitte, lüften Sie Ihr Inkognito! 
Die Dame: Noch nicht. Für mich hat gerade 
dieses Zwischenstadium, wenn ich es so nennen darf, 
etwas unerhört Prickelndes und Nervenkitzelndes .... 
Da ich heute Abend auf den Maskenball gehe, ist die 
Rolle, in der ich hier bei Ihnen auftrete, die gegebene. 
Der Mann: Darf ich Ihnen einen Kompromiß- 
Vorschlag machen, schöne Unbekannte? Nehmen Sie 
wenigstens die Maske ab! 
Die Dame: Nicht so stürmisch. Es gibt ja auch 
eine platonische Liebe. 
DerMann: Ja, aber — nur in der Ehe! 
Die Dame: Ich will die Maske nicht abnehmen. 
Warum soll ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten? Bis 
jetzt können Sie sich noch in der Illusion wiegen, eine 
bildhübsche Frau vor sich zu haben. Ihre Phantasie, 
die ja, wie bei jedem Lebemann, zügellos, ausschweifend 
und unmoralisch ist, kann mich in die erotischsten 
Farben kleiden .... 
Der Mann (aufgeregt): Also, meine Phantasie ist 
direkt geladen mit Erotik. Sie kann jeden Moment 
platzen. 
D i e D a m e : Der Blut-Athmosphären-Druck würde 
sofort aut ein Minimum reduziert werden, wenn Sie 
meine Negerlippen, meine Kartoffelnase und meine 
Schweinsäuglein sehen könnten. 
Der Mann: Ich verstehe: Sie malen mit Absicht 
von sich ein abscheuliches, häßliches Selbstporträt, um 
mich dann desto angenehmer zu überraschen. Aber Sie 
stellen meine Geduld auf eine zu harte Probe. In einem 
solchen Falle gibt es nur eines: sanfte Gewalt (will 
sie umarmen, sie wehrt sich — man hört draußen 
Geräusch). 
D i e D a m e (aufhorchend): Was war das? Es kommt 
jemand. 
DerMann (erschrocken auffahrend): Allmächtiger, 
wenn das meine Frau ist . . . Die reißt mir die wenigen 
Haare, die ich noch auf dem Kopfe habe, einzeln aus 
(zur Dame): Sie müssen verschwinden .... 
Die Dame (mit gespielter Aufregung): Leicht ge? 
sagt, aber wohin — hier (weist zur Tür) laufe ich doch 
Ihrer Frau direkt in die Hände. 
Der Mann: Dann verstecken Sie sich schnell 
hinter der Portiere (führt sie eilig zur Seitentür; dann 
setzt er sich an seinen Schreibtisch und wälzt dicke 
Akten und Bücher, den Vielbeschäftigten markierend.) 
Vielleicht war es auch nur eine Täuschung .... (zur 
Portiere hin sprechend): Sind Sie ja mäuschenstill! 
Wenn man Sie entdeckt, gebe ich für Ihr Leben keinen 
Pfifferling mehr! (dann für sich): Was man für Auf 
regungen hat, wenn man verheiratet ist! 
Es klopft. 
Der Mann: Herein! 
Die Dame (hat inzwischen den Domino und die 
Maske abgestreift und kommt nun im Straßenkostüm 
durch die Mitteltür herein. Störe ich dich, Dickerchen? 
Der Mann (springt auf, etwas befangen): Ach, d u 
bist’s, Liebling (küßt ihr die Hand): Bist du denn schon 
von der Modistin zurück? 
Die Dame: I wo! Ich gehe jetzt erst hin. 
Der Mann: So — na, dann will ich dich nicht 
länger aufhalten. 
Die Dame: Sage einmal, was hast du denn? Du 
bist so komisch! 
Der Mann Ich bin komisch? Ja, schau, ich habe 
wahnsinnig zu arbeiten. Der Stoß Akten da auf meinem 
Schreibtisch — das sind alles Scheidungsakten. Ich 
bringe schon die diversen Ehebrüche durcheinander wie 
Kraut und Rüben. Aber eine Pointe ist stets die gleiche: 
immer ist der Mann der Dumme. Immer läßt sich der 
Mann erwischen (beiseite: Der Troddel). 
Die Dame (schnubbert): Sage einmal, hier riecht’s 
aber aufdringlich nach Parfüm! 
Der Mann (schnubbert ebenfalls): Ja, ja ... . das 
ist möglich. Soeben war eine Klientin bei mir, die sich 
auch scheiden lassen will . . . also der wandelnde Par 
fümerie-Laden. Oben Quelques fleurs — in der Mitte 
Veilchen — und unten L’Origan. 
Die Dame: Du hast ja eine sehr feine Nase. 
Der Mann: Ja, für sowas habe ich einen Riecher. 
DieDame: Na, diese Art Frauen ist ja dein Typ. 
Der Mann: Die bestimmt nicht. 
Die Dame: Warum nicht? 
Der Mann Die müßtest du sehen: die hat Neger 
lippen, eine Kartoffelnase und Schweinsäuglein. Das 
ist zu viel auf einmal. Aber schließlich hast du mich 
doch bestimmt nicht deshalb hier auf meinem Büro auf 
gesucht, um dich mit mir über meine Klientinnen zu 
unterhalten. 
Die Dame: Bestimmt nicht. Der Grund meines 
Kommens ist ein sehr prosaischer. Ich muß bei meiner 
Modistin 2000 Mark anzahlen. Stelle mir bitte einen 
Scheck über diesen Betrag aus. 
Der Mann: 2000 Mark — nanu! Gestern waren’s 
doch nur 1000 Mark. 
Die Dame: Ja, ich hatte mich gestern verrechnet.
        
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