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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 36 
Jaßrg. 27 
17 
„Das Rad ist zerbrochen“, bemerkte nach einer Weile 
Gascon. 
O wie fuhr Herr von Blinaye da auf. 
„Tölpel!“, so brüllte er, „ich sah es auch bereits! 
Marsch marsch! Hol ein andres! Hol einen Wagen 
schmied! Weh dir, wenn wir nicht zum Abend im 
Chateau Bünaye sind!“ 
Gascon sah sich um. Auch Herr von Blinaye ließ den 
Blick in die Runde schweifen. Aha, da war das Kloster 
der Karmeliter. Das war Rettung! Im Dorf daneben 
wohnte ein Wagenschmied. 
„Dort ist das Kloster“, bemerkte Gascon und wies 
geradeaus. 
Herr von Blinaye schluckte den Atem. Da entwich 
Gascon sehr eilig gegen das Dorf. 
Was blieb dem Edelmann übrig? Er lenkte seine 
Schritte zum Kloster, pochte an, erhielt Einlaß und 
wurde gastfreundschaftlich willkommen geheißen. 
Während er aber noch plaudernd mit dem Pater über 
den Klosterhof schnitt, brachen ihm plötzlich alle Worte 
ab, seine Augen richteten sich kugelrund auf einen 
jungen Laienbruder, der just herübersah und an 
gewurzelt im Erstaunen stand. 
„Nanu“, sagte Herr Blinaye. 
„Nanu“, sagte der Chevalier de la Royerie, denn er 
war ein folgsamer Neffe seines Erbonkels. 
„Ja, wie kommt Ihr denn hierher, teurer Neffe?“ 
„O fragt nicht, Oheim —! Doch sagt, wie kommt Ihr 
denn hierher?“ 
„O fragt nicht, Victor —!“ 
Doch fanden sie danach beide, daß ihre Auskünfte 
nicht erschöpfend seien. Recht kummervoll schauten 
sie drein, wie sie sich nun in einer Laube niederließen. 
Erst als der Pater, christlicher Nächstenliebe voll, zwei 
Schoppen besten karmelitischen Weins herantrug, 
schienen Himmel und Zukunft heller in ihren Ge 
sichtern wider. 
„Wir sind Männer, mein teurer Neffe“, holte der 
Alte endlich aus, „also hört, ich bin ein — faßt es, 
Victor! — betrogener Liebhaber . . .“ 
„Und ich desgleichen, der unglücklichste von dieser 
Welt!“ fiel der Jüngling gramvoll ein. 
Dann sahen sich beide an. Und wie aus einem Munde 
kam beiderseits der verwunderte Ausruf: „Aber noch 
gestern abend in der Oper wart Ihr heiter und guter 
Dinge!“ 
„Jaja“, stöhnte der Oheim. 
„Jaja“, stöhnte der Neffe. 
„Mein teurer Sohn, ich hatte eine Geliebte . . .“ 
Herr von Blinaye reckte sich in allem Kummer stolz 
auf. Schließlich war man zweiundsiebenzig Jahre alt. 
„ . . . Sie hat mich betrogen. Streichen wir sie aus. 
Das Leben liegt vor uns . . .“ 
„Ach?“ sagte der Chevalier in unachtsamen Er 
staunen. 
„Jawohl, vor um!“ unterstrich der Alte recht 
unwirsch. 
„Nein!“ jammerte da der Junge, „mein Leben liegt 
jedenfalls hinter mir! Sie liebt mich nicht! Sie hat 
mich — hinausgeworfen I“ 
Herr von Blinaye setzte mit einem Ruck den Becher 
ab. Er wand sich in einem äußerst gefühlsrohen Ge 
lächter. „Hinausgeworfen?! Knabe! Das hätte mir 
passieren sollen! O welche verderbte Generation!“ 
„Sie ist so tugendhaft!“ greinte der Neffe. 
„Gibt es nicht!“ schrie der Oheim. 
„Ich habe ihr die glühendsten Liebesbriefe ge 
schrieben!“ 
„Blödsinn, Sohn!“ 
„Sie hat mich empfangen und mir ihre Liebe ge 
standen!“ 
„Nun also!“ 
„Aber plötzlich wurde sie eiskalt und schickte mich 
fort!“ 
„Komödie!“ 
„Ich drang gewaltsam wieder ein . . 
„Recht so!“ 
„Sie drohte, das Haus zu alarmieren . . .“ 
„Tölpel! Eine Einladung!“ 
„Sie gestand, daß sie einen Liebhaber hat. Sie schwor, 
ihn niemals betrügen zu wollen . . .“ 
„Die Schlange! — Wahrscheinlich war er schon auf 
der Treppe!“ 
C "Fortsetzung auf Seite 2oJ 
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