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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 36 
16 
Jedermann glaubte in dem Vater den Mörder zu sehen. 
Nur ich konnte nicht daran glauben. 
Ich zermarterte mir den Kopf mit dieser Geschichte. 
Ich versuchte mir vorzustellen, daß die beiden an jenem 
Abend wieder einen heftigen Streit hatten, der in Tät 
lichkeiten ausgeartet war und Gastons Tod herbeige 
führt hatte. Aber der Alte war so ruhig geblieben beim 
Verhör. So gefaßt war ein Schuldiger nicht. 
Digot saß monatelang in Untersuchungshaft. 
Er leugnete die Tat. Die Knechte konnten ihr Alibi 
nachweisen, sie waren in jener Nacht auf dem Tanz 
boden gewesen, man hatte sie dort gesehen bis zum 
Morgen. Gaston war ebenfalls im Dorf gewesen, aber 
niemand hatte sich um ihn gekümmert, und er schien 
für niemand Interesse zu haben. Eine Weile stand er 
an der Seiltänzerbude, dann war er verschwunden, und 
niemand hatte ihn dann noch gesehen. Dem Gericht 
wurde die Nachforschung nicht leicht gemacht, da an 
dem Kirmesfest viele auswärtige Gäste in dem Dorf 
gewesen waren, die man nicht näher kannte, und die 
ebenfalls spurlos verschwunden waren. 
Schließlich mußte man den Fermier entlassen, und 
er kam zurück, ein alter, müder, gebrochener Mann. 
Im nächsten Winter packte ihn eine Lungenentzündung 
und er starb. 
In den Augen der Hiesigen starb er als Mörder. 
Niemand ging hinter seinem Sarg her, als der Pastor, 
die alte Magd und ich. 
Auf der Ferme wollte keiner mehr wohnen, es fand 
sich kein Käufer. Die alten Weiber sagen, sie stünde 
über dem Eingang zu der verschütteten Stadt. Man ist 
abergläubisch hier. Und so verfällt die Ferme. Es sind 
keine Erben da.“ 
„Und hat es sich nie herausgestellt, wer diesen Sohn 
umgebracht hat?“ fragte einer der Herren. 
„Niemals“, antwortete der Baron. 
War er, als Frau verkleidet, an jenem Abend um die 
erleuchteten Buden geschlichen, um Männer anzu 
locken? Und war in dem trügerischen Halbdunkel einer 
der Burschen diesem elegant behandschuhten ver 
meintlichen Weibe wirklich gefolgt bis auf die Ferme? 
Hatte dieser Fremde sich dann, furchtbar enttäuscht 
und betrogen, in seinem Zorn über den Betrüger ge 
stürzt und ihn getötet, wie man etwas Feindliches, das 
uns ans Leben will, niederwirft? 
Wer weiß es? 
Gaston war tot. Er hat das Geheimnis seiner letzten 
Stunde mitgenommen und ruht neben seinem Vater 
in der schweren blutgetränkten Heimaterde, über der 
verschütteten römischen Stadt, von der wir nichts 
wissen, als was uns die verwitterten Grabsteine er 
zählen. Und wer weiß, ob sie das Richtige sagen? 
Auch die Grabsteine lügen oft. 
SUSANNE IN DER TUGEND 
Eine Skizze aus der galanten Zeit 
FRIEDRICH ZIELESCH 
err von Blinaye war böse, sehr böse 
sogar. Wie seine Chaise über die Land 
straße holperte, wie die Wagenachsen 
stöhnten, und die Hufe der wohl 
genährten Gäule den Boden stampften, 
das gab gerade die rechte Begleitung 
für die wenig menuetthafte Melodie, 
die er zwischen den Zähnen pfiff. 
Susanne? — „Und zum Teufel, so 
fahr doch zu!“ schrie er den Kutscher 
an, der bereits alle Mühe hatte, die galoppierenden 
Rappen im Zaum zu halten. In wilden Sprüngen flog 
der Wagen vorwärts. Herr von Blinaye hatte es nicht 
leicht, sich auf seinem Polster zu halten. 
Zweiundsiebzig Jahre alt! Seit sechzig Jahren vor 
züglicher Kenner in den Kulissen der Oper und in den 
Boudoirs der großen Aktricen! Und doch — o zum 
Teufel! Susanne! 
„Mensch, fahr zu!“ 
Fort von Paris! Dahinten, auf dem Landsitz in der 
Bretagne war Ruhe. Da gab es keine Große Oper! Da 
gab es keine Boudoirs mit Leitern am Fenster! O! Zwei 
undsiebzig Jahre, und betrogen wie ein Sechzehn 
jähriger! 
Der Kutscher hieb verzweifelt auf die fliegenden 
Flanken der vorwärtsstiebenden Pferde ein. „Der Alte 
ist verrückt geworden“, dachte er bei sich, „so mag es 
seinem Diener geziemen, nicht gescheiter zu sein . . .“ 
Und also brach ein Rad. 
Herr von Blinaye kletterte aus dem Wagen. Gascon 
brauchte nicht erst vom Bock zu steigen. Er lag schon 
unten. Jetzt erhob er sich, rieb sich einige Knochen 
und besah den Schaden. Ja, Herr von Blinaye und sein 
Kutscher Gascon standen tiefsinnig über das zer 
brochene Rad gebeugt, derweilen die Gäule ihren 
Schrecken in die Luft schnaubten.
        
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