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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 30 
Jahtg. 27 
pflegt. Auf dem Frisiertisch standen Reihen von 
Schalen, Näpfe mit Schminke und Puderdosen, ein 
Wirrwarr von Geräten und Schönheitsmitteln. Halb 
welke Orchideen dufteten in den Vasen zwischen 
Bildern und Nippsachen auf dem Kaminsims. 
Große Spiegel gaben dieses üppige Bett von drei 
Seiten wieder und sogar an der Decke zwischen dem 
Baldachin entdeckte ich einen ovalen Spiegel. 
Über dem Raum schwebte ein durchdringender Duft 
nach Schminke und verwelkten Rosen. 
Ich wies den seidenen Schlafrock angewidert zurück, 
den mir die Alte brachte. Um keinen Preis hätte ich 
diesen pelzbesetzten Rock, an dem noch Parfüm und 
Schminke hing, auf dem Leibe tragen mögen. 
Das Bad stand noch lau und duftend in dem kleinen, 
weißgekachelten Baderaum nebenan, Spiegel . und 
obszöne Zeichnungen zierten die Wände, buntseidene 
Wäsche lag am Boden hingeworfen und auf der Wasser 
fläche schwammen Rosenblätter. 
Die Luft dieses unnatürlichen Zimmers legte sich 
auf mich wie ein Albdruck, die ganze Atmosphäre 
schien von einem fremden Empfinden durchtränkt. 
Ich hielt es nicht länger aus. Ich floh ins Freie und 
kam naßgeregnet heim. 
Eine Woche später geschah es. 
Man feierte Kirmes. Seit Mittag drängten sich die 
Menschen in den Gasthäusern, der Zug hatte Viel Aus 
wärtige heraufgebrapht, alle Häuser hatten Gäste, die 
Fahnen wehten und auf dem Markt waren Buden auf 
geschlagen, Ich stand gegen Abend am Fenster und 
schaute aus der Ferne dem Treiben zu. Lichterglitzernd 
drehte sich das Karussell, die Orgeln dröhnten, da 
zwischen klangen die Ausrufangebote und das Dröhnen 
des Hammers des Kraftmenschen. Auf dem Tanzboden 
drehten sich die Paare, 
Feurig rote Streifen schwammen am Himmel, zwischen 
düsteren violetten Wolken. Von weitem sah es aus, als 
wüte dort drüben eine Feuersbrunst, 
Zwischen dem letzten Haus und dem Lindenweiher 
hatten sich die Seiltänzer zwischen den großen Bäumen 
etabliert. Eine dichtgedrängte Menge stand wie eine 
schwarze unbewegliche Mauer dort, und die Männer in 
ihren fleischfarbenen Trikots führten, auf dem dicken 
Seil balancierend, die Stange in den Händen, ihre Kunst 
stücke vor. 
In der Nacht wurde ich von einem großen Lärm 
di außen erweckt. Ärgerlich schellte ich, und der Diener 
erschien mit schlotternden Beinen, halbangekleidet, wie 
er von der Straße kam. 
Gaston war ermordet worden. Man hatte ihn in 
seinem Bett erwürgt aufgefunden, die Leute wollten 
seinen Vater lynchen, sie behaupteten, er sei der 
Mörder. Ich sprang auf, kleidete mich an und eilte auf 
die Ferme. Die nachtdunklen Straßen waren von 
Menschen gefüllt, die halb betrunken, halb ernüchtert, 
aufgeregt durcheinander riefen. 
Ich machte mir mühsam Platz und fand in dem Wohn 
zimmer bereits die Polizei versammelt. 
Man verhörte eben den Vater, der bei einer herunter 
gebrannten Kerze, blaß aber sehr ruhig, dastand und 
seine Aussagen mit tonloser Stimme machte. Er war 
nach zehn Uhr aus dem Schloß gekommen, und war 
schlafen gegangen, ohne den Sohn gesehen zu haben, 
der nach dem Dorf gegangen war. Er erwachte erst, 
als er den Hofhund anschlagen hörte, er stand auf, fand 
den Hof leer und ging nachsehen, ob Gaston nach 
Hause gekommen sei. Als er in das Schlafzimmer seines 
Sohnes eintrat, fand er diesen in seinem Bett liegen, das 
Gesicht in die Kissen gedrückt, mit starren Gliedern, 
leblos und kalt. 
Die alte Magd, die er herbeiholte, die den Toten auf- 
richtete, stieß einen Schrei aus, denn der Tote war von 
Kopf bis zu Fuß in elegante Frauenkleider gehüllt. Am 
Boden hingeschleudert lag einer der seidenen rotge- 
stöckelten Pantoffeln und eine blonde Frauenperücke. 
Bitte recht freundlich / 
Brüning 
Auf einem Stuhl hing ein dunkler Regenmantel mit 
einer Kapuze. Von dem Mörder fand sich keine Spur. 
Die beiden Fenster standen auf. Man konnte von der 
Straße bequem in das Zimmer steigen. Das Haus lag 
einsam am Walde und die ganze Aufmerksamkeit des 
Dorfes war an jenem Abend auf den Marktplatz und 
die Seiltänzer konzentriert. Die Ferme lag dunkel hinter 
den alten Lindenbäumen versteckt. 
Ich drückte dem Fermier stumm die Hand. Er wurde 
in Untersuchungshaft abgeführt, das Volk folgte erregt.
        
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