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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 2? 
Nr. 36 
14 
Die dunklen 
Augen hatten 
etwas von 
dem Blick 
einer Frau, 
der das Be 
trügen zur 
zweiten Natur gewor 
den ist, und die in 
ihre eigenen Fehler 
verliebt ist. 
Der Fermier fühlte 
sich diesem gebildeten, 
städtisch gewordenen 
Söhne nicht ge 
wachsen urid be 
schränkte sich darauf, 
an ihm herum zu erziehen und 
ihn auszuschelten. Er nannte 
ihn einen Tagedieb, einen 
Faulenzer. 
Gaston warf sich in die 
Brust und spielte sich auf den 
Gebildeten heraus. Eines 
Tages verließ er die Ferme 
und kehrte in die Stadt zu 
rück. Von da ab war er nur 
selten im Dorf zu sehen. 
Man sah ihn in den Ka 
baretts, Cafes und in den Bars 
sitzen, stutzerhaft gekleidet, 
und meist in zweifelhafter Ge 
sellschaft. Die Mägde erzähl 
ten einander von seinem Toi 
lettentisch, der mit Schmink 
töpfen und Puderdosen be 
deckt sei. Er hatte sich auf 
der Ferme ein Bad eingerich 
tet und ein luxuriöses Schlaf 
zimmer. Die Burschen hatten 
Gaston von jeher gehaßt, er 
kümmerte sich um keinen von 
ihnen, sah hochmütig auf die 
Bauernmädchen herab, und sie 
vergalten es ihm, indem sie 
hinter ihm herklatschten. 
Es gibt Menschen, denen 
man ungern die Hand gibt. 
So einer war Gaston. Er 
wußte von dieser Antipathie. 
Wenn ich ihn zufällig einmal bei seinem Vater traf, 
stand er auf und verließ das Zimmer. 
_ k* 1 wohnte im Winter in der Rue Jean Goujon in 
Paris. Eines Abends hatte ich Gäste und ich begleitete 
meine Freunde noch ein Stück Wegs in vorgerückter, 
nächtlicher Stunde. Wir gingen in Gruppen plaudernd 
Orient-Expreß hinge 
bis zum Place de la Concorde. Dort trennte ich mich 
von den anderen und ging allein zurück. Ich bemerkte 
plötzlich in den dunklen Wegen allerlei Gestalten, die 
sich dort herumschlichen und jemand zu erwarten 
schienen, zuweilen standen sie still und blickten sich 
nach mir in einer auffallenden Weise um. Plötzlich trat 
ein Mensch aus einem der Gebüsche mit höflichem 
Gruß an mich heran und sagte: „Mein Herr, bitte gehen 
Sie hier nicht weiter, wir wissen, wer Sie sind, und wir 
möchten flicht, daß einer der Unsrigen, der Sie nicht 
kennt, Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könnte.“ 
Ich fragte den Unbekannten, der den Hut tief ins 
Gesicht gedrückt hatte, was denn hier los sei, und er 
erwiderte sehr bestimmt: „Achten Sie nicht darauf, 
mein Herr, wir belästigen niemand, aber wir dulden 
auch nicht, daß man uns stört. Kehren Sie bitte um.“ 
Ich ging. An der Ecke drehte ich mich noch einmal um, 
und ich glaubte in dem Unbekannten Gaston zu er 
kennen. 
Ein andermal hatte mich ein befreundeter Schrift 
steller, in das Caf6 Truffaut mitgenommen, in dem 
nur von Männern besuchte Bälle stattfanden. Wir sahen 
aus der Loge zu, und ich bemerkte eine graziöse 
Sylphide, die am Arme ihres Tänzers durch den Saal 
schwebte. Ihr feines Gesdchtchen zierlich an die 
Schulter des Mannes gedrückt, kokettierte sie mit ihren 
strahlenden Augen Zu den anderen Männern herüber. 
Sie sah Gaston so ähnlich, daß ich geschworen hätte, 
er sei es. 
Eines Tages erkrankte der Fermier, und der Pastor 
bestand darauf, daß der Sohn heimgerufen wurde. Aber 
niemand wußte seinen Aufenthaltsort, und die Briefe, 
welche man an ihn nach der Stadt schrieb, kamen als 
unbestellbar zurück. Bis man endlich seine Spur ent 
deckte und er heimkam, war der Väter bereits wieder 
hergestellt. Gaston blieb notgedrungen zu Hause, aber 
es war für die beiden keine glückliche Zeit. Die beiden 
hatten beständig Streit, der sogar in Schlägereien aus 
artete. Der Fermier geriet diesem Sohn gegenüber in 
solche sinnlose Wut, daß er sich an ihm vergriff, ihn 
mit dem Stock prügelte, wie einen Hund. Und der Sohn 
wehrte sich, schäumend vor Wut und ohne Rücksicht 
auf die Nachbarn, die sich neugierig schaudernd vor 
den Fenstern versammelten. Meine Ermahnungen halfen 
nichts, der Bürgermeister mischte sich ein, der Pastor 
predigte Vernunft, die Freunde wollten vermitteln, aber 
ohne Erfolg. Er soll arbeiten lernen, sagte Digot zu mir. 
Ich redete dem Alten zu, den Sohn laufen zu lassen. 
„Dann geht er unter“, erwiderte der Alte einfach. 
In seinem harten eckigen Bauernschädel hatte er sich 
festgesetzt, der Sohn sollte hier bleiben und Bauer 
werden. „Sonst enterbe ich ihn, so wahr ich hier stehe“, 
drohte Digot. 
Er war schon beim Notar gewesen, aber leider konnte 
er Gaston nicht ganz enterben. Er mußte ihm, als er 
mündig wurde, das Pflichtteil der Mutter auszahlen, 
und später konnte Gaston auch die Hälfte des väter 
lichen Erbteils beanspruchen. „Der Staat sorgt für die 
Kinder. Auch für die Lumpen sorgt er“, sagte der Alte 
finster. 
Mir schien es hart, wie er von dem Sohn sprach. Er 
zuckte die Achseln: „Sie haben keinen Sohn.“ 
Eines Tages wurde ich im Walde von einem Wolken 
bruch überrascht und erreichte gerade noch die Ferme. 
Ich fand niemand zu Hause wie die alte Magd. Säe 
öffnete mir mit einem gewissen Stolz das Schlafzimmer 
Gastons. Ich glaubte in das kosige Nest einer Tänzerin 
gekommen zu sein. Die Wände waren mit groß 
blumigem Satin bespannt, der sich zeltartig über 
einem breiten Bett zusammenzog wie ein Baldachin, 
der Boden von dicken hellblauen Teppichen bedeckt. 
Blauseidene Vorhänge, spitzenbesetzte Kflisen^ elegante 
Causeusen, ein zierlicher Schreibtisch, ein mit bilber- 
gerät bedeckter Toilettentisch, alles elegant, wie das 
Schlafzimmer einer verwöhnten Frau, die ihren Körper
        
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