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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 36 
12 
„Verleumdung“, fuhr unerbittlich der gekränkte 
Gatte fort, „und von wem empfängst du auf dem Post 
amt Briefe? Mit wem bist du letzten Donnerstag in 
Kanaille, elende Dime, du betrügst mich? 
einer Droschke gefahren r Siehst du, ich weiß alles. 
Leugne nicht.“ 
„Doch, ich leugne, und da ich sehe, in welchen 
schmählichen Verdacht ich geraten bin, will ich dir 
unter tiefster Diskretion alles beichten. Gibst du mir 
dein Ehrenwort, nichts zu verraten?“ 
Und Hugo hörte mit immer wachsendem Erstaunen, 
daß nicht Helene, sondern Marta die Geliebte des 
Grafen war, und daß Helenes einziges Verbrechen da 
rin bestanden hatte, Versuche gemacht zu haben, um 
dieses Verhältnis zu lösen. Nur deshalb hatte sie dem 
Grafen geschrieben, nur deshalb hatte sie ihm ein 
Rendezvous gewährt, da sie gehofft hatte, ihn durch 
eine mündliche Aussprache zu einem Verzicht bewegen 
zu können. 
Inzwischen hatte sich in der Braunschen Wohnung 
eine ähnliche Szene abgespielt. 
„Kanaille, elende Dirne, du betrügst mich.“ 
„Ich ... ich sollte dich betrügen?“ 
„Schweige, ich weiß alles, ich habe ein Kuvert auf 
deinem Schreibtische gefunden, ich habe Nach 
forschungen angestellt er heißt Graf Salten, willst 
du noch leugnen?“ 
Und wie Helene, protestierte Marta energisch gegen 
diese Vermutung und bewies ihrem Gatten sonnenklar, 
daß sie die treueste, zärtlichste Gattin wäre, die nur 
aus Schwesternliebe Helene aus den Schlingen dieses 
Don Juan befreien wollte. 
Als Artur und Hugo sich am nächsten Tage trafen, 
standen sie sich verlegen gegenüber. Sollte wegen eines 
solchen Mißverständnisses ihre alte Freundschaft in 
die Brüche gehen? Nein. Bewegt reichten sie sich die 
Hände. 
„Wie konnten wir nur gestern ....?“ 
„Laß gut sein. Vergessen, vergeben.“ 
„Und alles ist aufs beste erledigt.“ 
„Ja, die Hauptsache, Marta ist ein Juwel.“ 
„Und Helene ist ein Engel.“ 
Der Friede war geschlossen. 
MYSTERIUM 
LIESBET DILL 
er alte Baron Houchard kam seit vier 
zig Jahren jedes Frühjahr auf sein Jagd 
schloß nach Lothringen, wo er bis zum. 
November blieb. 
Das Dorf lag auf einem Höhenrücken, 
der sich hoch über einem Flußtal hin- 
t streckte, unter dessen geackerten 
Feldern eine ganze verschüttete Stadt 
aus der Heidenzeit liegen soll. 
Das Schloß mit seinen hohen Sälen, den dicken 
Mauern und festen Türmen, war ziemlich unbequem 
zum Bewohnen. Die Kamine rauchten und die hohen 
Säle wurden niemals recht warm. Man mußte schon 
sehr nahe an das Feuer rücken, so daß ipan sich fast die 
Schuhsohlen an der Glut verbrannte. 
Es war an einem regnerischen Herbstabend. Man 
hatte tagsüber draußen in den Wäldern gejagd, im 
Freien flüchtig ein von den Dienern bereitetes Mittags 
mahl genommen, nun hatte man sich umgekleidet, und 
saß nach beendeter Tafel in der Halle beim Kaffee. 
Auf dem großen Kamin und auf kleinen Tischen 
brannten dicke Kerzen, eine andere Beleuchtung gab es 
hier oben nicht. Das Licht warf einen milden, warmen 
Schimmer über die Jagdgesellschaft in den tiefen, 
gobelinbezogenen Sesseln und auf die Tische mit dem 
verschobenen silbernen Kaffeegerät. Die Diener 
reichten dampfenden Mokka und die Zigarren wurden 
angezündet. Man war bei den Anekdoten. 
Der alte Baron mit seinen hellen Augen, dem ver 
witterten scharfgeschnittenen Profil, zündete sich eine 
Zigarette an und schaute dem blauen Raucbringel nach, 
der über der brennenden roten Kerze schwebte. „Rät 
sel“, sagte er, „wird mir immer ein Fall bleiben, hinter 
den bis heute noch kein Richter und kein Arzt ge 
kommen ist, und der mich oft beschäftigt, ohne, daß ich 
jemals Aufklärung darüber erhalten werde, denn die 
beiden, um die es sich handelt, sind tot. 
Sie kennen alle, meine Herren, die Ferme am Linden 
weiher vor dem Dorf. Vor Jahren wohnte dort ein 
Bauer, namens Digot. Er war Witwer und hatte einen 
Sohn, Gaston. Er lebte mit einer Magd und einem 
Knecht hier oben. Ich hatte ihn zu meinem Verwalter 
gemacht, er war selbst Jäger, wir gingen oft zusammen 
auf die Pirsch und durchstreiften nächtelang die 
Wälder. 
Der Junge, ein hübscher Kerl mit feinem, mädchen 
haftem Gesicht, blond, schlank und intelligent, lernte 
so leicht, daß ihn der Vater auf ein städtisches Alum 
nat tat. Als er die Schule hinter sich hatte und er sich 
entscheiden sollte, ob er studieren wolle oder die 
Ferme übernehmen, konnte er sich zu nichts ent 
schließen. Er fand die bäuerische Arbeit unbequem 
und zum Lernen war er zu faul, er lungerte auf der 
Ferme herum, trieb sich in den Wäldern umher und 
fing an zu wildern, bis ich mir das verbat. Gaston hatte 
kein gutes Auge, er konnte einen nie recht ansehen.
        
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