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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

A/ir. 30 
Jahrg 27 
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DIE SCHWESTERN 
A. MAXIME 
Bilder; Lange 
ugo Brenkmann und Artur Braun 
waren das Muster zweier Freunde — 
Orest und Pylades in moderner Form, 
und sicher hätten sie auf diese Namen 
Anspruch erhoben, wenn sie sie ge 
kannt hätten. — 
Gemeinsam hatten sie ihre Jugend 
_ _ verbracht, zusammen waren sie in die 
J ^ ****'" v r * tJ ' Schule eingetreten, und in ungestörter 
Harmonie hatten beide das Abiturium — nicht be 
standen. War es nun ein Wunder, daß sie sich in zwei 
Schwestern verliebten, um ihren Freundschaftsbund 
durch Blutsbande noch inniger zu verknüpfen? 
Helene und Martha hießen die beiden auserwählten 
Wesen, die den festen, unlösbaren Kitt bilden sollten, 
und wie gut Hugo und Artur ihre Wahl getroffen 
hatten, wie richtig die beiden jungen Frauen ihre Auf 
gabe erfaßt hatten, konnte man daraus ersehen, daß 
Hugo hatte Helene auf der Straße überrascht, als sie, aus dem Postamt tretend, 
einen Brief aufgeregt, eifrig las ... 
beiden Ehemännern an demselben Tage zur selben 
Stunde ein Argwohn an der ehelichen Treue ihrer 
besseren Hälften aufstieg. 
Hugo hatte Helene auf der Straße überrascht, als sie, 
aus dem Postamt tretend, einen Brief eifrig, aufgeregt 
las, den sie bei seinem plötzlichen Erscheinen mit 
unverkennbaren Zeichen der Verlegenheit zerriß, 
während Artur — und hierin ließ sich leider nicht 
eine Harmonie der Tatsachen feststellen — auf dem 
Schreibtische Marthas ein zerrissenes Kuvert mit einer 
rätselhaften postlagernden Chiffreadresse gefunden 
hatte. 
Weder der eine noch der andere ließ irgend ein 
Wort über diese unangenehme Entdeckung laut werden, 
nur, als sie eines Abends bei ihrer gewohnten Partie 
Schafskopf saßen und Artur bereits die zweite Partie 
gewann, entfloh ihm unwillkürlich ein schwerer 
Seufzer. 
„Was ist denn los, Artur?“ fragte Hugo. „Du scheinst 
dich ja noch über dein Glück zu beklagen.“ 
„Ja, ja“, erwiderte Artur melancholisch, „Glück im 
Spiel, Pech in der Liebe.“ 
„Na, du hast ja wenigstens im Spiel Glück, aber 
ich “ 
„Ach du. Was hast du zu klagen? Marta betrügt 
mich “ 
„Und ich fürchte, oder richtiger, ich habe Beweise, 
daß Helene mir nicht treu ist.“ 
Und sie seufzten tief, der gemeinsame Kummer löste 
ihre Zungen und offen gestanden sie sich ihre Ver 
mutungen, ihre Befürchtungen. Aber keiner kannte den 
Geliebten seiner Frau, und gemeinschaftlich verab 
redeten sie ihren Feldzugsplan, um endlich Klarheit, 
Gewißheit zu erlangen. 
Weder Helene noch Marta ahnten etwas von dem 
Komplott, und arglos übersahen sie es, daß jedem ihrer 
Schritte jetzt in sicherer Entfernung ein Dienstmann 
folgte. 
Es dauerte auch nicht lange, da suchte Artur freude 
strahlend Hugo auf. 
„Ich habe sie, Alter, ich weiß alles.“ 
„Das trifft sich ja famos“, war Hugos vergnügte Ant 
wort, „ich auch“. 
„Es ist ein Offizier.“ 
„Merkwürdig, meiner ebenfalls.“ 
„Von der Artillerie.“ 
„Richtig, man sieht es, daß unsere Frauen Schwestern 
sind und dieselben Passionen haben.“ 
„Er heißt Graf Salten.“ 
„Nein, — das ist ja Helenens Geliebter.“ 
„Wenn ich dir aber sage, daß Marta . . .“ 
„Du mußt dich irren, ich habe alle Beweise.“ 
„Na, erlaube mal, ich weiß doch aber “ 
Und was das Leben mit allen seinen Kämpfen, allen 
seinen Tücken nicht zustande gebracht hatte, das 
Weib hatte es wieder einmal erreicht. Um den Ge 
liebten ihrer Frauen entstand zwischen den beiden 
Freunden ein so erbitterter Streit, daß sie zombebend, 
ohne Gruß einander verließen. Aber, trotzdem jeder 
für seine Frau mit absoluter Sicherheit den Grafen in 
Anspruch nahm, fraß innerlich der Zweifel doch an 
ihren Herzen. 
Sie mußten Gewißheit haben, und derselbe Gedanke 
durchleuchtete ihr Hirn. 
Kaum war Hugo zu Hause angelangt, da erklärte er 
Helene: 
„Elende, ich weiß alles. Du betrügst mich!“ 
Frau Brenkmann leugnete natürlich und protestierte 
mit aller Entrüstung eines noch nicht überführten Ver 
brechers. Aber Hugo blieb fest und unterbrach ihren 
Redeschwall: „Leugne nicht, ich weiß alles. Er heißt 
Graf Salten.“ 
„Nein, nein, es ist nicht wahr, es ist Verleumdung“, 
weinte Helene.
        
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